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Psychiatrische Gutachten : Zweifelhafte Urteile

Besteht bei einem Angeklagten Verdacht auf eine psychische Erkrankung, holen Richter die Meinung eines Sachverständigen ein. Objektiv und verlässlich sollen solche psychiatrischen Gutachten sein - doch werden sie diesen Anforderungen gerecht?
Zweifelhafte Urteile

Justizirrtümer machen in den Medien regelmäßig Schlagzeilen. Wird jemand unschuldig in der Psychiatrie untergebracht oder ein gefährlicher Straftäter nach verbüßter Haftstrafe erneut kriminell, ist der vermeintlich Schuldige oft schnell gefunden: der Gutachter, der mit seiner Einschätzung des geistigen Zustands des Betroffenen offenbar danebenlag.
Ein Fall, der zuletzt ein großes Medienecho hervorrief, ist der des Nürnbergers Gustl Mollath. Insgesamt sieben Jahre saß er im psychiatrischen Maßregelvollzug, bevor das Oberlandesgericht Nürnberg Anfang August das Urteil gegen ihn aufhob und damit die Wiederaufnahme des Verfahrens veranlasste. Mollath wurde zur Last gelegt, im Jahr 2001 seine damalige Ehefrau geschlagen, gebissen und bis zur Bewusst­losigkeit gewürgt zu haben. Außerdem soll er mehrfach Autoreifen zerstochen haben. Mollath beteuerte stets seine Unschuld und behauptete, seine Frau wolle mit diesen Vorwürfen nur davon ablenken, dass sie selbst in groß angelegte Schwarzgeldgeschäfte ihres Arbeitgebers, der HypoVereinsbank, verwickelt ist. Die Beweise, die Mollath vorlegte, um den Betrug anzuzeigen, reichten dem Gericht damals allerdings nicht aus, um weitere Ermittlungen einzuleiten.
Das Landgericht Nürnberg-Fürth sprach Mollath schließlich 2006 schuldunfähig frei – ordnete aber seine Unterbringung in einem psych­iatrischen Krankenhaus an …

10/2013

Dieser Artikel ist enthalten in Gehirn&Geist 10/2013

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  • Literaturtipp und Quellen

Literaturtipp

Darnstädt, T.: Der Richter und seine Opfer. Wenn die Justiz sich irrt. Piper, München 2013
Der Jurist und Journalist Thomas Darnstädt schildert anhand verschiedener Schicksale, wie einseitige Ermittlungen der Polizei, überschätzte Gutachten und befangene Richter die Verurteilung Unschuldiger nach sich ziehen können.


Quellen

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Fegert, J. M. et al.: Bestandsaufnahme und Qualitätssicherung der forensisch-psychiatrischen Gutachtertätigkeit in Mecklenburg-Vorpommern bei Mord- und Brandstiftungsdelikten. Books on Demand, Norderstedt 2003

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Gurley, J. R., Marcus, D. K.: The Effects of Neuroimaging and Brain Injury on Insanity Defenses. In: Behavioral Sciences and Law 26, S. 85-97, 2008

Habermeyer, E.: Forensische Psychiatrie. In: Der Nervenarzt 80, S. 79-92, 2009

Heinz, G.: Fehlerquellen forensisch-psychiatrischer Gutachten: Eine Untersuchung anhand von Wiederaufnahmeverfahren. Kriminalistik Verlag, Heidelberg 1982

Lynett, E., Rogers, R.: Emotions Overriding Forensic Opinions? The Potentially Biasing Effects of Victim Statements. In: The Journal of Psychiatry and Law 28, 457, 2000

Miller, A. K. et al.: On Individual Differences in Person Perception: Raters' Personality Traits Relate to Their Psychopathy Checklist - Revised Scoring Tendencies. In: Assessment 18, 253-260, 2011

Müller, J. L. et al.: Legalbewährung nach nicht angeordneter nachträglicher Sicherungsverwahrung. In: Der Nervenarzt 84, S. 340-349, 2013

Müller, J. L., Saimeh, N.: Das DGPPN-Zertifikat Forensische Psychiatrie. In: Forensische Psychiatrie, Psychologie, Kriminologie 6, S. 266-272, 2012

Pfäfflin, F.: Vorurteilsstruktur und Ideologie psychiatrischer Gutachten über Sexualstraftaeter. Beiträge zur Sexualforschung (Bd. 57). Enke, Stuttgart 1978

Spengler, P. M. et al.: The Meta-Analysis of Clinical Judgment Project. Effects of Experience on Judgment Accuracy. In: The Counseling Psychologist 37, 350-399, 2009

Statistisches Bundesamt: Rechtspflege. Strafgerichte. Fachserie 10, Reihe 2.3. Wiesbaden 2012

Statistisches Bundesamt: Statistisches Jahrbuch 2012: Justiz. Wiesbaden 2012

Statistisches Bundesamt: Strafvollzugsstatistik 2011/2012. Wiesbaden 2013