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Wissenschaft und Öffentlichkeit: Wissenschaftskommunikation: Woran scheitert sie?

Der Konstanzer Wissenschaftsphilosoph Jürgen Mittelstraß nimmt Stellung zu dem schwierigen Umgang der modernen Gesellschaft mit der Wissenschaft.


Wenn es um das Verhältnis von Wissenschaft und Öffentlichkeit, von Wissenschaft und Gesellschaft geht, schrillen derzeit allerorten die Alarmglocken. Die Wissenschaft – gewohnt, mit dem absoluten Geist im Rücken im Namen der Wahrheit und eines allem überlegenen Wissens zu sprechen – trifft auf eine Welt, die sich in Sachen Wissenschaft ihre eigenen Gedanken zu machen beginnt. Die Gesellschaft fordert einerseits Nützlichkeit, auch und gerade im Ökonomischen, und andererseits neigt sie mehr und mehr dazu, die Wissenschaft für Risiken und unerwünschte Entwicklungen verantwortlich zu machen, die heute ihren Alltag bestimmen. Nicht alles, was die Forschung tut, ist mehr willkommen, und nicht alles, was die Forschung will, wird mehr akzeptiert. Auf einmal, so scheint es, ist aus dem Wunderkabinett der Wissenschaft die Büchse der Pandora geworden.

Doch ist das Verhältnis wirklich so schlecht? Gibt es einen Akzeptanzverlust (wenn es um die früher als Segnungen bezeichneten Früchte der Wissenschaft geht), eine Wissenschaftsfeindlichkeit (meist im Verbund mit Technikfeindlichkeit) und eine Verantwortungskrise (auf das moralische Fundament auch des wissenschaftlichen Handelns bezogen)? Braut sich da wirklich ein Waterloo der Wissenschaft zusammen aus einem Gemisch, das Dieter Simon, der Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, mit folgenden Schlagworten beschreibt:

- "Akzeptanzverweigerung gegenüber wissenschaftlichen Resultaten;

- Verständnislosigkeit gegenüber den Bedürfnissen der Wissenschaft;

- Zweifel an der Objektivität wissenschaftlicher Urteile;

- Angst vor der Unbeherrschbarkeit der Folgen wissenschaftlich-technischen Handelns;

- Verunsicherung durch Ethikdefizite in den Reihen der wissenschaftlichen Akteure;

- Mängel in der culture scientifique, technologique et industrielle, wie die Franzosen sagen;

- Verlust des Leitbilds der Wahrheit"?

Gleich vorweg: Ich halte das für sehr unwahrscheinlich und eher für das Resultat einer Weinerlichkeit in der Selbstanalyse der Wissenschaft und einer Freude der Medien an schlechten Nachrichten als für ein objektives Bild der Lage.

Umgekehrt teile ich auch die Vorstellung nicht, eine scientific illiteracy, wie die Verstehenslücke zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit gerne bezeichnet wird, lasse sich durch Programme im Sinne von public understanding of science wirklich schließen. Gewiss muss auf Seiten der Wissenschaft "das Bewusstsein dafür weiter gestärkt werden, dass die Information der Öffentlichkeit zur Legitimation wissenschaftlichen Tuns gehört, ja, dass aktives Werben um Vertrauen, Anerkennung und letztlich finanzielle Unterstützung zu den Aufgaben eines Wissenschaftlers gehören", wie das Ernst-Ludwig Winnacker, Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, ausgedrückt hat. Aber führt ein solches Bewusstsein, das in der Tat zu den Selbstverständlichkeiten wissenschaftlicher Arbeit gehört, auch zu neuen Instrumenten, mit denen sich die genannte Lücke schließen lässt? Oder anders: Wie verständlich kann Wissenschaft überhaupt sein? Woran scheitert die Kommunikation über Wissenschaft wirklich?

Eines ist in diesem Zusammenhang jedenfalls klar: Popularisierung wäre zu wenig – hier würde im Grunde eine längst obsolet gewordene Vorstellung eines Dualismus von wahrheitsverwaltender Wissenschaft und dummem Volk weitergetragen. Andererseits wäre eine Transformation von illiteracy in literacy, von Unverstand in wirkliches Verstehen zu viel – hier müsste sich ja der wissenschaftliche Laie selbst in einen Wissenschaftler verwandeln. In diesem Sinne hat denn auch Dieter Simon den Initiatoren eines Aktionsprogramms namens PUSH (public understanding of science and humanities) – jetzt umgetauft in "Wissenschaft im Dialog" – empfohlen, sich aus der Falle zu befreien, "Wissenschaft popularisieren zu wollen", und sich zugleich von der Illusion zu verabschieden, "öffentlich verstanden zu werden". Aus dem – zu Recht oder zu Unrecht – ausgerufenen Notstand führt eben weder der eine Weg (Popularisierung) noch der andere (Verwissenschaftlichung des Verstehens) heraus.

