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Wunderbare Verwandlung. Knospe - Blüte - Frucht.

Aus dem Französischen von Sylvia Strasser.
Gerstenberg, Hildesheim 1998. 142 Seiten, DM 78,-.

Unser Auge sucht Gestalt. In der lebendigen Natur findet man eine verschwenderische Gestaltungskraft. Für viele Menschen ist diese „Selbstdarstellung des Lebens“, wie der Schweizer Biologe Adolf Portmann (1897 bis 1982) sie nannte, der Anstoß, sich von Kindheit an mit Tieren und Pflanzen zu beschäftigen. Sie werden Biologen – oder wenden sich der bildlichen Darstellung des Geschauten und Erlebten zu. Was die moderne Photographie dabei leisten kann, das zeigt der Bildband der international renommierten Autoren, die vor allem für ihre Makroaufnahmen aus dem Mikrokosmos seit fast 30 Jahren bekannt sind.

„Es gibt für mich nichts, was mich morgens stärker zum Aufstehen bewegt, als die Hoffnung, im Garten eine neue Blüte zu entdecken“, schreibt Claude Nuridsany in einem kurzen Essay „Gedanken über Blumen“, der dem Bildteil voransteht. Man glaubt ihm diese Begeisterung aufs Wort, wenn man die Aufnahmen der Blumen selbst sieht: Siebzehn Arten folgen aufeinander, so bekannte wie Kornblume und Löwenzahn und weniger bekannte wie Kugellauch und Drehkraut (Zirmet). Auf eine kleine Einführung mit Erklärungen zu Blütenbiologie, Namensgebung und systematischer Stellung der jeweiligen Art folgen vier bis zehn Bilder: Die Blumen verwandeln sich vor den Augen des Betrachters. Was modernste Zeitraffertechnik beim Filmen von Stunden oder gar Tagen auf Sekunden verkürzt, wird hier auf je einem Stadium angehalten: Sie knospen, erblühen, blühen, welken, fruchten. Nichts stört die Aufmerksamkeit für das Wesentliche. Ein ruhiger Hintergrund, gestochene Schärfe, perfekte Ausleuchtung und raffiniertes Arrangement, meist genau von vorn oder oben, zeigen die Blüten in völlig ungewohnter Sicht.

Siebzehnmal nacheinander der gleiche Ablauf, und doch immer neu. Das Layout wechselt, das Papier, die Farbe des Rahmens um das Bild, die Größe der Bilder, Hochformat und Querformat. Einmal ist es eine Strecke über acht Bilder, die sich auf vier Seiten aufklappen lassen, ein anderes Mal eine einzige Blüte über eine Doppelseite. Der Klatschmohn ist auf durchscheinendes Papier gedruckt, so daß man auf die vorherigen und die nachfolgenden Stadien durchschauen kann, aber die Feinheiten der Darstellung kommen erst voll zur Geltung, wenn man ein weißes Blatt hinter jede einzelne Aufnahme legt. Die voll erblühte Skabiose ist mittig so auf zwei Seiten gestellt, daß daneben links und rechts ein Fenster im Papier den Blick zurück auf die Knospen und voraus auf die Früchte zuläßt.

Die klare und durch nichts gestörte Darstellung ermöglicht das Erfassen feinster Strukturen wie Härchen, Schuppen und Stacheln und zeigt Symmetrien und Muster, die beim normalen Anschauen untergehen. Das optische Erlebnis rechtfertigt hier die ausgefeilte Kameratechnik, denn mit bloßem Auge sind viele interessante Details so nicht zu sehen. Makroobjektive mit höchster Auflösung im Nahbereich und niedrigempfindliche Diafilme, welche die Leistung dieser Objektive auch ausnutzen, machen solche Bilder erst möglich. Die nachträgliche Vergrößerung der Dias beim Druck vermittelt den Eindruck wie beim Blick durch das Binokular. Die solcherart aufgedeckte Schönheit wird in diesem Buch allerdings nicht weiter erklärt. Den Zusammenhang zwischen Form und Funktion muß man sich schon selbst herstellen – wenn man das will. Der Text bietet dazu einige Hinweise; aber ist vielleicht manche Schönheit gar zweckfrei?

Die beiden Autoren stehen mit dieser Art Pflanzenphotographie nicht allein. So hat schon 1928, aber viel abstrakter in Schwarzweiß, Karl Blossfeldt, Bildhauer, Amateurphotograph und Hochschullehrer an der Königlichen Kunstschule in Berlin, seine „Urformen der Kunst“ veröffentlicht. Das Anliegen des Werkes war damals aber nicht biologisch; vielmehr sollte nach Blossfeldts Ansicht alle Kunst ein Abbild der Natur sein, und seine Photos sollten dafür die Vorlagen liefern. In den „Blauen Büchern“ ab 1931 veröffentlichte Paul Wolff in mehreren Auflagen seine „Formen des Lebens“ und bezeichnete sie trotz klar erkennbarer künstlerischer Absichten bescheiden als „botanische Lichtbildstudien“.

Das Buch der beiden Franzosen ist viel poetischer als die oben stellvertretend genannten Werke vergleichbarer Qualität. Die Autoren unterstreichen dies auch durch die zusätzliche Auflockerung der einzelnen Pflanzenportraits mit eingestreuten Aphorismen und winzigen photographierten Vignetten in das ohnehin schon großzügige Layout. Eigentlich kann man nichts noch besser machen; selbst der Schutzumschlag ist für seine Funktion zu schön.

„Wunderbare Verwandlung“ ist ein wunderbares Buch.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 11 / 1998, Seite 164
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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