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Zehn Jahre Tschornobyl-Katastrophe

Der Name der kleinen Stadt in der Ukraine wurde zum Synonym für das bislang größte und schwerste Unglück in der Geschichte der zivilen Kerntechnik. Der Autor, damals Seuchenarzt in Kyiw und heute Botschafter seines Landes in den Vereinigten Staaten, hat die Auswirkungen des Reaktorunfalls von Anfang an miterlebt. Er schildert aus seiner Sicht die damaligen Geschehnisse und die Folgen, die noch einige Generationen lang andauern werden.

"Das Ende der Welt schien zu nahen – Ich konnte nicht glauben, was ich sah: Der Reaktor war durch die Explosion völlig zerstört. Ich war der erste Mensch auf der Welt, der das erblickte. Als Kerntechniker war ich mir aller Folgen des Geschehenen bewußt. Es war eine atomare Hölle. Angst erfaßte mich."

Diese Worte schrieb mir 1986 der Schichtleiter jener Mannschaft, die Block 4 in dem aus vier Kernreaktor-Anlagen bestehenden Kraftwerkkomplex Tschornobyl in der Nordukraine bediente, als dieser explodierte. Die Detonationen und das nachfolgende Feuer setzten radioaktive Partikel frei, die weite Teile Osteuropas kontaminierten. Der Schichtleiter wurde später zusammen mit einigen Kollegen wegen seiner Mitverantwortung an dem Unglück zu einer Haftstrafe verurteilt, obwohl er niemals eine Schuld eingestand.

Nachfolgende Untersuchungen der Behörden haben jedoch aufgezeigt, daß nicht nur die Bedienungsmannschaft, die in der Nacht vom 25. auf den 26. April 1986 in der Anlage Dienst tat, Verantwortung für diese unvergleichliche Tragödie trägt. Die Folgen reichen zudem weit über die lokalen Gegebenheiten hinaus und werfen grundlegende Fragen nicht nur für die Kernenergie-Industrie, sondern für die technikorientierte Zivilisation insgesamt auf. Der Name der kleinen ukrainischen Ortschaft Tschornobyl war zuvor kaum jemandem im Ausland geläufig; doch nach dem Unglück wurde er – meistens als "Tschernobyl" nach der Transliteration aus dem Russischen – zum Synonym für die größte Umweltkatastrophe in der Technikgeschichte und steht damit nun ähnlich wie "Stalingrad" und "Bhopal" als weltweit verständliche Metapher für das Leiden Hunderttausender. Im nachhinein ist auch offenkundig, daß die politischen Implikationen den Zusammenbruch der Sowjetunion beschleunigt haben.

Wegen der fundamentalen Bedeutung dieses Desasters für die Menschheit ist es unerläßlich, daß die Weltöffentlichkeit sowohl seine Ursachen als auch seine Folgen versteht.

Die Ereignisse, deren Verkettung Ursache der Explosion waren, sind wohlbekannt. Block 4 war eine 1000-Megawatt-Anlage mit einem in der Sowjetunion entwickelten und nur dort gebauten Reaktor des Typs RBMK (das russische Akronym steht für Reaktor Bolschoi Muschnosti Kanalny, Reaktor hoher Leistung vom Kanaltyp): Die bei den Kernspaltungen freiwerdenen Neutronen werden mit Graphit moderiert, das heißt auf thermische Energie abgebremst; die Brennelemente werden mit normalem Wasser gekühlt. Es durchströmt die Wechselwirkungszone in Druckröhren, was einen das ganze System umschließenden aufwendigen Druckbehälter nach Meinung der Konstrukteure entbehrlich machte. Das Wasser verdampft nicht wie bei anderen Reaktortypen in gesonderten Dampferzeugern, sondern direkt in diesen Druckröhren. Der Dampf treibt die Turbogeneratoren (bei den meisten installierten Anlagen sind es zwei mit je 500 Megawatt elektrischer Leistung) an. Nach Kondensation wird das Wasser wieder in die Druckröhren gepumpt.

In der Schicksalsnacht testeten die Operateure, ob sich bei einer Störung des externen Stromnetzes und dem dadurch bedingten Ausfall der Hauptumwälzpumpen des Kühlwassers eine Notabschaltung des Reaktors vermeiden ließe. Sie wollten prüfen, wie lange die Turbinen und Generatoren bei Unterbrechung der Dampfzufuhr sich weiterdrehen würden und ob ihre mechanische Energie ausreichen würde, bis zum Anspringen von Notdieselaggregaten die Pumpen mit Strom zu versorgen. Dazu verringerten sie die Reaktorleistung erheblich und sperrten schließlich die Dampfleitung.

