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Wissenschaftsgeschichte: Pionierin im Neuronendickicht

Cécile Vogt gehörte zu den ­Vorkämpferinnen für Frauen in der Wissenschaft. Gemeinsam mit ihrem Mann Oskar schuf die Neurologin die ersten detaillierten Karten des menschlichen Gehirns.
Cécile und Oskar Vogt

Frauen dieser Profession bringen nicht nur Handtücher und Tischdecken mit in die Ehe. Die französische Neurologin Cécile Mugnier steuerte 1899 anlässlich ihrer Heirat mit Oskar Vogt (1870-1959), ebenfalls Arzt und Hirnforscher, handfestes wissenschaftliches Untersuchungsmaterial zum gemeinsamen Haushalt bei: 30 konservierte Gehirne. Es sollte eine ­lebenslange, sehr produktive Ehe werden, der nicht nur zwei Töchter entsprangen – die später ebenfalls medizinisch forschten –, sondern auch über 3000 Seiten gemein­same wissenschaftliche Publikationen. "Cécile und Oskar Vogt sind das Forscherteam des beginnenden 20. Jahrhunderts", erklärt Michael Hagner, Mediziner und Wissenschaftshistoriker an der ETH Zürich.

Im Lauf ihres langen Wissenschaftlerlebens fertigte Cécile tausende Schnittserien menschlicher und tierischer Gehirne an. Sie und Oskar verfolgten mit ihren neuroanatomischen Studien ein Ziel: Sie wollten heraus­finden, welche zellulären und molekularen Strukturen das menschliche Bewusstsein bilden. Jedes psychologische Phänomen besitze eine anatomische Grundlage, sein Ursprung liege im Gehirn, davon waren die beiden überzeugt. Ihr Kollege Santiago Ramón y Cajal (1852-1934), der im Jahr 1906 den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin erhielt, stellte die Vogts noch zu Lebzeiten in eine Reihe mit anderen berühmten Forscherpaaren wie Pierre und Marie Curie. Ähnlich wie Astronomen, die durch Sternbeobachtungen das Universum beschreiben, hätten sie mit ihrer Arbeit eine Karte des menschlichen Gehirns erschaffen, so Cajal. Cécile und Oskar Vogt legten damit den Grundstein für die modernen Neurowissenschaften.

"Céciles Gesicht war das einer Grande Dame, mit einem etwas traurigen Lächeln, das nie von ihren Lippen verschwand. Ihre Augen waren ausdrucksstark und zeigten den wechselnden Grad ihres Interesses, Zu­stimmung oder Missfallen und eine ständige Aufmerksamkeit." So beschrieb Igor Klatzo (1916-2007), Neuropathologe und Mitarbeiter der Vogts nach dem Zweiten Weltkrieg, seine ehemalige Chefin.

Schon als Jugendliche verfolgte die am 27. März 1875 in Annecy unehelich geborene Cécile Mugnier eigene Wege …

10/2017

Dieser Artikel ist enthalten in Gehirn&Geist 10/2017

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  • Quellen

Amunts, K. et al.: Outstanding Language Competence and Cytoarchitecture in Broca's Speech Region. In: Brain and Language 89, S. 346-353, 2004

Hagner, M.: Im Pantheon der Gehirne. Die Elitegehirnforschung von Oskar und Cécile Vogt. In: Schmuhl, H.-W. (Hg): Rassenforschung an Kaiser-Wilhelm-Instituten vor und nach 1933. Wallstein, Göttingen 2003

Klatzo, I.: Cécile and Oscar Vogt: The Visionaries of Modern Neuroscience. Acta Neurochirurgica Supplement 80, Springer, Heidelberg 2002

Martin, M. et al.: Neurologie und Neurologen in der NS-Zeit: Hirnforschung und "Euthanasie". In: Der Nervenarzt 87 (Suppl. 1), S. S30-S41, 2016

Ramón y Cajal, S.: Reglas y consejos sobre investigación científica. Madrid 1912

Satzinger, H.: Die Geschichte der genetisch orientierten Hirnforschung von Cécile und Oskar Vogt in der Zeit von 1895 bis ca. 1927. Deutscher Apotheker Verlag, Stuttgart 1998

Spengler, T.: Lenins Hirn. Berliner Taschenbuch Verlag, Berlin 2003

Vogt, C.: Warum stellen wir die Hirnanatomie in den Mittelpunkt unserer Forschung? In: Naturwissenschaften 21, S. 408-410, 1933