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Geistesblitze: Zunge hört mit

Wie Forscher von der University of British Columbia in Kanada berichten, müssen Babys schon früh ihre Zunge trainieren, um Laute verstehen und später sprechen zu können. Das Team um die Sprechwissenschaftlerin Alison Bruderer testete sechs Monate alte Kleinkinder – allesamt aus englischsprachigen ­Familien – darauf, ob sie einen für ihre Muttersprache unwichtigen Lautunterschied erkannten: einen lediglich im indischen Hindi relevanten "D"-Laut, den man auf zwei verschiedene Weisen aussprechen kann. Menschen, die kein Hindi sprechen, können diese Diskrepanz meist nicht einmal erkennen und schon gar nicht reproduzieren.

In den ersten sieben Lebensmonaten gelingt dies allerdings im Prinzip allen Babys auf der Welt: Ihr Gehirn unterscheidet offenbar noch nicht zwischen der Muttersprache der Eltern und Fremdsprachen, denn es werden jeweils die gleichen sensorischen und motorischen Sprachareale aktiviert.

Während die Forscher ihren kleinen Probanden die indischen D-Laute vorspielten, erschwerten sie die Zungenbewegungen bei der Hälfte der Babys mit einem speziell angefertigten Schnuller. Er blockierte das Anheben der Zungenspitze, das beim Nachahmen ebendieses Lauts benötigt wird. Tatsächlich lernten die Kinder unter diesen Umständen nicht, die zwei Lautformen zu unterscheiden, wie nachfolgende Tests belegten.

Die sprachliche Entwicklung der Kleinen sei aber durch den Versuch nicht beeinträchtigt worden: Die Schnuller behinderten lediglich eine bestimmte Zungenbewegung, und dies auch nur während der kurzen Phasen, in denen die fürs Englische unwichtigen Laute zu hören waren, so die Forscher. Ein ungehindertes Üben mit der Zunge stelle demnach jedoch eine bis heute unterschätzte Voraussetzung für die Lautbildungskompetenz dar. (jo)

Proc. Natl. Acad. Sci. USA 10.1073/pnas.1508631112, 2015

1/2016

Dieser Artikel ist enthalten in Gehirn&Geist 1/2016

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