Ein Mangel des RBMK-1000-Designs ist jedoch, daß die moderierte Kettenreaktion bei geringer thermischer Leistung instabil wird; und bei dem Experiment wurde der kritische Wert unterschritten. Die versuchsbedingte Drosselung des Kühlwasserdurchsatzes hatte zur Folge, daß die Reaktorleistung unkontrollierbar anstieg – innerhalb von drei Sekunden auf das Hundertfache des üblichen Maximalwerts. Sicherheitssysteme, die einer Zerstörung des Reaktors vorbeugen sollten, hatte die Mannschaft überdies abgeschaltet, um das Experiment nicht zu beeinträchtigen.

Erst um 1.23 Uhr 40 Sekunden am Morgen des 26. April aktivierte ein Techniker per Knopfdruck das automatische Notabschaltsystem, als er die Gefährlichkeit der Situation erkannte. Doch es war bereits zu spät – die Situation glich der eines Autofahrers, der verzweifelt zu bremsen sucht, aber feststellen muß, daß der Wagen rasant weiter beschleunigt. Die überhitzten Brennstäbe ließen das Kühlwasser so rapide verdampfen, daß zunächst der Reaktor selbst zerstört und die metallene, 2000 Tonnen schwere Abdeckplatte hochgeschleudert wurde; und eine Knallgas-Explosion (ein Teil des Dampfes war zu Wasserstoff und Sauerstoff zersetzt worden) ließ die Reaktorhalle bersten. Der gezähmt geglaubte hilfreiche Geist der Kernenergie war entwichen und zeigte seine häßliche Fratze.

Mit heroischen Notmaßnahmen suchte man als erstes das entstandene Feuer zu löschen: Rund 5000 Tonnen wärmedämmenden und strahlungsabsorbierenden Materials – Sand, Ton, Dolomit, Bor und Blei – ließen Hubschrauber auf die Ruine fallen, zudem wurde Stickstoff eingeleitet. Trotzdem brannten die mehrere hundert Tonnen Graphit, die als Moderator für die Spaltneutronen dienten, zehn Tage lang. Die aufsteigenden heißen Gase rissen feinste Partikel des Kernbrennstoffs und der darin angesammelten Spaltprodukte mit, nach offiziellen Angaben drei bis vier Prozent des radioaktiven Inventars. Die Brennstäbe bestanden überwiegend aus Uran; ein Teil davon hatte sich während des normalen Betriebs in Plutonium umgewandelt. Dieses ebenfalls spaltbare Element ist ein Alphastrahler und äußerst giftig. Von Spaltprodukten wie Iod-131, Strontium-90 und Cäsium-137, die sich zum Teil im Körper anreichern, wurden jedoch weit größere Aktivitätsmengen freigesetzt, die dann auch die größeren radiologischen Folgen nach sich zogen.

Diese und andere Radioisotope wurden mit den Rauchschwaden vom Wind nord- und westwärts getrieben und gingen zum Teil erst Tausende von Kilometern entfernt nieder. Zu den hauptsächlich betroffenen Ländern gehörten außer der Ukraine auch Belarus (Weißrußland), Rußland, Georgien, Polen, Schweden, Deutschland und die Türkei. Selbst in den USA und in Japan stellte man radioaktiven Niederschlag aus dieser Quelle fest. Vielerorts waren Feld- und Waldfrüchte sowie Milchprodukte so stark verseucht, daß sie vernichtet werden mußten – ebenso wie ganze Rentierherden in Skandinavien, die auf kontaminierten Weiden gegrast hatten.


