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Hirnschäden durch Kindesmisshandlung: Wunden, die nicht verheilen

Schwere Misshandlungen im frühen Kindesalter können die Entwicklung des kindlichen Gehirns so stark beeinträchtigen, dass dauerhafte Schäden zurückbleiben. Die Störungen der Hirnfunktion lassen sich noch im Erwachsenenalter nachweisen.


Die Polizisten waren entsetzt: In einer völlig verwahrlosten Wohnung entdeckten sie einen unterernährten Vierjährigen, dessen kleine Hände fürchterliche Verbrennungen trugen. Wie sich herausstellte, hatte die drogensüchtige Mutter die Hände ihres Kindes unter einen dampfend heißen Wasserhahn gehalten – zur Strafe, weil der Kleine trotz Verbots die Mahlzeit ihres Freundes aufgegessen hatte. Die schmerzhaften Wunden waren überhaupt nicht versorgt worden.

Diese beunruhigende Geschichte, die sich 1994 in Boston ereignete, machte seinerzeit in den USA Schlagzeilen. Später kam der Junge zu Pflegeeltern und erhielt Hauttransplantate, damit er seine vernarbten Hände allmählich wieder gebrauchen konnte. Doch obwohl die physischen Wunden des Opfers behandelt wurden, lassen neuere Forschungsergebnisse vermuten, dass die seelischen Verletzungen, die dem Jungen in einer frühen Entwicklungsphase zugefügt wurden, vielleicht niemals wirklich heilen werden.

Leider ist dieser extreme Fall nur ein Beispiel für viele. Jedes Jahr erhalten die Jugendämter in den USA mehr als drei Millionen Meldungen über angebliche Kindesmisshandlung und Vernachlässigung – und sammeln in mehr als einer Million Fällen Beweismaterial dafür, dass die Anschuldigung zutrifft. (Für Deutschland werden laut Kriminalstatistik im Jahresmittel rund 2100 Kindesmisshandlungen und 16000 Fälle von Kindesmissbrauch aktenkundig. Die tatsächliche Gesamtzahl der Misshandlungsfälle – inklusive der umstrittenen, jedenfalls erheblichen Dunkelziffer – wird auf jährlich 300000 geschätzt.)

Es überrascht uns kaum, dass wissenschaftliche Untersuchungen einen deutlichen Zusammenhang zwischen physischer, sexueller und emotionaler Misshandlung von Kindern und dem Entstehen psychiatrischer Probleme zeigen. Doch bis in die frühen 1990er Jahre vermuteten die Fachleute, emotionale und soziale Schwierigkeiten entstünden hauptsächlich aus psychologischen Gründen. Sie nahmen an, Kindesmisshandlung fördere entweder die Entwicklung innerseelischer Abwehrmechanismen, die sich im Erwachsenenalter als selbstzerstörerisch erweisen, oder er hemme die psychosoziale Entwicklung so sehr, dass im Innern ein "verwundetes Kind" zurückbleibe. Forscher hielten die Schädigung im Grund für ein Software-Problem, das sich durch Umprogrammieren mittels Therapie lösen lässt, oder das durch die Aufforderung "Lass dich nicht unterkriegen" einfach zum Verschwinden gebracht werden kann.

Neuere Untersuchungen, die unter anderem von meinen Kollegen und mir am McLean Hospital in Belmont (Massachusetts) und an der Harvard Medical School durchgeführt wurden, vermitteln ein anderes Bild. Weil Kindesmisshandlung in einer für die Hirnentwicklung entscheidenden Phase stattfindet, in welcher das Gehirn durch neue Erfahrungen und Erlebnisse physisch geprägt wird, können schwere Belastungen unauslöschliche Spuren in seiner Struktur und Funktion hinterlassen. Anscheinend löst die Misshandlung eine Flut molekularer und neurobiologischer Wirkungen aus, die die neurale Entwicklung unwiderruflich verändern.