Eher schon sollte die Aufklärung über diesen Notstand selbst weiterhelfen, also der Versuch, auf eine nüchterne und auch dem nicht-wissenschaftlichen Verstand zugängliche Weise aufzuzeigen, welche begrifflichen und konzeptionellen Unklarheiten es in der Diskussion über Wissenschaft gibt und wo die Grenzen des Verstehens liegen, die es zwangsläufig geben muss.

Hierzu möchte ich drei Thesen vorstellen:

These 1:
Nicht Klarheiten, sondern Mythen bestimmen heute weitgehend das Verhältnis von Wissenschaft und Öffentlichkeit. Mit diesen Mythen biedert sich der halbgebildete Verstand beiden Seiten an und schürt dabei einen neuen Streit der Fakultäten, den er gerade zu überwinden vorgibt.

Auch in unserer durch Wissenschaft geprägten Welt gibt es Mythen. Zum Beispiel die Vorstellung, dass in der Wissenschaft alles empirisch sei. Oder neue Mythen der Vergänglichkeit und der künstlichen Intelligenz.

Betrachten wir als Erstes den Mythos der Vergänglichkeit. Oft ist davon die Rede, dass das, was wir eben noch zu wissen meinten, mit einer bestimmten "Halbwertszeit" verfällt. Diese Terminologie stammt aus den Lehrbüchern der Kerntechnik und des Strahlenschutzes. Es heißt, dass sich die Halbwertszeit des Wissens in rasanter Weise verringere – heute meint man in einem Zeitraum von etwa fünf Jahren. Das aber ist Unsinn. Was einmal erkannt oder entdeckt ist, was sich einmal als begründet und erwiesen, als den zu erkennenden Gegebenheiten entsprechend herausgestellt hat, verliert – Irrtumsmöglichkeiten selbstverständlich immer in Rechnung gestellt – nicht alle fünf Jahre seine Wahrheit. Das gilt von mathematischen Einsichten ebenso wie vom Periodensystem der Elemente oder von unserem Wissen über Naturgesetze. Was hier offenbar gemeint ist, dann aber auch so ausgedrückt werden sollte: Unser Wissen vermehrt sich immer schneller, etwa alle fünf Jahre verdoppelt es sich.

Das ist zweifellos für sich selbst genommen schon ein großartiger Ausdruck erfolgreichen menschlichen Strebens nach Einsicht und Wissen. Allerdings will sehr genau beurteilt werden, um welches Wissen es sich da jeweils handelt. Wir zählen hier möglicherweise viel Überflüssiges und Unbedeutendes mit, was nur die Publikationslisten der Wissenschaftler verlängert. Nicht alles Rechnen hinter dem Komma macht Sinn. Nicht alles, was wir in Erfahrung bringen, weil es unsere Instrumente registrieren und erheben können, bringt uns in unserem Streben nach Einsicht und (relevantem) Wissen wirklich weiter. Neben dem unaufhaltsam wachsenden Informationsmüll gibt es auch eine Art Wissensmüll.

Auch der Mythos, die natürliche Intelligenz werde durch eine künstliche Intelligenz (KI) abgelöst, hält sich hartnäckig. Gefördert wird er von selbst ernannten Propheten, die auf die Fortschritte von Gen- und Informationstechnologie, Robotik und Hirnforschung verweisen. Unter ihnen sind viele vom Schlage eines Ray Kurzweil und Bill Joy, denen jüngst auch solche Journale, die sonst auf Nüchternheit und Unaufgeregtheit bedacht sind, mit wohligem Grusel ihre Spalten öffneten. Da siegt das unverdaute Zeug über jede Differenzierung, ein makabres Feuilleton über sachlich und wissenschaftlich informiertes Argumentieren.