Verseuchte Landschaft

Die Gesamtmenge der freigesetzten Radioaktivität wird sich niemals genau bestimmen lassen, doch sind die von der damaligen Sowjetregierung genannten 90 Millionen Curie – ungefähr das Zehnfache der im August 1945 bei den Atombombenabwürfen in Hiroshima und Nagasaki freigesetzten Aktivität – wohl ein Mindestwert. (Die in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion noch übliche Einheit Curie entspricht 3,7 × 1010 Becquerel, also Zerfällen pro Sekunde.) Andere Schätzungen vermuten ein Mehrfaches davon, und man kann mit Recht behaupten, daß der Fallout dem eines mittleren Nuklearkriegs entsprach. Unmittelbar nach dem Unglück erkrankten 187 Menschen an akuten Strahlenschäden; 31 von ihnen starben. Die meisten dieser frühen Opfer waren Feuerwehrleute, Hubschrauberpiloten und Angestellte des Kraftwerks, die den Brand nach der Explosion bekämpften. Auf dem Gelände des Reaktorkomplexes erreichte die Gammastrahlung eine Ionendosisleistung von mehr als 100 Röntgen pro Stunde (0,0258 Coulomb pro Kilogramm und Stunde). Ein Mensch, der einer solchen Bestrahlung ausgesetzt ist, würde bereits innerhalb einer Stunde eine mehrhundertfach höhere Dosis aufgenommen haben, als nach einer Empfehlung der Internationalen Strahlenschutzkommission für Einzelpersonen der Bevölkerung pro Jahr tolerierbar ist. Auf dem Dach des zerstörten Reaktorgebäudes betrug die gemessene Dosisleistung gar 100000 Röntgen pro Stunde. Vor Ort spielten sich erschreckende und herzzerreißende Szenen ab. Zur Zeit des Unglücks arbeitete ich an medizinischen Forschungen im Institut für Epidemiologie und Infektionskrankheiten in der ukrainischen Hauptstadt Kyiw (früher "Kiew" geschrieben), etwa 100 Kilometer entfernt. Im Laufe des 26. April informierte mich ein Freund, daß Verletzte mit Verbrennungen, die sie bei einem Unfall im Kraftwerk von Tschornobyl erlitten hatten, in die Krankenhäuser eingeliefert worden waren, doch war uns das Ausmaß des Geschehens unbekannt. In den folgenden Tagen gab es kaum offizielle Stellungnahmen; die wenigen legten zudem nahe, daß keine große Gefahr bestehe. Störsender behinderten den Empfang der meisten ausländischen Rundfunkprogramme, doch konnten wir einer Reportage aus Schweden entnehmen, daß in diesem Land und anderswo hohe Radioaktivitätswerte festgestellt worden waren. Einige andere Ärzte und ich beschlossen, zum Unglücksort zu fahren, um uns zu informieren und soweit möglich zu helfen. Wir machten uns recht unbekümmert auf den Weg, aber beim Näherkommen bemerkten wir Anzeichen einer Massenpanik. Leute mit guten Beziehungen suchten ihre Kinder per Bahn und Flugzeug wegzubringen. Andere standen nach Fahrkarten Schlange oder enterten gar Züge, um zu fliehen. Familien wurden in dem allgemeinen Tumult getrennt. Die einzigen vergleichbaren Unruhen hatte ich während einer Cholera-Epidemie erlebt. Zahlreiche Beschäftige des Kernkraftwerks waren bereits in die umliegenden Kliniken eingeliefert worden. Der Fallout war sehr ungleichmäßig auf die Umgebung niedergegangen. Während an einer Stelle die Aktivität extrem hoch sein konnte, war sie wenige Meter weiter vielleicht unbedeutend. Insgesamt war jedoch ein riesiges Gebiet betroffen (Bild 1 in dem nachfolgenden Beitrag). In den ersten Wochen nach dem Unglück war ein hoher Anteil der Strahlenbelastung auf das Isotop Iod-131 zurückzuführen, das eine Halbwertszeit von nur acht Tagen hat und sich insbesondere in der Schilddrüse anreichert. Andere hoch radiotoxische Isotope wie Strontium-90 und Cäsium-137 haben hingegen längere Halbwertszeiten von 28,5 beziehungsweise 30,1 Jahren. Langfristig wird wohl das Cäsium den höchsten Beitrag zur Dosis liefern. Mehr als 260000 Quadratkilometer in der Ukraine, Rußland und Belarus weisen noch eine Cäsium-137-Aktivität von mehr als einem Curie pro Quadratkilometer (37000 Becquerel pro Quadratmeter) auf. Bewohnern dieser Gebiete wird empfohlen, sich einmal jährlich einer Untersuchung auf Strahlenschäden zu unterziehen. Allein in meinem Heimatland, der Ukraine, sind mehr als 35000 Quadratkilometer (fünf Prozent des Territoriums) derart kontaminiert. Der größte Teil davon, 26000 Quadratkilometer, ist landwirtschaftlich nutzbares Gelände. In den am schlimmsten betroffenen Gebieten darf nichts zum Verzehr genutzt werden, doch weniger verseuchte Flächen werden weiterhin bestellt oder beweidet. Insgesamt 2,6 Millionen Einwohner in 13 Verwaltungsbezirken (Oblasten) der Ukraine mit zusammen 1300 Städten und Dörfern wurden am schlimmsten betroffen, darunter 700000 Kinder. Innerhalb von zehn Tagen nach dem Unfall waren 135000 Menschen geflüchtet oder evakuiert worden; bis heute haben insgesamt 167000 Personen ihre Heimstätte verloren. Dennoch haben die Versuche der Behörden, das Ausmaß der Katastrophe zu verschweigen, die Dinge unnötig verschlimmert. Hätte man in den ersten kritischen Tagen den Exodus organisiert, wären viele Menschen wohl mit einer geringeren Strahlendosis davongekommen. Im Umkreis von 30 Kilometern um das Kernkraftwerk lebt heute fast niemand mehr (die Stadt Tschornobyl, rund 20 Kilometer davon entfernt, hatte 18000 Einwohner), und 60 Siedlungen außerhalb dieser Zone wurden ebenfalls verlegt. Vormals geschäftige Ortschaften sind verwaist (Bilder 1 und 4). Die Regierung hat auf diese beispiellose Entwurzelung reagiert, indem sie die verseuchten Gebiete unter Ausnahmerecht stellte und den am schwersten Betroffenen gesetzlich besonderen Schutz zuerkannte. Nachwirken aber wird die Katastophe noch in mehreren Generationen.

