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Wissenschaftszentrum Nordrhein-Westfalen - Forum für streitbaren Austausch

Die über die alte Industrieregion des Rhein-Ruhr-Reviers verteilte junge Institution fördert den interdisziplinären und interkulturellen Dialog, wo gesellschaftliches und politisches Handeln besonders erforderlich ist und der Orientierung an wissenschaftlichen Einsichten bedarf.

Die deutschen Hochschulen sind in der Lehre extrem belastet: Auf etwa 800000 Ausbildungsplätzen versuchen 1,8 Millionen junge Menschen zu studieren. In den letzten 15 Jahren ist die Zahl der Studienanfänger um 76 Prozent, die der Lehrkräfte bundesweit dagegen nur um 6 Prozent gestiegen.

Auch die Situation in der Hochschulforschung ist angespannt – der Wettbewerb um öffentliche und private Mittel ist hart, der Aufwand oft größer als der Ertrag. Und die Konkurrenz mit den besser ausgestatteten außeruniversitären Forschungseinrichtungen macht es sehr schwer, bisweilen sogar unmöglich, international Schritt zu halten.

Die Probleme, vor denen eine solcherart angespannte Universität steht und die sie auch selbst erzeugt, sind oft genannt. Bedeutsam sind nicht zuletzt jene, die auf kommunikative Schwächen verweisen. So ist es zunächst paradox und dann doch wieder sofort einsehbar, daß der Wissenschaftsbetrieb – je hochtouriger er läuft – eher schwache kommunikative Leistungen hat, nach innen wie nach außen.

Oft ist es unmöglich, die notwendige Wechselwirkung von Wissenschaft und Gesellschaft zu garantieren. Nicht selten verkümmern die Dialoge zwischen Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Kultur zum bloßen Technologietransfer.

Auch erlahmt der Diskurs zwischen den beiden großen Wissenschaftswelten unserer Zeit, der naturwissenschaftlich-technischen und der literarisch-sozialwissenschaftlichen „Kultur“, wie sie der englische Physiker und Romancier Charles Percy Snow in seinem berühmten und umstrittenen Buch „Die zwei Kulturen“ von 1959 genannt hat. Der streitbare Austausch zwischen ihnen ist kein Glasperlenspiel der Wissenschaftstheorie – er ist ein Teil der unserer Zeit gemäßen Aufklärung. Wer diesen Streit scheut, weil er angeblich Wichtigeres zu tun hat, wird von ihm dort eingeholt, wo er nicht mehr rational zu führen ist. Der vielbeklagte Mangel an öffentlicher und politischer Akzeptanz der Wissenschaften hat ihren Grund häufig genug in intellektueller Bequemlichkeit der Wissenschaften selber.

Das Erfordernis, die Kluft auch von der Gegenseite her zu überbrücken, hat beispielsweise der Autor der „Physiker“, Friedrich Dürrenmatt, noch kurz vor seinem Tod formuliert. In seinem letzten Interview im Dezember 1990 wurde er gefragt, warum er sich als Schriftsteller mit Naturwissenschaften beschäftige. Seine Antwort: „Die Welt dramaturgisch in den Griff zu bekommen, das geht heute ohne Beschäftigung mit der Wissenschaft überhaupt nicht. Was die Welt verändert, ist doch nicht die Politik oder Kunst, sondern eben die Wissenschaft. Die zweite, die naturwissenschaftliche Kultur ist heute das Entscheidende. Die Politik hinkt nach. Sie versucht mühsam, die Entwicklung zu steuern. Die Schriftsteller, die aus Vorsatz naturwissenschaftlich ungebildet sind, verstehe ich nicht.“

Das sind einige Stichworte dafür, weshalb es dem Land Nordrhein-Westfalen zweckmäßig und an der Zeit schien, mit einer eigenen Institution diese kommunikativen Defizite anzugehen. So wurde 1989 das Wissenschaftszentrum Nordrhein-Westfalen gegründet.

