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Medizinethik: Xenotransplantation

Tiere als Organspender für Menschen?
Hirzel, Stuttgart 2000. 197 Seiten, DM 36,–


Xenotransplantation, die Verpflanzung lebender tierischer Zellen, Gewebe und Organe in den Menschen, ist derzeit ein hochaktueller Forschungsbereich. Sinn und Zweck wird darin gesehen, eines Tages eine ausreichende Menge an Geweben und Organen zur Transplantation auf den Menschen zur Verfügung zu stellen (Spektrum der Wissenschaft 9/1997, S. 70). Da macht der Titel neugierig; schließlich scheint es sich um die erste deutschsprachige Monografie zu handeln, die ganz der Xenotransplantation gewidmet ist.

Edgar Dahl, studierter Philosoph, Anthropologe und Ethnologe sowie Autor verschiedener Bücher, konzentriert sich ganz auf die Frage, ob es legitim ist, Schweine zum Zwecke der Organentnahme zu töten. Gemäß einem engen Verständnis von "angewandter" Ethik geht er systematisch vor: Er stellt acht prominente Ethiken in gut verständlicher Weise dar, und zwar zwei religiöse, die christliche und die buddhistische, und sechs säkulare philosophische: die Moralphilosophien von René Descartes und von Immanuel Kant, die Mitleidsethik Arthur Schopenhauers, die Ethik der "Ehrfurcht vor dem Leben" nach Albert Schweitzer, die präferenzutilitaristische Theorie von Peter Singer und Tom Regans Ethik der Tierrechte.

Im Zentrum der etwa zehnseitigen Beschreibungen steht die Argumentation der jeweiligen Ethik, wie der Mensch mit Tieren umzugehen habe. Daraus erschließt der Autor in sehr wenigen Sätzen, wie ein Vertreter dieser Ethik die Tötung von Tieren für die Xenotransplantation bewerten würde, und kommt zu dem Ergebnis, dass alle dargestellten Theorien sie mehr oder minder stringent gutheißen müssen. Keine von ihnen vertritt nämlich die vollkommene moralische Gleichstellung von Mensch und Tier. Diese wäre jedoch nach Dahl die einzige legitime Ablehnungsbegründung.

Im Wesentlichen bietet das Buch einen leicht lesbaren, fast salopp geschriebenen Einstieg in wichtige Positionen der Tierethik. Moralphilosophische Details und weiterführende Literaturhinweise finden sich in den Anmerkungen – am Ende des Buches, was zu umständlichem Blättern zwingt, aber immerhin.

Hinter dem Anspruch des Titels bleibt das Buch allerdings weit zurück. Die Xenotransplantation wirft weit mehr ethische Probleme auf als das der Tiertötung. Die aktuelle Forschung wird in einer fünfzehnseitigen Einführung ins Thema nur schlaglichtartig erhellt. Viele kritische Aspekte werden nur kurz angesprochen oder gar vollständig ausgeblendet. Es scheint für Dahl festzustehen, dass die Xenotransplantation eines Tages funktionieren und ausreichend viele Organe zur Verfügung stellen wird. Angesichts der derzeitigen Forschungslage ist das kaum mehr als ein Gedankenspiel. Es bestehen zumindest drei elementare biomedizinische Hürden, die es noch zu überwinden gilt: die verschiedenen Stufen der immunologischen Abstoßung, die physiologisch-anatomische Kompatibilität und die mögliche Übertragung bekannter und unbekannter tierischer Erreger.

Die in den letzten Jahren angewachsene moralphilosophisch-rechtliche Debatte wird kaum thematisiert. Nicht einmal in einem knappen Ausblick verweist der Autor auf die zahlreichen bioethischen Fragen, die derzeit zur Diskussion stehen: Welche Rolle spielen die Patienten bei der Erprobung der Methode? Nach welchen Kriterien werden den Patienten auf der Warteliste Organe zugewiesen? Wer bekommt das Menschenherz, wer muss sich mit dem Schweineherz begnügen? Wer trägt die Verantwortung für das Risiko, dass das transplantierte Organ Infektionen auf den Organempfänger oder gar auf weite Teile der Bevölkerung überträgt, und was ist die moralisch richtige Weise, mit diesem Risiko umzugehen? Wie wirkt sich die Verpflanzung tierischer Organe (oder tierischen Nervengewebes) auf die individuelle Identität oder die Leiberfahrung des Empfängers aus? Wie ist es zu bewerten, wenn zum Zwecke der Organverwendung transgene Tiere erzeugt oder Primaten zu Forschungszwecken als Organempfänger verwendet werden?

All diese Problembereiche klammert Dahl jedoch aus. Es fehlt ein kontextbezogenes Argumentieren, Abwägen und Differenzieren, bei dem Wissenschaftsethik nicht nur als schlichte Anwendung großer Theorien auf Praxisprobleme verstanden wird, sondern auch die Wissenschaftspraxis mit ihren Tücken, ihrer Geschichte, ihrer Vernetzung von Ökonomie und Eigeninteressen mitberücksichtigt wird.

Nun ist prinzipiell nichts gegen Beschränkung auf einen Teilaspekt eines Themas einzuwenden. Allerdings hätte der Autor die Leser darauf vorbereiten sollen. "Im Schweinsgalopp durch die Tierethik" wäre vielleicht ein angemessener Titel gewesen.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 7 / 2001, Seite 111
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
7 / 2001

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 7 / 2001

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