Strahlenschäden

Verständlicherweise sind die gesundheitlichen Auswirkungen am gravierendsten. Etwa 30000 der 400000 so bezeichneten Liquidatoren, die an der Beseitigung der gefährlichsten Rückstände und dem Bau des sogenannten Sarkophags – eines riesigen Betonmantels um den zerstörten Reaktor – beteiligt waren, sind erkrankt; 5000 haben so schwere Leiden, daß sie arbeitsunfähig sind.

Wie viele Todesfälle auf das Reaktorunglück zurückzuführen sind wird sich wohl nicht ermitteln lassen. Verwandte, Nachbarn und Freunde wurden auseinandergerissen, viele Kinder in unbelastete Gebiete gebracht. Die Umweltschutzorganisation Greenpeace hat die Sterblichkeitsziffern vor und nach dem Unfall verglichen und kam auf ungefähr 32000 Todesopfer. Andere Schätzungen geben teils höhere, teils niedrigere Zahlen an, doch ich halte diese Angabe für plausibel. Ein gewisser, womöglich sogar erheblicher Anteil dieser Todesfälle könnte auf die enorme psychische Belastung zurückzuführen sein, der die Bewohner der verseuchten Gebiete ausgesetzt sind.

Einer Studie zufolge, die Mediziner aus Kyiw unter Leitung von Sergei Komissarenko an einer großen Stichprobe von Liquidatoren durchführten, litten die meisten an mehreren Symptomen – in dieser Zusammenstellung scheinen sie ein neues Krankheitsbild zu ergeben. Dazu gehören Erschöpfungsgefühl und Apathie sowie eine verminderte Anzahl sogenannter Natürlicher Killerzellen, eines bestimmten Typus weißer Blutkörperchen, die entartete und virusinfizierte Zellen erkennen und zerstören können. Weil dies die Immunabwehr schwächt, nennen manche das Syndrom "Tschornobyl-AIDS". Die Betroffenen leiden nicht nur vermehrt unter Leukämie und bösartigen Geschwülsten, sondern sind auch anfälliger für schwere Herzerkrankungen und gewöhnliche Infekte der Bronchien, der Mandeln und der Lunge.

Unmittelbar nach dem Unglück befand sich Iod-131 in der Luft – teils als Gas, teils an Schwebstoffe gebunden. Durch Inhalation dieses Isotops waren 13000 Kinder in der Umgebung einer Schilddrüsendosis von 2000 Millisievert oder mehr ausgesetzt (das entspricht mindestens der doppelten empfohlenen Maximaldosis, die beruflich strahlenexponierte Personen in einem Jahr aufnehmen dürfen). Bis zu 4000 dieser Kinder erhielten sogar die zehnfache Dosis. Die Folge ist eine chronische Schilddrüsenentzündung, die zwar keine unmittelbaren Beschwerden macht – aber Schilddrüsenkrebs hat mittlerweile immens zugenommen (vergleiche Spektrum der Wissenschaft, Dezember 1994, Seite 117, sowie den nachfolgenden Beitrag).

