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Lebenswissenschaften im Dialog: Wohin die Reise geht ...

Wiley-VCH, Weinheim 2002. 140 Seiten, € 15,90


Der Begriff »Lebenswissenschaften« geht über die schiere Biologie deutlich hinaus. Der vorliegende Sammelband, den der Verband deutscher Biologen im Auftrag des Bundesforschungsministeriums erstellt hat, befasst sich in zwölf Kapiteln mit Forschungsbereichen, in denen sich biologische, medizinische, ethische und technische Fragestellungen überschneiden: Gentechnik, Landwirtschaft, Biotechnologie, Bionik, Verhaltenslehre, Neurologie und Evolution des Menschen. Jedes Kapitel wird vervollständigt durch ein Glossar von Fachbegriffen, ergänzende Literaturangaben sowie Informationen zu den Verfassern.

Hauptthema des schmalen Buches ist die moderne Genetik. Im Rahmen des groß angelegten Humangenomprojekts soll die genetische Information des Menschen bestimmt werden. Die Abfolge der Basen in der menschlichen DNA ist zwar im letzten Jahr ermittelt worden, was in den Medien als Riesenleistung herausgestellt wurde; um das menschliche Genom aber wirklich zu verstehen, müssen noch viele Experimente ersonnen und durchgeführt werden.

Andere Kapitel beschäftigen sich mit Anwendungen der Genetik. Jörg Schmidtke, Professor für Humangenetik an der Medizinischen Hochschule Hannover, beschreibt in »Gene und Krankheiten« exemplarisch drei Erbkrankheiten sowie ihre molekularen Ursachen und begründet damit die Sinnhaftigkeit prädiktiver genetischer Tests. Er versäumt auch nicht, darauf hinzuweisen, dass bei den so genannten Zivilisationskrankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und Diabetes weitere Faktoren eine Rolle spielen und die Kenntnis der genetischen Disposition allein nur sehr bedingt Aussagen über zukünftige Erkrankungsrisiken zulässt. Ein kurzer Abschnitt befasst sich mit den Folgen von Gentests für den Einzelnen und die Gesellschaft; hier wären Literaturverweise auf kritische Positionen zu diesem heiklen Thema sinnvoll gewesen.

Die Kapitel über Pflanzenzucht und Biotechnologie enthalten kurze Methodenbeschreibungen – und Rechtfertigungen. So seien höhere Erträgen und krankheitsresistente Nutzpflanzen durch »grüne Gentechnik« schneller und gezielter zu erreichen als mit den alten Arbeitsweisen Kreuzen und Selektieren. Mit anderen Verfahren können Rohstoffe und Energie eingespart werden oder Bakterien, Pflanzen und Tiere zur Produktion von Medikamenten veranlasst werden.

In dem Beitrag »Bio-Ethik« spricht die Wissenschaftstheoretikerin Bettina Schöne-Seifert aus Hannover wichtige Fragestellungen an, die sich aus den Methoden und Zielen von Genetik, Medizin, Pharmazie oder Reproduktionsbiologie ergeben. Die ironischen Abbildungen passen sehr gut zu den kritischen Überlegungen der Autorin. Indem sie die Bewertung von Embryonenforschung und Pränataldiagnostik von verschiedenen Stand­punkten aus aufzeigt, macht sie deutlich, dass in der heutigen Gesellschaft kein Konsens über ethische Grundlagen zur Beurteilung wissenschaftlicher Entwicklungen besteht.

In diesem Kapitel findet sich ein programmatischer Abschnitt: »Immer weniger Menschen [verstehen], was genau in der naturwissenschaftlichen Forschung ›gemacht‹ wird. Die Kluft zwischen Öffentlichkeit und Wissenschaft ist sehr groß geworden. Vielen Menschen fehlt das Wissen, um wissenschaftliche Ziele und Mittel zu verstehen und einschätzen zu können – und viele Wissenschaftler haben es jahrzehntelang versäumt, diese Kluft gezielt zu verkleinern.«

Dem daraus abzuleitenden und auch auf dem Einband formulierten Anspruch wird dieses Buch nur bedingt gerecht. Die meisten Kapitel sind zwar verständlich geschrieben und ansprechend bebildert, sodass auch nicht vorgebildete Menschen einen knappen Überblick über den jeweiligen Forschungsbereich und dessen Zielsetzungen erhalten. Um aber begründet »mitentscheiden zu können, wohin die Reise geht«, bedürfte es einer vertieften Beschäftigung. Dazu allerdings müsste man die angegebene Literatur bemühen.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 1 / 2003, Seite 104
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
1 / 2003

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 1 / 2003

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