Gestörte Persönlichkeit

Die Folgen der Kindesmisshandlung können in jedem beliebigen Alter auf unterschiedlichste Weise zu Tage treten. Innerlich können sie als Depression, Angst, Selbstmordgedanken oder posttraumatische Belastungsstörungen erscheinen; ebenso können sie nach außen als Angriffslust, Erregbarkeit, Straffälligkeit, Überaktivität oder Drogenmissbrauch zum Ausdruck kommen. Ein mit früher Misshandlung eng verbundenes psychiatrisches Erscheinungsbild ist die Borderline-Persönlichkeitsstörung.

Jemand mit dieser Störung sieht seine Mitmenschen entweder schwarz oder weiß. Oft stellt er eine Person zuerst auf ein Podest und lässt dann, plötzlich von ihr enttäuscht, kein gutes Haar an ihr. Die Betroffenen neigen auch zu Wutausbrüchen und flüchtigen Episoden von Paranoia oder Psychose. Meist haben sie intensive unstabile Beziehungen durchlebt, fühlen sich leer oder ihrer Identität nicht sicher; sie versuchen oft mittels Drogen vor sich selbst zu fliehen und verspüren den Impuls, sich zu schaden oder gar das Leben zu nehmen.

Als ich 1984 drei Patienten mit Borderline-Persönlichkeitsstörung behandelte, begann ich zu vermuten, dass die verschiedenen Formen von Misshandlung, denen sie schon früh ausgesetzt waren, die Entwicklung ihres limbischen Systems verändert hatten. Das limbische System ist eine Ansammlung miteinander verbundener Hirnkerne oder neuronaler Zentren, die eine entscheidende Rolle bei der Regelung von Emotion und Gedächtnis spielen. Zwei besonders wichtige limbische Regionen sind der Hippocampus und die Amygdala (der Mandelkern), die unterhalb der Hirnrinde im Schläfenlappen liegen. Der Hippocampus ist wichtig für die Bildung und Wiedergewinnung sowohl verbaler als auch emotionaler Gedächtnisinhalte, während die Amygdala die Aufgabe hat, den emotionalen Gehalt einer Erinnerung zu erzeugen – beispielsweise Gefühle, die mit Furcht und aggressiven Reaktionen zusammenhängen.

Erröten, Brechreiz, Schwindel und Zucken

Meine Kollegen Yutaka Ito, Carol A. Glod und ich fragten uns, ob der Kindesmissbrauch die gesunde Entwicklung dieser Hirnregionen zu unterbrechen vermag. Könnte dadurch die Amygdala in einen Zustand erhöhter elektrischer Erregbarkeit geraten? Könnte der noch unreife Hippocampus durch eine Überschwemmung mit Stresshormonen beschädigt werden? Die Schädigung des Hippocampus oder die Übererregung der Amygdala könnte Symptome erzeugen, die einer Schläfenlappenepilepsie (Temporallappenepilepsie, TLE) gleichen, bei der die Funktion dieser Hirnkerne sporadisch unterbrochen wird. Während eines TLE-Anfalls bleiben die Patienten bei Bewusstsein und erleben eine Reihe psychomotorischer Symptome, die durch elektrische Gewitter innerhalb dieser Regionen entstehen. Zu den Begleiteffekten gehört der plötzliche Beginn von Kitzeln, Benommenheit oder Schwindel; motorische Erscheinungen wie unkontrollierbares Starren oder Zucken; vegetative Symptome wie Erröten, Brechreiz oder ein Gefühl in der Magengrube wie in einem schnell anfahrenden Aufzug. TLE kann auch Halluzinationen oder Illusionen in allen fünf Sinnen verursachen. Es ist etwa nicht ungewöhnlich, dass der Betroffene wie Alice im Wunderland die Größe und Form von Gegenständen verzerrt wahrnimmt; häufig treten auch Erlebnisse von Déjà-vu und einer Trennung von Körper und Geist auf.