Den Erhebungen von Mykola D. Tronko und seinen Kollegen in Kyiw zufolge traten in der Ukraine von 1981 bis 1985 – also vor dem Reaktorunglück – etwa fünf Fälle von Schilddrüsenkrebs pro Jahr auf. Bereits fünf Jahre nach dem Unfall waren es 22, und von 1992 bis 1995 im Mittel 43 Fälle pro Jahr. Von 1986 bis Ende 1995 wurde bei insgesamt 589 Kindern und Jugendlichen ein solcher Tumor diagnostiziert (in Belarus sind es noch mehr). Damit hat sich die relative Häufigkeit von Schilddrüsenkrebs in der Ukraine gegenüber der Zeit vor der Katastrophe verzehnfacht und beträgt nun mehr als vier Fälle pro Million Kinder.

Diese Krebsart bildet zwar leicht Metastasen aus, doch sind die Heilungschancen groß, wenn noch im Frühstadium die Schilddrüse operativ entfernt wird (Bild 2). Die Patienten müssen dann allerdings lebenslang künstliche Schilddrüsenhormone in Tablettenform einnehmen.

Andere Studien ukrainischer und israelischer Wissenschaftler haben ergeben, daß ein Drittel der Liquidatoren – meist Männer im Alter zwischen 30 und 40 Jahren – unter sexuellen Beeinträchtigungen leidet. Außer Impotenz wurden abnorme Veränderungen der Samenzellen und eine Verminderung ihrer Befruchtungsfähigkeit beobachtet. Die Anzahl der Schwangerschaften mit Komplikationen hat sich bei Frauen in den betroffenen Gebieten erhöht, und viele junge Paare wagen es aus Angst vor Strahlenschäden nicht, Kinder zu zeugen.

Die anfangs von Medizinern aus dem Parteiapparat der Sowjetunion, aber auch von manchen Kernenergieexperten und Militärs aus westlichen Ländern geäußerten optimistischen Prognosen, das Reaktorunglück werde langfristig kaum oder keine Gesundheitsschäden zur Folge haben, erweisen sich damit als falsch. Aber auch die Befürchtungen der Pessimisten, die zum Teil weit mehr als 100000 zusätzliche Krebsfälle vorhergesagt hatten, haben sich nicht bewahrheitet. Doch legen die bisherigen Erfahrungen mit Langzeitwirkungen einer Strahlenexposition – zum Großteil aus Untersuchungen der Überlebenden aus Hiroshima und Nagasaki gewonnen – nahe, daß die Anzahl der Erkrankungen weiter zunehmen wird. Zwischen der Bestrahlung und dem erkennbaren Auftreten von Krebs vergehen mitunter viele Jahre, so daß die Perspektiven für diejenigen, die im Kindesalter einer hohen Dosis ausgesetzt waren, recht ungünstig sind.

Der Versuch der sowjetischen Propaganda, die Gefahr herunterzuspielen, hat gerade das Gegenteil bewirkt. Die Menschen sind permanentem Stress ausgesetzt, weil sie sich um ihre Gesundheit und insbesondere um die ihrer Kinder sorgen. Die dadurch ausgelösten psychischen Störungen sind jenen vergleichbar, an denen die im Vietnam- und im Afghanistan-Krieg eingesetzten Soldaten heute leiden. Heranwachsende, die als Kinder aus der innersten Zone um den Tschornobyl-Reaktor evakuiert wurden, sind zehn- bis fünfzehnmal häufiger von Neuropsychosen betroffen als ihre Altersgenossen sonst.

Das Unglück und die nachfolgende Umsiedlung großer Bevölkerungsteile haben zudem die ethnische Vielfalt der Region zerstört. Insbesondere die typische Bauweise und andere Zeugnisse religiöser und weltlicher Kultur der Drewljany (Waldbewohner) und Polischtschuks (Bewohner des Polissja-Gebiets) gehen mit dem Verfall verlassener Städte und Dörfer verloren. Die weithin schöne Landschaft ist für unabsehbare Zeit gefahrvolles Terrain.