Dabei zeugen wiedererweckte Erwartungen an eine künstliche Intelligenz von gewaltigen Missverständnissen – etwa dem, dass aus einer weiteren Zunahme von Rechengeschwindigkeiten ein qualitativer Umschlag in Intelligenz erfolge. Zudem wird ein dem Menschen vergleichbares System künstlicher Intelligenz – falls es wirklich Wege dorthin geben sollte – "nicht unterhalb des Komplexitätsgrades realisierbar sein, den die Großhirnrinde erreicht hat", wie es der renommierte Hirnforscher Wolf Singer ausdrückte. Dabei sei "man heute noch nicht einmal in der Lage, Teile eines Fliegenhirns zu simulieren, geschweige denn die Leistungen einer ganzen Fliege". Auch Singer wiederholt in diesem Zusammenhang die über 200 Jahre alte Frage Kants, ob sich das Bewusstsein, ob sich ein kognitives System überhaupt selbst vollständig beschreiben könne. Unsere Utopisten à la Kurzweil und Joy überspringen diese Frage einfach – mit nichts als ihren Fantasien (und gelegentlich starken wirtschaftlichen Interessen) in der Hand.

Doch auch ohne eine derartige, erkenntnistheoretisch subtile Frage bliebe ein mögliches KI-Land dürr. Versteht man auch nur ein wenig von einer Turing-Maschine – dem Grundmodell aller programmierbaren Rechner – und von deren konstruktiver Einfachheit, dann könnte einem angesichts der anspruchsvollen Argumentationen Kants, der kunstvollen Sonette Rilkes oder der scharfsinnigen Aphorismen Lichtenbergs und Nietzsches das Lachen kommen – wenn es einem nicht angesichts der Naivität, mit der nur allzu oft über die Vergleichbarkeit von Mensch und Maschine gesprochen wird, im Halse stecken bliebe. Das Ganze ist denn auch eher ein Medienereignis als eine Maßnahme zur Behebung der beklagten illiteracy.

These 2:
Die wissenschaftspolitische Debatte wird heute maßgeblich durch einen gesellschaftlichen Disput um Risiko und Akzeptanz bestimmt. Dieser Disput ist meist unterscheidungsarm und ideologisch unterlegt, und er gefährdet, wenn die gesellschaftliche Urteilskraft mit den tatsächlichen Wissenschaftsleistungen und deren Nutzung nicht Schritt hält, die Grundlagen der modernen Welt.

Ein weiterer langlebiger Mythos ist die Vorstellung einer fehlenden Wissenschafts- und Technikakzeptanz. Dabei ist diese Akzeptanz – wie mittlerweile auch zahlreiche empirische Studien belegen – heute nicht geringer als früher, als die Wissenschaftswelt, aus heutiger Sicht betrachtet, noch in Ordnung schien. Der Unterschied ist nur, dass diese Akzeptanz heute nicht mehr unkritisch ist. Das aber sollte eigentlich zu den Stärken einer rationalen Gesellschaft gezählt werden, und nicht zu ihren Schwächen.

Worum geht es genauer? Zunächst zum Begriff des Risikos. Er nimmt heute in der unklaren und vielleicht gerade deswegen so beliebten Rede von einer "Risikogesellschaft" geradezu universale Formen an. Es drängt sich der Eindruck auf, die moderne Gesellschaft habe sich, getrieben durch Wissenschaft und Technik, aus risikoarmen Räumen, die einmal ihr Zuhause waren, in einen durchgehenden Risikozustand drängen lassen und müsse diesen nun, um überleben zu können, wieder verlassen – gegebenenfalls auch auf Kosten von Wissenschaft und Forschung. Dieser Eindruck ist falsch. Tatsächlich ist das Leben, auch das gesellschaftliche, gegenüber früher nicht risikoreicher geworden. Nur die Formen der Risiken haben sich im Zuge der Entwicklung technischer Kulturen verändert. Außerdem ist der Begriff des Risikos selbst durch zahlreiche Unklarheiten belastet, die meist durch mangelnde Unterscheidungen hervorgerufen werden.