Um den Zusammenhang zwischen frühem Missbrauch und Funktionsstörung des limbischen Systems zu erforschen, entwarf ich einen Fragebogen, der die Häufigkeit erfasst, mit der Patienten TLE-verwandte Symptome erfahren. 1993 legten wir die Daten von 253 erwachsenen Besuchern einer ambulanten psychiatrischen Klinik vor. Etwas mehr als die Hälfte berichtete, dass sie als Kinder körperlich misshandelt oder sexuell missbraucht – oder beides – worden waren. Verglichen mit Patienten, die nichts dergleichen meldeten, lag bei früh misshandelten (aber nicht sexuell missbrauchten) Patienten die mittlere Häufigkeit TLE-ähnlicher Symptome um 38 Prozent höher, bei Patienten mit Missbrauchserfahrung (aber ohne andere körperliche Misshandlung) um 49 Prozent. Patienten, die sowohl Misshandlungen als auch sexuellen Missbrauch angaben, hatten Werte, die im Mittel um 113 Prozent höher lagen als bei den Patienten, die nichts von beidem berichteten. Misshandlungen vor dem 18. Lebensjahr hatte größeren Einfluss als spätere, und Männer wie Frauen waren gleichermaßen betroffen.

1994 versuchten wir festzustellen, ob körperliche, sexuelle oder psychische Kindesmisshandlungen mit Abweichungen im Elektroenzephalogramm (EEG) einhergehen, das ein direkteres Maß für die elektrische Erregbarkeit des limbischen Systems liefert als unser Fragebogen. Wir überprüften die Daten von 115 Patienten, die früher in einer Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie aufgenommen worden waren, und fanden tatsächlich einen Zusammenhang: klinisch auffällige EEGs bei 54 Prozent der Patienten mit einem frühen Trauma, aber nur bei 27 Prozent der nicht früh misshandelten Patienten. Von denjenigen mit einer Vorgeschichte schwerer körperlicher und sexueller Misshandlungen zeigten sogar 72 Prozent EEG-Anomalien. Diese Unregelmäßigkeiten entstanden in frontalen und temporalen Hirnregionen und betrafen zu unserer Überraschung eher die linke Hemisphäre, nicht aber beide Hirnhälften, wie man eigentlich erwarten würde.

Unsere Befunde passten gut zu einer 1978 durchgeführten EEG-Studie an Erwachsenen, die Opfer eines Inzests geworden waren. Robert W. Davies von der Yale University School of Medicine hatte damals festgestellt, dass 77 Prozent der Untersuchten EEG-Abweichungen zeigten und 27 Prozent Anfälle erlitten.

Später hatten Untersuchungen mittels Kernspintomografie einen Zusammenhang zwischen früher Misshandlung und einer Verkleinerung des erwachsenen Hippocampus nachgewiesen; auch die Amygdala war manchmal kleiner als normal. 1997 verglich J. Douglas Bremner an der Yale University School of Medicine kernspintomografische Aufnahmen von 17 Erwachsenen, die als Kinder missbraucht worden waren und alle an einer so genannte posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) litten, mit einer Kontrollgruppe von 17 Gesunden, die hinsichtlich Alter, Geschlecht, Rasse, Händigkeit, Ausbildungsjahren und Jahren des Alkoholmissbrauchs zu den Missbrauchsopfern passten. Der linke Hippocampus der missbrauchten Patienten mit PTBS war im Mittel 12 Prozent kleiner als bei den gesunden Kontrollpersonen, aber der rechte Hippocampus hatte normale Größe. Angesichts der Bedeutung des Hippocampus für das Gedächtnis überrascht es nicht, dass diese Patienten auch bei verbalen Gedächtnistests schlechter abschnitten als die nicht Missbrauchten.

Schwund im Hippocampus

1997 fand Murray B. Stein von der Universität von Kalifornien in San Diego ebenfalls Abweichungen des linken Hippocampus bei 21 erwachsenen Frauen, die als Kinder sexuell missbraucht worden waren und nun an PTBS oder an dissoziativer Identitätsstörung litten; Letztere, auch multiple Persönlichkeitsstörung genannt, tritt nach Ansicht mancher Forscher bei missbrauchten Frauen häufig auf. Stein stellte fest, dass bei diesen Frauen der linke Hippocampus deutlich verkleinert, der rechte aber relativ unbeeinträchtigt war. Zusätzlich fand er eine klare Entsprechung zwischen dem Grad der Verkleinerung und der Stärke der dissoziativen Symptome. 2001 berichteten Martin Driessen und seine Kollegen vom Gilead-Krankenhaus in Bielefeld, dass bei erwachsenen Frauen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung und Missbrauchsvorgeschichte der Hippocampus um 16 Prozent und die Amygdala um 8 Prozent kleiner sind als normal.