Die Ukraine, die sich in einer ernsten Wirtschaftskrise befindet, muß gegenwärtig mehr als fünf Prozent des Staatshaushalts für die Bewältigung der Unglücksfolgen aufwenden. Die Ausgaben umfassen Beihilfen wie mietfreies Wohnen für etwa drei Millionen Menschen, die offiziell als Tschornobyl-Opfer anerkannt wurden, darunter 356000 Liquidatoren und 870000 Kinder. Das Land hat eine spezielle Steuer in Höhe von zwölf Prozent des Einkommens eingeführt, um die erforderlichen Geldmittel aufzubringen; aber es ist ungewiß, wie lange die Regierung noch Unterstützung in jetziger Höhe gewähren kann.

Die Zone um das Kernkraftwerk ist nach wie vor eine der am stärksten radioaktiv verseuchten Gegenden der Welt. In den Trümmern des explodierten Reaktors befinden sich noch einige zehntausend Tonnen hochradioaktiven Materials. Doch extreme Strahlungsbelastung ist nicht auf den Nahbereich beschränkt: An ungefähr 800 Stellen innerhalb von 30 Kilometern um den Kraftwerkskomplex ist verseuchtes Material in aller Eile vergraben worden.

Diese notdürftig mit Lehm ausgelegten Müllkippen mögen die Ursache für die beträchtliche Kontamination des Flußschlamms im Dnipro (Dnjepr) und in einem seiner Nebenflüsse, dem Pripjat, sein, aus denen Trinkwasser für 30 Millionen Menschen gewonnen wird. Die Ablagerungen allein im Bett des Pripjat in unmittelbarer Nähe von Tschornobyl sind schätzungsweise mit 10000 Curie Strontium-90, 12000 Curie Cäsium-137 und 2000 Curie Plutonium belastet. Um zu verhindern, daß wasserlösliche Verbindungen dieser Elemente die Gewässer noch stärker kontaminieren können, müßte der Flußschlamm ausgebaggert und in geeigneten Deponien entsorgt werden – doch diese gibt es bislang nicht.


Folgemaßnahmen

Die beiden weiterhin in Betrieb befindlichen der ehemals vier Reaktorblöcke in Tschornobyl (ein dritter mußte nach einem Brand 1992 abgeschaltet werden) liefern bis zu fünf Prozent des in der Ukraine benötigten Stroms. Insgesamt deckt das Land 40 Prozent seines Elektrizitätsbedarfs durch Kernenergie.

Doch im Dezember 1995 haben die Ukraine und die G-7-Länder formal vereinbart, daß der gesamte Kraftwerkskomplex bis zum Jahre 2000 stillgelegt werden soll. Die Europäische Union und die Vereinigten Staaten wollen einen Maßnahmenkatalog erstellen helfen, damit die örtliche Bevölkerung nicht wiederum unter Energiemangel leidet. Es ist auch vorgesehen, mit den zur Verfügung gestellten Geldern die Sicherheitsvorkehrungen in einem der noch laufenden Reaktoren rasch zu verbessern. Zudem sollen die Stillegung und vor allem das größte Problem, nämlich die Ummantelung des inzwischen leckagegefährdeten Sarkophags der Reaktorruine mit einem zweiten, in internationaler Zusammenarbeit angegangen werden.

Die zehn Stockwerke hohe Schutzhülle mit mehr als sechs Meter dicken Wänden besteht hauptsächlich aus Beton und großen Metallplatten (Bild 3 rechts). Sie sollte 30 Jahre halten. Doch weil sie wegen der immensen Strahlung vor Ort in großer Hast errichtet wurde, rostet die Stahlarmierung seit längerem, und mehr als 1000 Quadratmeter des Betons weisen große Risse auf. Regen und Schnee können eindringen. Bei einem Einsturz des Sarkophags – bei einem Erdbeben durchaus wahrscheinlich – würden abermals große Mengen radioaktiven Staubes freigesetzt werden.

Im Jahre 1993 wurde mit einer internationalen Ausschreibung die beste dauerhafte Lösung gesucht, und 94 Vorschläge gingen ein. Den Zuschlag erhielt 1994 Alliance, ein Konsortium unter Führung des französischen Unternehmens Campenon Bernard, an dem Firmen aus Frankreich, Deutschland, Großbritannien, Rußland und der Ukraine beteiligt sind, für das Konzept eines sogenannten Supersarkophages. Machbarkeitsstudien liegen bereits vor. Die Planung wird zwischen 30 Millionen und 45 Millionen, der Bau selbst – für den fünf Jahre veranschlagt werden – mehr als 450 Millionen Mark kosten.