Wichtig ist in diesem Zusammenhang, zwischen "gewählten" und "gegebenen" Risiken zu unterscheiden. Zu Ersteren gehören die Risiken, die man freiwillig eingeht, wie etwa beim Skilaufen oder beim Fliegen. In der Regel wird das Eingehen eines solchen Risikos akzeptiert. Das Leben unter einem gegebenen Risiko hingegen – zum Beispiel im Hinblick auf Erdbeben oder "normale" Krankheiten – wird nicht akzeptiert, und zwar unter der illusionären Annahme, solche gegebenen Risiken ließen sich durch geeignetes gesellschaftliches Handeln beziehungsweise Nicht-Handeln vermeiden. Hierhin gehören auch Handlungen unter Risiko, das heißt Handlungen, bei denen neben der Realisierung des intendierten Zwecks auch – mit einer gewissen Eintrittswahrscheinlichkeit – unerwünschte Folgen entstehen können.

Zu diesem zweiten Typ Risiko gehört in der öffentlichen Wahrnehmung auch das Forschungshandeln. So werden die Zwecke moderner Forschung wie etwa in der Gentechnik und der Reproduktionsmedizin akzeptiert (zumindest zu großen Teilen), die möglichen unerwünschten Folgen hingegen nicht. Diese Nicht-Akzeptanz geht bisweilen bis hin zu der Empfehlung, auf die (positiven) Zwecke ganz zu verzichten, um mögliche (negative) Folgen zu vermeiden. Verstärkt wird diese Haltung, die zunächst einmal etwas über die Ängstlichkeitslagen und die Chancenfreudigkeit einer Gesellschaft aussagt, durch ein Prinzip, das man nach dem von Hans Jonas formulierten Verantwortungsbegriff das "Jonas-Prinzip" nennen könnte: die Aufforderung nämlich, alles zu unterlassen, was möglicherweise Gefahren birgt.

Tatsächlich führt die Verfolgung eines derartigen Prinzips zu einer Ungleichverteilung von Risiken und Chancen – und schließlich auch dazu, dass die Risiken nicht etwa sinken, sondern sogar steigen, weil nämlich durch fehlende Forschung und Entwicklung zum Beispiel die Fähigkeit verloren geht, auf die Herausforderungen und Gefahren der andauernden natürlichen Evolution zu reagieren. Dies müsste in der öffentlichen Debatte, vor allem von Seiten der Wissenschaft selbst, sehr viel deutlicher gemacht werden als bisher.

Verbunden mit dem Begriff des Risikos ist in der öffentlichen Diskussion der Begriff der Akzeptanz. Die Befolgung eines Jonas-Prinzips – beziehungsweise eine Situationswahrnehmung, deren Ausdruck ein solches Prinzip ist – führt zu sinkender Akzeptanz von Forschung und Technologie. Nun ist zwar ein derartiges Schwinden der Akzeptanz tatsächlich feststellbar, doch wird dieser Umstand eben erheblich übertrieben. Hier ist es angebracht, sich folgende Schlichtheiten wieder ins Gedächtnis zu rufen.

Dass wissenschaftliche und technische Entwicklungen, die gravierend in das gesellschaftliche und individuelle Leben eingreifen, auf ein kritisches Bewusstsein stoßen, ist nicht krisenhaft, sondern normal. Gäbe es ein derartiges Bewusstsein nicht, müsste sich gerade die moderne Gesellschaft, die in ihrer dynamischen Entwicklung auf Wissenschaft und technischen Fortschritt setzt, vorwerfen lassen, in Dingen, die ihr eigenes Wesen und ihre eigene Rationalität betreffen, naiv zu sein. Sie nähme ihre eigene Entwicklung wie einen sich entwickelnden Naturzustand wahr. So betrachtet ist denn auch ein (gesellschaftlicher) Streit um Resultate und Folgen der Wissenschaft nicht unnötig oder gar von vornherein ideologisch, sondern notwendig. Allerdings sollte dieser Streit mit den Stärken einer rationalen Kultur, nämlich mit Verstand und Vernunft, geführt werden und nicht gegen sie. Wo er gegen Verstand und Vernunft geführt wird, verlässt er die Grenzen einer rationalen Kultur und wird irrational. Hier liegen also tatsächlich wesentliche Aufklärungsaufgaben im Verhältnis zwischen Wissenschaft und Gesellschaft.

