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Zufall Mensch. Das Wunder des Lebens als Spiel der Natur


Der deutsche Titel ist etwas unglücklich gewählt. Mit dem Menschen befaßt sich das Buch nämlich nur am Rande. Eigentlich handelt es, wie sein englischer Titel „Wonderful Life: The Burgess Shale and the Origin of Life“ besagt, von den etwa 530 Millionen Jahren alten Fossilien vom Burgess-Paß in den kanadischen Rocky Mountains.

Stephen Jay Gould, Paläontologe an der Harvard-Universität in Cambridge (Massachusetts) und Verfasser zahlreicher populärwissenschaftlicher Arbeiten, versteht es, die Fundumstände und die Rekonstruktion der meist sehr bizarren Formen geradezu spannend zu schildern. Dabei deutet er die einzelnen Reste von wirbellosen Tieren, wie es schon die wissenschaftlichen Bearbeiter um Harry Whittington von der Universität Cambridge (England) taten, als Vertreter heute völlig unbekannter systematischer Einheiten. In der Tat sind die Fossilien nur sehr schwer in das System der heutigen Tiere einzuordnen. Aber Gould beschreibt sie so, als ob sie zu den Dingen gehörten, von denen sich unsere Schulweisheit nichts träumen ließe.

Ich halte eine solche Ansicht für überzogen. Nach meiner Meinung bieten die meisten Burgess-Fossilien nicht genügend anatomische Einzelheiten, daß man derart weittragende taxonomische Entscheidungen treffen müßte. Es könnte sich bei den meisten Formen eher um Stammlinienvertreter bekannter Tiergruppen handeln. Schon die angeblich auf ihren Stacheln laufende Hallucigenia hat sich, neueren Funden aus China zufolge, eher auf den Fortsätzen der entgegengesetzten Körperseite bewegt (siehe „Rätsel richtiggestellt“, Spektrum der Wissenschaft, September 1991, Seite 26). Damit wird das Tier schon wesentlich normaler.

Solch emotionale Darstellung ist bei wissenschaftlichen Problemen wenig hilfreich; der Forscher sollte sich bei schwierigen Fragen der Deutung einen kühlen Kopf bewahren. Denn wenn die Lebewesen von Burgess als evolutive Unikate angesehen würden, wäre ihre Erforschung vorzeitig beendet.

Gould will mit Hilfe all dieser so abwegig aussehenden Fossilien zeigen, daß die Evolution „kontingent“ abläuft: nicht stetig und zielgerichtet, sondern zufällig und zugleich historisch. Darin kann man ihm heute ohne weiteres zustimmen. Diese zentrale Idee seines Buches versucht er mit weiteren Beispielen aus der Erdgeschichte zu stützen. So haben sich zum Beispiel die Dinosaurier herausgebildet und über lange Zeit behauptet. Sie wurden schließlich durch ein äußeres Ereignis, für das Gould – wahrscheinlich des Effektes wegen –lieber einen Meteoreinschlag als einen Klimaumschwung als Grund annimmt, von den bis zu diesem Zeitpunkt dahinvegetierenden Säugetieren abgelöst. Hätte es für die Dinosaurier die Kreide-Tertiär-Grenze nicht gegeben, so hätten sich die Säugetiere kaum auf die heutige weltbeherrschende Höhe erheben können, sondern wären wohl – ähnlich wie die Tiere von Burgess – als Stammlinienvertreter steckengeblieben.

Besonderen historischen Umständen verdankt schließlich auch Homo sapiens seine problematische Existenz. Aus seiner Auffassung, daß die Entwicklung des Lebens kontingent verlaufen sei, leitet Gould die besondere Verantwortung des Menschen gegenüber der Natur ab.

Trotz der angesprochenen Schwächen ist Gould ein faszinierender Bericht über die Erforschungsgeschichte eines der wichtigsten Fundorte fossiler Lebewesen gelungen. Das Buch vergönnt nicht nur dem Laien einen Blick in die Werkstatt des Naturforschers; auch der Paläontologe erkennt in vielem seine eigenen Gedanken und Erfahrungen wieder.

An der patriarchalischen Gestalt des Entdeckers und ersten Bearbeiters der Burgess-Fossilien, des amerikanischen Paläontologen Charles Doolittle Walcott, wird die menschliche Seite der Wissenschaft aufgerollt. Gould versucht – wohl etwas ungerecht – an seinem Beispiel zu zeigen, wie sehr auch das wissenschaftliche Denken von allgemeinen, zeitlich bedingten geistigen Strömungen beherrscht wird und wie sehr einzelne Persönlichkeiten den Fortschritt behindern können. Denn wie bei vielen zu glänzenden Verwaltern aufgestiegenen Wissenschaftlern kam dann bei Walcott das kritische und schöpferische Arbeiten zu kurz. (Die modernen Bearbeiter der Burgess-Fossilien um den Paläontologen Harry Whittington werden wesentlich liebevoller geschildert.)

Das glänzend geschriebene Buch kann zu zahlreichen und fruchtbaren Diskussionen anregen. Die Übersetzung ist hervorragend. Ganz besonders zu loben sind die Zeichnungen, die Marianne Collins vom Royal Ontario Museum in Toronto angefertigt hat.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 2 / 1993, Seite 128
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
2 / 1993

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 2 / 1993

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