Andererseits konnte Michael D. De Bellis an der Universität Pittsburgh 1990 beim sorgfältigen Ausmessen kernspintomografischer Bilder des Hippocampus von 44 misshandelten Kinder mit PTBS keinen signifikanten Volumenunterschied gegenüber 61 gesunden Kontrollpersonen feststellen.

Ähnliche Ergebnisse erhielten Susan Andersen, Ann Polcari und ich in unserer kürzlich vervollständigten volumetrischen Analyse des Hippocampus bei 18 jungen Erwachsenen – 18 bis 22 Jahre – mit einer Vorgeschichte wiederholter, von Furcht oder Schrecken begleiteter Vergewaltigungen. Die Kontrollgruppe bestand aus 19 Personen gleichen Alters, die im Gegensatz zu früheren Studien nicht Patienten waren, sondern aus der allgemeinen Bevölkerung stammten und daher weniger psychische Probleme hatten. Wir beobachteten keine Unterschiede im Volumen des Hippocampus. Ebenso wie Driessens Gruppe fanden wir jedoch eine Verkleinerung der linken Amygdala um durchschnittlich 9,8 Prozent, die mit Gefühlen von Depression, Übererregbarkeit oder Feindseligkeit korreliert war.

Wir fragten uns natürlich, warum der Hippocampus von missbrauchten Personen in den Untersuchungen von Bremner, Stein und Driessen verkleinert war, während sowohl De Bellis Gruppe als auch wir keinen Effekt fanden. Die wahrscheinlichste Antwort lautet, dass Stress sich nur ganz allmählich auf den Hippocampus auswirkt und ein anatomisch nachweisbarer Effekt darum erst ab einem gewissen Alter erkennbar wird.

Zudem hatten Tierversuche von Bruce S. McEwen von der Rockefeller University und Robert M. Sapolsky von der Stanford University schon früher gezeigt, wie stark der Hippocampus durch Stress geschädigt werden kann. Er ist nicht nur besonders anfällig, weil er sich langsam entwickelt, sondern auch, weil er zu den wenigen Hirnregionen zählt, in denen auch nach der Geburt Neuronen entstehen. Überdies hat der Hippocampus unter allen Hirnregionen die höchste Rezeptorendichte für das Stresshormon Cortisol. Stresshormone können die Gestalt der größten Neuronen im Hippocampus deutlich verändern und sie sogar abtöten. Stress unterdrückt auch die Bildung neuer Körnerzellen – kleiner Neuronen –, die sich normalerweise nach der Geburt weiterentwickeln.

Experimente an Ratten durch Chris-tian Caldji und Michael J. Meaney von der McGill University sowie Paul M. Plotsky von der Emory University haben ergeben, dass früher Stress die molekulare Organisation dieser Hirnregionen verändert – insbesondere die Struktur der GABA-Rezeptoren in der Amygdala (siehe Bild Seite 81). Diese Rezeptoren rea-gieren auf Gamma-Amino-Buttersäure (gamma aminobutyric acid, GABA), den wichtigsten inhibitorischen Neurotransmitter, der die elektrische Erregbarkeit der Neuronen mindert. Wird die Funktion dieses Neurotransmitters gestört, so entsteht übermäßige elektrische Aktivität – bis hin zu Krampfanfällen. Diese Entdeckung liefert eine elegante molekulare Erklärung für unser Ergebnis, dass Patienten mit frühkindlicher Misshandlung oft ein abnormes EEG und Übererregbarkeit des limbischen Systems zeigen.