Wie irrational dieser Streit im Übrigen gelegentlich geführt wird, lässt sich am Beispiel Chemie verdeutlichen. Nahrungsmittel, die chemisch oder gentechnisch behandelt sind, gelten oft ohne Ansehen der Umstände als gefährlich, während solche, die ohne Chemie und Gentechnik gezogen und geerntet wurden, als gesund – weil rein natürlich – angesehen werden. Dabei ist bekannt, dass Getreide, das in Berührung mit der Agrarchemie geraten ist, meist keinerlei chemische Rückstände – etwa von Pflanzenschutzmitteln – aufweist, während im anderen, im "ökologischen" Falle beispielsweise gefährliche Mutterkorn-Alkaloide oder Schimmelpilz-Aflatoxine auftreten können. Das Gleiche ist bei gentechnisch veränderten Organismen der Fall, mit denen bestimmte Risiken – zum Beispiel im Allergiebereich – nicht etwa erhöht, sondern gesenkt werden. Natur, so die verbreitete Parole, sei eben immer gesund, wenn man sie nur in Ruhe lässt; Chemie hingegen sei immer gesundheitsgefährdend. Übersehen wird dabei, dass natürliche Stoffe durchaus wesentlich gefährlicher sein können als industrielle Chemikalien oder gentechnisch behandelte Substanzen.

Im Übrigen ist die Rede von Akzeptanz in der Regel ebenso unterscheidungsarm wie die Rede vom Risiko oder von einer Risikogesellschaft. Das macht vor allem die in diesem Zusammenhang notwendige, meist aber eben unterbleibende Unterscheidung zwischen Akzeptanz (einem empirischen Kriterium) und Akzeptabilität (einem normativen Kriterium) deutlich. Gemeint ist die Unterscheidung zwischen dem, was faktisch akzeptiert wird, und dem, was akzeptiert und dann auch zugemutet werden sollte. Wo diese Unterscheidung nicht getroffen wird, beziehungsweise wo das eine (Akzeptanz als empirisches Kriterium) an die Stelle des anderen (Akzeptabilität als normatives Kriterium) tritt, wird nicht nur die Bedeutung der Rede von Akzeptanz unklar, es wird auch zwischen dem Vernünftigen und damit Zumutbaren auf der einen und dem Unvernünftigen auf der anderen Seite nicht mehr unterschieden.

Das bedeutet natürlich nicht, dass schwindende Akzeptanz allein Ausdruck gesellschaftlicher Dummheit ist. Sie ist vielmehr Indiz dafür, dass mit dem gesellschaftlichen Diskurs über Wissenschaft etwas nicht stimmt. Mit anderen Worten: Akzeptanzkrisen sind in rationalen Kulturen normal, wenn sie Elemente einer Akzeptabilitätskrise aufweisen. In diesem Sinne sind Wissenschafts- und Technikkritik der rationale Stachel im Fleisch einer modernen Gesellschaft. Sie erinnern diese daran, dass nicht nur Irrationalismus und Fundamentalismus ihre Feinde sind, sondern auch Urteilsschwäche und argumentative Armut.

These 3:
Wo sich Wissenschaft und Gesellschaft in den Haaren liegen und sie manchmal nicht wissen warum, hilft nur Aufklärung über das weiter, was Wissenschaft zu leisten vermag und was nicht, desgleichen Gelassenheit im Umgang mit dem Verständlichen und dem Unverständlichen. Dass Wissenschaft Teil einer gemeinsamen (gesellschaftlichen) Praxis ist, bedeutet nicht Unterwerfung unter diese Praxis, sondern deren zukunftsoffene Erweiterung.

Der Schleier des Unverständnisses, der heute nach Meinung vieler über dem Verhältnis zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit, zwischen Wissenschaft und Gesellschaft liegt und die Kommunikation über Wissenschaft häufig scheitern lässt, dürfte sich leichter lüften lassen, wenn wenigstens Klarheit über das Verständliche und das Unverständliche sowie über die Wege herrschte, die zwischen beiden gangbar sind. Die Frage ist: Wie verständlich ist, wie verständlich kann, wie verständlich soll Wissenschaft sein?

Trotz aller Erfolge der derzeitigen intensiven Bemühungen, Wissenschaft verständlich zu machen, kommt man nicht um die Tatsache herum, dass sich wissenschaftliches Verständnis nicht überall herstellen lässt. Schwierige oder komplexe Sachverhalte lassen sich eben nicht beliebig vereinfachen. Fachterminologien, ohne die die Wissenschaft ihre Exaktheit und ihre "Sprache" verlöre, können nicht in allen Teilen in umgangssprachliche Formen und Verständlichkeiten transformiert werden. Wer dennoch anderer Meinung ist, muss zwangsläufig mit Enttäuschungen leben.