Struktur und Aufgaben

Zentralistisch ist diese Einrichtung indes nicht. Ihr Dach in Düsseldorf ge-hört zum Geschäftsbereich des Ministerpräsidenten, während die drei Institute bei den entsprechenden Fachressorts angesiedelt sind: das Institut Arbeit und Technik in Gelsenkirchen beim Minister für Arbeit, Gesundheit und Soziales, das Kulturwissenschaftliche Institut in Essen beim Wissenschaftsminister und das Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt, Energie beim Wirtschaftsminister. Ihre Namen kennzeichnen Felder, auf denen gesellschaftliches und politisches Handeln besonders dringlich des Austauschs mit den wissenschaftlichen Einsichten bedarf.

Die Aufgabe des Düsseldorfer Hauses ist das skizzierte Dialogmanagement zwischen Wissenschaftsdisziplinen einerseits und Politik, Wirtschaft, Kultur und Öffentlichkeit andererseits. Zwei Grundfragen bestimmen dabei die Arbeit und die Wahl der Themen: Wie beeinflussen technische Innovationen voraussichtlich unser kulturelles und soziales Leben? Und wie können kulturelle Trends und kulturwissenschaftliche Einsichten in einer technischen Welt neue Orientierung schaffen? Zudem ist das Wissenschaftszentrum ein Forum für gesellschaftliche, politische und kulturelle Probleme unserer Zeit, die gewiß einmal eine Schwellenepoche heißen wird.

Seit seiner Gründung hat sich das Wissenschaftszentrum als Ort erwiesen, an dem sich Wissenschaftler, Politiker, Menschen aus der Wirtschaft und Intellektuelle verschiedenster anderer Profession aufeinander einlassen. Zu einer seiner bedeutsamen Aufgaben ist es überdies geworden, neue wissenschaftlich-technische Trends einer weiteren Öffentlichkeit bekanntzumachen und die Diskussion über ihre kulturellen und sozialen Folgen, ihren umfassenden Nutzen und ihre ebenso umfassenden Kosten, anzuregen.

Die Mitarbeiter in Düsseldorf sind – bis auf den Präsidenten – keine Professoren, vielmehr qualifizierte Nachwuchswissenschaftler aus Physik, Biochemie, Mathematik, Germanistik, Politikwissenschaft, Volkswirtschaft und Journalistik – eine kleine Crew, die den Reiz der interdisziplinären Moderation und des Dialogmanagements an der Schnittstelle von Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Kultur kennengelernt hat.

Kongresse, Arbeitskreise und Foren

Wie intensiv die beiden Wissenschaftskulturen aufeinanderstoßen können, war für die Teilnehmer des großen Kongresses „CULTEC – Kultur und Technik im 21. Jahrhundert“ (Bilder 1 und 2), der im November 1991 in Essen stattfand, fast sinnlich spürbar, beispielsweise als Neurobiologen und Roboterforscher sich mit Anthropologen und Philosophen in die Wolle gerieten.

Technologie und Technik erreichen im nächsten Jahrzehnt offenbar eine neue Qualität. Bisher hat die Technik vorwiegend auf die Natur zugegriffen (die Verkürzung und Einengung des Begriffs auf „Umwelt“ ist dafür symptomatisch). Demnächst greift sie wohl auf den Menschen als Gattungswesen zu. Der Kongreß fragte nach halbwegs zuverlässigen Szenarien: Was wird sein? Was ist vernünftig, was wünschenswert, was überhaupt und in welcher Richtung steuerbar? Er brachte kreative Außenseiter zusammen mit der kreativen Schulwissenschaft – und dazu jene künstlerische Avantgarde, die sich im Grenzbereich von Technologie und Theorie bewegt.

Den kleineren Rahmen für solcherart Diskussionen bieten im Wissenschaftszentrum Arbeitskreise oder Foren, etwa über „Literatur im Informationszeitalter“, wobei Literaturwissenschaftler und Computerfachleute aneinandergeraten und sich dann etwas zu sagen haben.

Fruchtbares Überschreiten von Fachgrenzen und Vernetzung der Themen fördern wir aber auch bei den sogenannten Zukunftstechnologien: Die Arbeitskreise Mikro- und Nanotechnik, Supraleitung, Optoelektronik, aber auch Mathematik in Forschung und Praxis oder Umweltbewußtsein und umweltgerechtes Verhalten sind interdisziplinäre Foren mit regelmäßigen Sitzungen oder Symposien.