Die problematische linke Seite

Die Wirkung des Kindheitstraumas auf das limbische System hatten wir erwartet, nicht aber, dass die EEG-Abweichungen bevorzugt in der linken Hemisphäre auftraten. Darum begannen wir die Wirkung frühen Missbrauchs auf die Entwicklung der linken und der rechten Hemisphäre mittels EEG-Kohärenz zu untersuchen. Diese ausgeklügelte Methode gibt detaillierten Aufschluss über die Mikrostruktur des Gehirns – quasi seine Verdrahtung und Verschaltung. Hingegen zeigt das gewöhnliche EEG die Hirntätigkeit eher im Großen und Ganzen. Die EEG-Kohärenztechnik erzeugt ein mathematisches Maß für die Korrelation zwischen den komplizierten neuronalen Verbindungen der Hirnrinde, welche die elektrischen Signale im Gehirn verarbeiten und modifizieren. Im Allgemeinen sind abnorm hohe EEG-Kohärenzwerte ein Indiz für eine zurückgebliebene Entwicklung dieses neuronalen Austauschs.

Unsere Forschungsgruppe setzte diese Technik 1997 ein, um 15 gesunde Freiwillige mit 15 Patienten aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie zu vergleichen, die nachweislich intensiv misshandelt oder sexuell missbraucht worden waren. Den Kohärenzwerten zufolge war die linke Hirnrinde der gesunden Kontrollpersonen besser entwickelt als die rechte. Das war auf Grund der Anatomie der dominanten Hemisphäre zu erwarten: Bei Rechtshändern dominiert die linke Hirnrinde. Doch die misshandelten Patienten waren in der rechten Hemisphäre deutlich weiterentwickelt als in der linken – obwohl sie alle Rechtshänder und somit links-dominant waren. Die rechte Hemisphäre der missbrauchten Patienten hatte sich genauso entwickelt wie bei den Kontrollpersonen, aber ihre linke Hirnhälfte hinkte deutlich hinter-her. Dieser auffällige Befund zeigte sich unabhängig von der ursprünglichen Diagnose des Patienten. Und obwohl der Effekt sich über die gesamte linke Hemisphäre erstreckte, waren die Schläfenregionen am stärksten betroffen – in Übereinstimmung mit unserer ursprünglichen Hypothese.

Die linke Hemisphäre ist darauf spezialisiert, Sprache wahrzunehmen und auszudrücken, während die rechte Hemisphäre vor allem räumliche Informationen verarbeitet und sich mit Gefühlen befasst – insbesondere mit negativen Emotionen. Wir wollten wissen, ob misshandelte Kinder ihre traumatischen Erlebnisse in der rechten Hemisphäre speichern und ob eine Wiederbelebung dieser Erinnerungen vorwiegend diese Hirnhälfte aktiviert.

Um diese Hypothese zu prüfen, maß Fred Schiffer 1995 in meinem Laboratorium die hemisphärische Aktivität bei Erwachsenen, während sie sich an ein neutrales Ereignis erinnerten, und dann während der Erinnerung an ein aufwühlendes frühes Erlebnis. Missbrauchsopfer schienen überwiegend ihre linke Hemisphäre zu aktivieren, wenn sie an neutrale Erlebnisse dachten, und ihre rechte, wenn eine frühe traumatische Erinnerung geweckt wurde. Die Personen der Kontrollgruppe nutzten beide Hemisphären stets ungefähr gleich stark; offenbar waren ihre Reaktionen gleichmäßiger auf beide Hirnhälften verteilt.

Verkleinerter Balken

Da Schiffers Untersuchungen anzeigten, dass Kindheitstrauma und verminderte Integration der beiden Hirnhälften zusammenhängen, suchten Andersen und ich 1997 mit Jay Giedd vom National Institute of Mental Health nach einer Störung der wichtigsten Verbindung zwischen den Hirnhälften, dem Balken (Corpus callosum). Tatsächlich fanden wir, dass bei Jungen, die missbraucht oder vernachlässigt worden waren, der Mittelteil des Balkens deutlich kleiner ausfiel als in den Kontrollgruppen. Außerdem hatte bei Jungen Vernachlässigung eine weitaus größere Wirkung als jede andere Art von Misshandlung. Bei Mädchen wirkte sich hingegen sexueller Missbrauch stärker durch eine Verkleinerung des Balkens aus. Diese Ergebnisse wurden 1999 von De Bellis bestätigt und erweitert. Auch Untersuchungen an Menschenaffen, die Mara M. Sanchez von der Emory University durchführte, haben die Wirkung früher Erlebnisse auf die Entwicklung des Balkens untermauert.

