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Hirschhausens Hirnschmalz: Zeigt her eure Füße!

Eckart von Hirschhausen

In Kinofilmen geben die Helden gerne Weisheiten von sich wie: "Traue nie Männern, die weiße Schuhe tragen." Ich würde hinzufügen: Kaufe nie auf der Straße elektronische Geräte von Männern, die außer Atem sind. Oder zweifle stets an der seelischen Gesundheit von Leuten, die im Kino ihre Sonnenbrille aufbehalten. In diesen Ratschlägen stecken Vorurteile, Lebenserfahrung und "Bauchgefühl". Wie wir anhand minimaler Informationen Rückschlüsse über unsere Mitmenschen ziehen, interessiert zunehmend auch Forscher. Sie sprechen von "thin slices", also kleinen Ausschnitten aus dem Verhalten eines anderen, die wir heranziehen, um eine große Frage zu beantworten: Wie tickt der? Kann ich dem vertrauen, oder suche ich besser das Weite?

Es gelang Versuchspersonen bereits, vom Gesichtsausdruck auf die Extraversion des Abgebildeten zu schließen, an Kleidungsstücken die Stärke moralischer Gefühle abzulesen und am Gang die sexuelle Orientierung. Aber das Offensichtlichste wurde bislang ausgespart: Schuhe! Dabei wird über kaum ein anderes Kleidungsstück mehr nachgedacht und gelästert. Komikerkollegen machen daraus ganze Programme – ich habe wenigstens eine anständige Studie vorzuweisen, "Shoes as a Source of First Impressions" von Psychologen der University of Kansas.

Psychotest

Wie viele Paar Schuhe haben Sie?

  1. A) unzählige
  2. B) nie gezählt
  3. C) habe keine Paare
  4. D) muss ich meine Frau fragen

Mehr als 200 Studenten spendierten Fotos ihres Schuhwerks und Einsicht in ihre Persönlichkeit mittels Fragebögen. Verblüffenderweise konnten andere Probanden nur anhand der Treter eine Reihe von Aussagen über die Träger machen. Okay, bei Geschlecht, Alter und Einkommen hätte ich mir das auch zugetraut. Aber selbst bei Merkmalen wie Verträglichkeit oder Extraversion lagen die Beurteiler zumindest tendenziell richtig. Vielleicht meint man das ja, wenn man sagt, ein Schuh passt! Was mich auf den Kalauer bringt: Kommt ein Mann in einen Schuhladen und sagt: "Ich habe zwei linke Füße. Haben Sie Flip-Flips?" Im Ernst: Ich wüsste gerne, welche Schuhe Sie gerade tragen. Wobei ich Ihnen ja wünsche, dass Sie auf dem Sofa liegen und unter der Decke nur Ihre Socken hervorlugen. Die mit Snoopy drauf? Oder die selbst gestrickten? Ein brauner und ein schwarzer? Aber das wäre schon wieder die nächste Studie ...

Jedenfalls kann ich meine eigene Biografie gut anhand meiner Treter aus jeder Epoche unterteilen. Die deutschen Medizinstudenten in England erkannten sich über Stadtteile hinweg an ihren Birkenstock-Sandalen. Die Königsdisziplin im Studium der Diagnostik hieß dort "clinical signs". In der Vorlesung zeigte der Oberarzt, der mit seiner Kamera kuriose klinische Zeichen festhielt, einmal ein Bild von zwei schwarzen Herrenlederschuhen mit kleinen blassen Flecken darauf. "Was hat der Patient?", fragte er. "Wir sehen gar keinen Patienten!", beschwerten wir uns. Das sei in diesem Fall auch nicht nötig, meinte er.

Nach und nach dämmerte es uns: Es waren eingetrocknete Zuckerkristalle, der Patient hatte also Zucker im Urin, sprich Diabetes. "Richtig", sagte der Oberarzt. "Und zudem darf man vermuten, dass seine Prostata vergrößert ist, weil so viel auf die Schuhe getropft ist." Zwei Blickdiagnosen auf den zweiten Blick. Anderen auf die Füße zu schauen, lohnt also immer!

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  • Quelle
Gillath, O. et al.: Shoes as a Source of First Impressions. In: Journal of Research in Personality 46, S. 423-430, 2012