Um nur ein Beispiel für Innovation durch Dialog zu geben: Im ständigen Forum Biosensorik erschien gestandenen Meßtechnikern, die physikalische Sensoren für Automobile, Photokopierer oder für die Produktionstechnik entwickeln, die Kombination ihrer Technik mit biologischen Komponenten zunächst wie pure Alchemie. Erst langsam wird ihnen und uns das riesige Anwendungsfeld der Biosensoren in der Umwelt- und Gesundheitsüberwachung sichtbar (siehe auch Spektrum der Wissenschaft, September 1992, Seite 99).

Daneben stehen große Kongresse wie „Energiesparendes und solares Bauen“ und umfangreiche Messebeteiligungen, etwa in Hannover, wo der Pavillon Nordrhein-Westfalens in den letzten Jahren einige Zukunftsfelder des Wissenschaftszentrums zu Leitthemen gemacht hat: Mikro- und Nanotechnik im Jahre 1991 und Mathematik als ökonomische Ressource 1992.

Impulse für den industriellen Strukturwandel

Das Gelsenkirchener Institut Arbeit und Technik ist eine Forschungs- und Entwicklungseinrichtung, die Impulse für den Strukturwandel geben soll. Präsident ist Prof. Dr. Franz Lehner. Mit derzeit rund achtzig Mitarbeitern hat sich das Institut die Themen Neue Produktions- und Dienstleistungssysteme, Neue Kooperationsformen sowie Neue Konzepte der Arbeitsmarktpolitik und der Qualifizierung erschlossen. Auf diesen Feldern betreibt es international vergleichende Forschung, aus der dann Strategien entwickelt werden, die im Verbund mit Unternehmen, Verbänden und der Politik erprobt werden. Hier wie in den anderen Instituten ist die Zusammenarbeit mit den Hochschulen sehr eng.

In der Forschung haben sich dabei als Schwerpunkte die Entwicklung der Wettbewerbsfähigkeit in den führenden Wirtschaftsregionen Japan, USA und Europa sowie Fragen im Zusammenhang mit der europäischen Integration herausgebildet. Bei der Umsetzung in die Praxis stehen die Branchen Maschinenbau und Automobilindustrie im Vordergrund, daneben arbeitsmarkt-, regional- und industriepolitische Projekte. Gesprächskreise mit Unternehmen, auch mit Verbänden und der Politik sind zu einer ständigen Einrichtung des Instituts geworden. Der Etat wird zu zwei Dritteln aus Landesmitteln – des Ministeriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales – finanziert, im übrigen durch Aufträge von Dritten, vor allem von der Kommission der Europäischen Gemeinschaften, der Bundesregierung sowie Kommunen, Unternehmen und Gewerkschaften.

Kulturwissenschaft interdisziplinär

Am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen forschen Gastwissenschaftler in interdisziplinären Studiengruppen. Gründungsbeauftragter dieses Wissenschaftskollegs ist Prof. Dr. Lutz Niethammer. Seine anspruchsvollen Ziele charakterisiert das Institut so: „Es ist Ort kultureller Erinnerung, der Bestandsaufnahme, der Vorausschau und des Experiments in einer Zeit tiefgehender kultureller Krise. Es soll Instrument des Zusammendenkens aus vielen Erbschaften, Disziplinen und Erfahrungen sein. Seine Themenbereiche werden so gewählt, daß sie sich auf Probleme und Chancen soziokultureller Wahrnehmungs- und Verhaltensänderung in der gegenwärtigen Orientierungskrise beziehen. Wo Selbstverständlichkeiten problematisch geworden sind, tut Aufklärung ihrer geschichtlichen Besonderheit sowie die historische, systematische oder ästhetische Entwicklung von Alternativen not. Dabei wird ein Begriff von Kulturwissenschaften zugrunde gelegt, der ebenso eine Kulturforschung in politischer Absicht wie eine Thematisierung des Politischen mit kulturellen Maßstäben umfaßt.“

Folgenden Themen widmen sich die ersten Studiengruppen, deren Arbeit auf mehrere Jahre geplant ist: Ästhetische Ausstattung der Macht, Kulturgeschichte der Natur, Topographien der Geschlechter, Individuelles und kulturelles Gedächtnis. Außerdem wurde ein Gesprächskreis eingerichtet, der sich unter dem Thema Revierkultur – Zeitgeschichte und Zukunft mit dem Wandel des Ruhrgebiets befaßt.