Unsere neuen Resultate beruhten auf wegweisenden Studien von Harry F. Harlow von der University of Wisconsin-Madison. In den 1950er Jahren verglich Harlow Affen, die von ihren Müttern aufgezogen worden waren, und Affen, die mit Ersatzmüttern aus Draht und Plüsch vorlieb nehmen mussten. Die mit Attrappen aufgezogenen Affen wurden später sozial auffällig und äußerst aggressiv. Zusammen mit Harlow entdeckte W. A. Mason vom Delta Primate Center in Louisiana, dass diese Folgen weniger schwer ausfielen, wenn die Ersatzmutter, an die sich das Affenbaby klammerte, hin und her geschaukelt wurde. J. W. Prescott vom National Institute of Child Health and Human Development vermutete, diese Bewegung werde zum Kleinhirn übertragen, insbesondere zum mittleren Teil, dem so genannten Wurm (Vermis), der am hinteren Ende des Gehirns direkt über dem Hirnstamm sitzt. Unter anderem moduliert der Wurm die Kerne des Hirnstamms, die die Erzeugung und Freigabe der Neurotransmitter Norepinephrin und Dopamin steuern. Wie der Hippocampus entwickelt sich dieser Hirnteil allmählich und bildet auch nach der Geburt weitere Neuronen. Da er eine noch höhere Rezeptordichte für Stresshormone hat als der Hippocampus, vermag das Einwirken solcher Hormone seine Entwicklung stark zu beeinflussen.

Wenn der Kleinhirnwurm gestört ist

Kürzlich wurde berichtet, dass Anomalien im Kleinhirnwurm mit verschiedenen psychiatrischen Störungen wie manisch-depressiven Erkrankungen, Schizophrenie, Autismus und Hyperaktivitätsstörungen einhergehen. Diese Krankheiten entstehen zwar nicht auf Grund von Kindesmisshandlung, sondern haben genetische und pränatale Ursachen – aber die Tatsache, dass Anomalien des Wurms mit so vielen psychiatrischen Leiden zusammenhängen, lässt vermuten, dass diese Region eine entscheidende Rolle für die seelische Gesundheit spielt.

Die Fehlregulation der vom Kleinhirnwurm gesteuerten Neurotransmitter Norepinephrin und Dopamin kann nicht nur Symptome von Depression, Psychose und Hyperaktivität hervorbringen, sondern auch die Aufmerksamkeit beeinträchtigen. Die Aktivierung des Dopamin-Systems hängt offenbar mit einer Verlagerung zu einem eher linkshemisphärischen – verbalen – Aufmerksamkeitszustand zusammen, während die Aktivierung des Norepinephrin-Systems die Aufmerksamkeit zu einem mehr rechtslastigen – emotionalen – Zustand verschiebt. Am merkwürdigsten ist vielleicht, dass der Wurm auch die elektrische Aktivität im limbischen System mitreguliert und dass seine Stimulierung krampfauslösende Aktivitäten in Hippocampus und Amygdala zu unterdrücken vermag.