Die endgültige Beseitigung des noch vorhandenen radioaktiven Abfalls dürfte 30 Jahre dauern. Eines der möglichen Verfahren ist das Einschmelzen in einem Spezialglas.

Das Tschornobyl-Unglück ist nicht mit Naturkatastrophen wie Erdbeben oder Überschwemmungen zu vergleichen, von denen die Menschheit immer wieder heimgesucht wird, die sie aber nur bedingt – durch Siedlung in gefährdeten Regionen – mit zu verantworten hat. Es ist vielmehr ein noch nie dagewesenes technisches und ökologisches Desaster mit weltweiten Folgen: Tausende von Toten, Kranken und Umweltflüchtlingen, Kontamination weiter Landstriche, die zum Teil mehrere Generationen lang unbewohnbar bleiben, verseuchtes Wasser, und möglicherweise irreparable Schäden an Ökosystemen. Tschornobyl steht damit als Symbol für die zunehmende Bedrohung durch zivilisatorische Errungenschaften, die ohne größte Vor- und Umsicht nicht beherrscht werden können.

Die Konstrukteure der Anlage, die nicht den internationalen Sicherheitsanforderungen genügte, wären sicherlich ebenso zur Rechenschaft zu ziehen wie die Betriebsmannschaft. Der RBMK-1000 ist die Variante eines für militärische Zwecke geplanten Reaktors – darin sollte Plutonium für Kernwaffen erbrütet werden. Eine Druckhülle, ausgelegt für den GAU (den größten anzunehmenden Unfall), hätte zumindest die schwersten Folgen der Explosion des Reaktors mildern können; aber es gab sie nicht. Weitere Kernkraftwerke dieses Typs sind nach wie vor in der Ukraine, in Litauen und in Rußland in Betrieb.

Die Katastrophe macht die große Verantwortung bewußt, die auf den Wissenschaftlern, Ingenieuren und anderen in der Politikberatung tätigen Fachleuten lastet. Ich meine sogar, daß die kommunistische Führung der damaligen Sowjetunion eine Mitschuld trägt. Trotz der von dem damaligen Präsidenten Michail Gorbatschow bekundeten Politik der glasnost (Offenheit) machte das Regime den aussichtslosen und letztlich schädlichen Versuch, die Ungeheuerlichkeit des Geschehenen zu beschönigen.

Selten sind die Mängel im zentral gelenkten, auf Geheimhaltung bedachten politischen und wissenschaftlichen System der Sowjetunion so offenkundig geworden wie in diesem Fall. Verzicht auf nötige Sicherheitseinrichtungen sollten die Baukosten so gering wie möglich halten; ausländische Erfahrungen mit der Reaktorsicherheit wurden einfach mißachtet.

Die Katastrophe zeigt auch das Gefährdungspotential von Kernkraftwerken in Kriegsgebieten auf. Alle diese Anlagen sind zudem mögliche Ziele von Terroranschlägen.

Tschornobyl lehrte auf schreckliche Weise, worauf die Menschheit vorbereitet sein muß, wenn sie weiterhin auf Kerntechniken setzt. Sie muß die Konsequenzen des 26. April 1986 begreifen.

Literaturhinweise

- Tschernobyl und seine Folgen. Band 1: Radiobiologische Aspekte der Tschernobyler Katastrophe. Von Wadim Pintschuk und anderen. Herausgegeben von R. Meier. Elbe-Dnjepr-Verlag, 1994.

– Chernobyl: A Documentary Story. Von Juri Schtscherbak. St. Martin's Press, 1989.

– Chernobyl. A Policy Response Study. Herausgegeben von Boris Segerstahl. Springer, 1991.

– Strahlung und menschliche Resistenz (in Russisch). Von Sergei Komissarenko. Naukowa Dumka, Kyiw 1994.

– Caring for Survivors of the Chernobyl Disaster: What the Clinician Should Know. Von Armin D. Weinberg und anderen in: Journal of the American Medical Association, Band 274, Heft 5, Seiten 408 bis 412, 2. August 1995.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 5 / 1996, Seite 84
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
5 / 1996

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 5 / 1996

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