Eine Forschungsstelle des Instituts wurde vorerst für die Dauer von fünf Jahren in Leipzig eingerichtet. Sie soll Untersuchungen zur Erfahrungsgeschichte der DDR fortzuführen.

Ökologischer Strukturwandel

Das erst 1991 in Wuppertal gegründete Institut für Klima, Umwelt, Energie ist die erste größere Forschungseinrichtung in Deutschland, die sich systematisch sowohl mit den weltweiten ökologischen Herausforderungen als auch mit der komplexen Aufgabe eines ökologischen Strukturwandels beschäftigt. Zum Präsidenten wurde Ernst Ulrich von Weizsäcker, Mitglied des Club of Rome, berufen. Die vier Abteilungen Klimapolitik, Stoffströme und Strukturwandel, Energie sowie Verkehr kennzeichnen das Programm.

Die Wissenschaftler dieses Hauses untersuchen die sich abzeichnende Klimaänderung, ihre möglichen Auswirkungen und die notwendigen Gegenmaßnahmen, die sicherlich eine Neuorientierung der gesamten Zivilisation erfordern werden. Ferner wirken sie mit bei Initiativen für die Entwicklung einer klima- und umweltverträglichen Energie- und Verkehrspolitik. Sie analysieren die weltweiten und die lokalen Stoffströme von den Bodenschätzen bis zum Abfall und entwickeln Strategien zur Verminderung der Umweltbelastung. Eine größere ständige Arbeitsgruppe Neues Wohlstandsmodell beschäftigt sich mit den rechtlichen, kulturellen und psychologischen Dimensionen eines Abschieds von der Verschwendungswirtschaft.

Die gemeinsamen Projekte

Die vier Häuser des Wissenschaftszentrums in Düsseldorf, Gelsenkirchen, Essen und Wuppertal haben sich auf einige gemeinsame Projekte festgelegt. Das wichtigste gegenwärtig ist nicht von ungefähr Gesellschaftliche, wirtschaftliche und kulturelle Potentiale alter Industrieregionen.

Außerdem veranstalten sie einen gemeinsamen Jahreskongreß; der letztjährige, der Mitte November in Bonn stattfand, war der Ökologie gewidmet und stand unter dem heimlichen Motto „Erdgipfel von Rio de Janeiro und die Folgen – nicht zuletzt für Nordrhein-Westfalen“. Das jetzige Wirtschaften der Industrieländer kann nicht für die ganze Welt kopiert werden. Wie also vermögen wir zu einer gerechten, dauerhaften Tragfähigkeit unseres Wirtschaftens kommen – im Hinblick auf die Mitbewohner der Erde, auf künftige Generationen, auf die natürliche Umwelt?

Damit diese Frage plastisch und streitfähig werden konnte, war wiederum Nordrhein-Westfalen das Exempel: Ist es zu schaffen, daß die Menschen in einem solchen modernen Industrieland ihren jetzigen Wohlstand beibehalten können, ohne dabei auf Kosten des Rests der Welt und künftiger Generationen zu leben? Eine Besonderheit des Kongresses war dabei, daß etablierte Umweltmanager gezielt mit alternativen Umweltschützern ins Gespräch gebracht wurden – zwei Gruppen also, die trotz zahlreicher Konferenzen und Tagungen kaum miteinander, dafür um so mehr übereinander reden.

Es ist nicht leicht, das Wissenschaftszentrum Nordrhein-Westfalen im Spektrum der wissenschaftlichen Institutionen zu kennzeichnen. Es hat Elemente eines interdisziplinären Forschungsinstituts, Elemente einer sogenannten Denkfabrik, aber auch viel von der thematischen Offenheit von Akademien und Gesprächsforen. Vor allem ist da das Motiv der Grenzüberschreitung und des Dialogs zwischen den Fachdisziplinen sowie vor allem zwischen Wissenschaft und Lebenswelt.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 1 / 1993, Seite 123
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
1 / 1993

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 1 / 1993

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