In den 1950er Jahren fand R.G. Heath an der Tulane University, dass Harlows Affen Krampfherde im Dachkern (Nucleus fastigii) des Kleinhirns und im Hippocampus aufwiesen. Später konnte er bei einer kleinen Zahl von Patienten mit unbehandelbaren neuropsychiatrischen Störungen die Häufigkeit von Krampfanfällen senken und die seelische Gesundheit verbessern, indem er den Wurm elektrisch reizte. Das brachte meine Kollegen und mich auf die Idee, Kindesmissbrauch könnte Abnormitäten im Kleinhirnwurm erzeugen, die zu psychiatrischen Symptomen, Übererregbarkeit des limbischen Systems und allmählicher Degeneration des Hippocampus beitragen. Um diese Hypothese zu prüfen, arbeitete Carl M. Anderson mit mir und Perry Renshaw am Brain Imaging Center des McLean Hospital zusammen. Anderson verwendete eine Spielart der so genannten T2-Relaxation, ein neues kernspintomografisches Verfahren, das wir entwickelt hatten. Damit können wir den regionalen Blutdurchfluss im ruhenden Gehirn messen, ohne radioaktive Substanzen oder Kontrastmittel verwenden zu müssen.

Befindet sich das Gehirn im Ruhezustand, gibt es eine enge Übereinstimmung zwischen der neuronalen Aktivität einer Hirnregion und der Blutmenge, die diese Region zum Aufrechterhalten ihrer Aktivität empfängt. Anderson fand eine deutliche Korrelation zwischen der Aktivität im Kleinhirnwurm und dem Grad limbischer Erregbarkeit, den mein TLE-Fragebogen anzeigte – sowohl für junge gesunde erwachsene Kontrollpersonen als auch für junge Erwachsene mit einer Vorgeschichte wiederholten sexuellen Missbrauchs.

Doch wie stark oder schwach die limbischen Symptome jeweils auch waren, der Blutdurchfluss im Kleinhirnwurm war bei Individuen mit einem früheren Trauma deutlich vermindert. Ein verminderter Blutdurchfluss weist auf eine Funktionsstörung des Wurms hin. Missbrauchte Patienten hatten vermutlich deshalb tendenziell höhere Punktzahlen im Fragebogen, weil ihr Kleinhirnwurm nicht ausreichend aktiv sein konnte, um höhere Erregungsniveaus des limbischen Systems zu unterdrücken.

Insgesamt legen diese Befunde ein faszinierendes Modell dafür nahe, wie eine Borderline-Persönlichkeitsstörung entstehen kann. Unzureichende Integration der Hirnhälften und ein verkleinerter Balken lassen diese Patienten unvermittelt von links- zu rechtshemisphärisch dominierten Zuständen wechseln – mit höchst unterschiedlichen emotionalen Wahrnehmungen und Erinnerungen. Ei-ne derart einseitige Hemisphärendominanz könnte einen Menschen veranlassen, Freunde, Familie und Mitarbeiter abwechselnd übertrieben positiv und überwiegend negativ zu sehen – ein typisches Kennzeichen dieser Störung. Außerdem kann die elektrische Reizbarkeit des limbischen Systems Symptome von Aggression, Verbitterung und Angst erzeugen. Ungewöhnliche EEG-Aktivität im Schläfenlappen wird auch häufig bei Menschen mit stark erhöhtem Suizidrisiko und selbstzerstörerischem Verhalten beobachtet.

Schädliche Anpassung

Unser Team verfolgte anfangs die Hypothese, Stress in der Kindheit wirke wie ein Gift, das die normale, harmonisch abgestimmte Hirnentwicklung stört und bleibende psychiatrische Probleme erzeugt. Frank W. Putnam vom Children’s Hospital Medical Center in Cincinnati und Bruce D. Perry vom Alberta Mental Health Board in Kanada haben inzwi-schen dieselbe Hypothese formuliert. Doch ich bezweifle unterdessen unsere Ausgangshypothese. Das menschliche Gehirn ist entwicklungsgeschichtlich da-rauf angelegt, durch Erfahrung geprägt zu werden, und extreme Not in früher Kindheit war im Laufe unserer Evolution eher die Regel. Ist es plausibel, dass das kindliche Gehirn niemals an Misshandlung angepasst wurde und dadurch jedes Mal erneut bleibend geschädigt wird? Das scheint sehr unwahrscheinlich. Die logische Alternative ist: Die frühe Stresserfahrung erzeugt molekulare und neurobiologische Effekte, welche die neurale Entwicklung in angepasster Weise so ändern, dass das Gehirn des Erwachsenen zu überleben und sich in einer gefährlichen Welt fortzupflanzen vermag.