Es ist unvermeidlich, dass die Wissenschaft in einem gewissen Sinne unverständlich ist. Wissenschaft befasst sich mit Dingen, die dem nicht-wissenschaftlichen Verstand nicht in gleicher Weise zugänglich sind wie dem wissenschaftlichen Verstand, jedenfalls nicht ohne lange Ausbildungswege. Und Wissenschaft spricht in einer Sprache, die zunächst einmal nur sie selbst versteht. Beides gehört zu ihrem Wesen, und beides hat auch etwas mit ihrer Aufgabe zu tun. Noch pointierter ausgedrückt: Wissenschaft, verständlich gemacht, verliert ihre Wissenschaftlichkeit – und zu diesem "Opfer" sind nur wenige Wissenschaftler bereit, selbst wenn es nur darum geht, die eigenen Forschungsergebnisse allgemein darzustellen.

An den Wegen einer Wissenschaft, die sich verständlich zu machen sucht, lauern zudem viele Missgünstige und Verständlichkeitsfeinde, darunter auch viele Wissenschaftler selbst. Sie nutzen die Möglichkeit, unter dem Deckmantel des Wissenschaftlichen Dinge unnötig zu komplizieren. Das betrifft nicht nur die Sprache, sondern auch die Theorien, mit denen sich die Wissenschaft darstellt. Manche Theorien kommen wie des Kaisers neue Kleider daher, vor allem in den Geistes- und Sozialwissenschaften, die sich immer wieder einem besonderen Legitimationsdruck ausgesetzt sehen. Da liegt dann die Flucht in den terminologischen Schwulst und die Verklausulierungssucht nahe; das Einfache (auch in der Sprache) erscheint als der Feind der eigenen Bedeutungsvermutung. Das aber heißt: Der Ausweis der Wissenschaftlichkeit erfolgt hier durch den (rettenden) Nachweis der Unverständlichkeit. Man spricht eben die Sprache des absoluten Geistes, der sich nur den Eingeweihten offenbart, zu denen man natürlich gehören möchte.

Leider ist dieser Fall keineswegs selten. Dass man sich in dieser Weise versteht, stört die Bemühung des wissenschaftlichen und des nicht-wissenschaftlichen Verstandes erheblich, sich in einer gemeinsamen, verständlichen Welt einzurichten. Deshalb ist aber auch Wissenschaftskritik – wissenschaftlich informiert und mit Augenmaß betrieben – angesichts der weitgehenden "Sprachlosigkeit" zwischen Wissenschaft und Gesellschaft eine ebenso wichtige Aufgabe wie die Bemühung des Alltagsverstandes, sich in der Welt des wissenschaftlichen Verstandes umzusehen.

Wissenschaft ist also längst nicht mehr der reine Hort der Wahrheit und des gesellschaftlichen Glücks. Aber sie ist die Zukunft der modernen Gesellschaft, ob diese es will oder nicht. Deshalb plädiere ich für Selbstaufklärung der Wissenschaft. Eine Aufklärung der Wissenschaft durch die Gesellschaft würde auf andere Rationalitäten setzen und in der Regel einem undurchschauten Paradigmenwechsel unterliegen. Weil der nicht-wissenschaftliche Verstand in vielerlei Hinsicht den wissenschaftlichen Verstand nicht versteht, erkennt er auch nicht, wo dessen Stärken und wo dessen Schwächen liegen.

Das bedeutet indes nicht, dass eine Kooperation des wissenschaftlichen und des nicht-wissenschaftlichen Verstandes unter einer Aufklärungsperspektive keine Vorteile bieten würde. Jeder Schritt, der die andere Seite zum Nachdenken zwingt, ist sinnvoll. Man darf nur nicht zu viel verlangen und zu viel versprechen. Eben dazu tendieren heute sowohl der wissenschaftliche als auch der nicht-wissenschaftliche Verstand. Auch deshalb sollte auf beiden Seiten mehr Gelassenheit herrschen. Die Verhältnisse zwischen dem wissenschaftlichen und dem nicht-wissenschaftlichen Verstand bleiben, wenn es um die kritische Orientierung des einen durch den anderen geht, asymmetrisch. Das mag vielen missfallen, ist aber der Preis des wissenschaftlichen Wesens der modernen Gesellschaft.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 8 / 2001, Seite 82
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
8 / 2001

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 8 / 2001

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