Welche Eigenschaften oder Fähigkeiten könnten unter den widrigen Bedingungen der Frühzeit günstig für das Überleben gewesen sein? Offensichtlich galt es, bei Bedarf eine intensive Kampf- oder Fluchtreaktion in Gang zu setzen, auf eine Herausforderung ohne Zögern aggressiv zu reagieren, bei Gefahr sofort in höchster Alarmbereitschaft zu sein und kräftige Stressreaktionen zu erzeugen, um das Heilen von Verletzungen zu beschleunigen. In diesem Sinne können wir die von uns beobachteten Hirnveränderungen als Anpassung an eine feindliche Umwelt interpretieren.

Diese Anpassung hilft zwar dem betroffenen Individuum, sicher durch die für den evolutionären Erfolg entscheidenden Jahre der Fortpflanzungsfähigkeit zu gelangen – und erhöht wahrscheinlich sogar die sexuelle Promiskuität –, doch der Preis dafür ist hoch. McEwen vermutet, dass die Überaktivierung von Stressreaktionssystemen, so nötig sie für kurzfristiges Überleben sein mag, das Risiko von Fettsucht, Zuckerkrankheit und Bluthochdruck erhöht, zu einer ganzen Reihe psychiatrischer Probleme inklusive erhöhten Suizidrisikos führt und dass sie die Alterung und Degeneration des Hippocampus und anderer Hirnstrukturen beschleunigt.

Wir nehmen an, dass unser Gehirn ohne intensiven frühkindlichen Stress und bei angemessener Erziehung eine Entwicklung nimmt, die zu einem weniger aggressiven und emotional ausgeglichenen Erwachsenen führt, der sich sozial und mitfühlend verhält. Dieser Vorgang ermöglicht es uns sozialen Wesen, komplexe zwischenmenschliche Beziehungen einzugehen und unser kreatives Potenzial besser zu nutzen.

Die Gesellschaft erntet, was sie sät – in der Weise, wie sie ihre Kinder aufzieht. Stress prägt dem Gehirn verschiedene zwar angepasste, aber antisoziale Verhaltensweisen ein. Körperliche, emotionale oder sexuelle Misshandlung, aber auch das frühe Erleben von Krieg, Hungersnot oder Seuchen können hormonelle Änderungen auslösen, die das kindliche Gehirn dauerhaft so verdrahten, dass es mit einer böswilligen Welt fertig zu werden vermag. Auf diese Weise pflanzen sich Gewalt und Missbrauch von einer Generation zur nächsten und von einer Gesellschaft zur anderen fort.

Für uns folgt aus alledem zwingend, dass viel mehr getan werden muss, damit Kindesmissbrauch erst gar nicht stattfindet. Denn wenn die geschilderten Veränderungen im Gehirn einmal eingetreten sind, ist der Schaden nicht wieder gutzumachen.

Literaturhinweise


Wounds That Time Won’t Heal: The Neurobiology of Child Abuse. Von Martin H. Teicher in: Cerebrum (Dana Press), Bd. 2, S. 50 (2000).

Developmental Traumatology, Part 2: Brain Development. Von M.D. De Bellis et al. in: Biological Psychiatry, Bd. 45, S. 1271 (1999).


In Kürze


- Bis vor kurzem glaubten die Psychologen, Kindesmisshandlung führe zu verzögerter psychosozialer Entwicklung und zu schädlichen psychischen Abwehrmechanismen im Erwachsenenalter. Bildgebende Verfahren und Experimente zeigen jedoch, dass Kindesmissbrauch die neurale Struktur und Funktion des reifenden Gehirns dauerhaft schädigen kann.

- Dieses Resultat besagt, dass viel mehr unternommen werden muss, um den Missbrauch und die Vernachlässigung von Kindern zu verhindern, bevor Millionen junger Opfer irreparablen Schaden nehmen. Auch sind wohl neue Therapieansätze angebracht.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 7 / 2002, Seite 78
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
7 / 2002

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 7 / 2002

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