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Zwischen allen Stühlen. Die Kontroverse zu Ethik und Behinderung.

Harald Fischer, Erlangen 1997. 160 Seiten, DM 39,80.

Ende der achtziger und Anfang der neunziger Jahre gab es in Deutschland eine heftige Diskussion um die sogenannte Früheuthanasie schwerstbehinderter Babys. Angestoßen wurde die Kontroverse durch ein Buch, das der australische Ethiker Peter Singer 1985 mit seiner Mitarbeiterin Helga Kuhse in Oxford mit dem programmatischen Titel herausbrachte: „Should the Baby Live?“ (deutsch: „Muß dieses Kind am Leben bleiben?“, Erlangen 1994). Behindertenverbände und Mitglieder der sogenannten Krüppelbewegung sahen dadurch die Menschenwürde von Behinderten in Frage gestellt. Sie protestierten dagegen, daß in Diskussionsveranstaltungen mit Singer und anderen das Lebensrecht von Menschen zur Disposition gestellt wurde. Veranstaltungen in Universitäten und Akademien wurden gestört und konnten zum Teil nicht stattfinden. In der Behindertenpädagogik hat Christoph Anstötz, damals Professor für Sonderpädagogik in Dortmund, die Thesen von Singer und Kuhse positiv aufgenommen („Ethik und Behinderung. Ein Beitrag zur Ethik der Sonderpädagogik aus empirisch-rationaler Perspektive“, Berlin 1990).

Inzwischen ist es – zumal in der Behindertenpädagogik – um das Thema Früheuthanasie relativ still geworden. Der Sonderpädagoge Riccardo Bonfranchi aus Fribourg (Schweiz) will sich damit nicht abfinden. Mit seinem Buch möchte er den „Denkverboten“ und dem „Fluchtverhalten“ von Vertretern der Behindertenpädagogik angesichts der Singerschen Thesen entgegenwirken. Er versammelt dazu Beiträge der Juristen Reinhard Merkel aus Hamburg und Norbert Hoerster aus Mainz sowie der philosophischen Ethiker Anton Leist vom Ethikzentrum der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich, Helmut Kaplan aus Salzburg und Jean-Claude Wolf aus Fribourg, die nicht einfach den Thesen Singers folgen, sie aber dennoch für wichtig und diskussionswürdig halten und ihnen in jedem Fall näherstehen als etwa Hans Jonas (1903 bis 1993), der mit seinem Konzept von der „Heiligkeit des Lebens“ einen völlig anderen Ansatz vertrat.

Singer und Anstötz gehen mit ihrer analytischen Ethik von einer Suche nach rationalen Handlungsbegründungen aus. Sie wehren sich dagegen, sogenannte letzte Prinzipien von einer kritischen Durchleuchtung auszunehmen, und suchen rationale Argumente, die in einer repressions- und tabufreien Atmosphäre ausgetauscht werden können. Also müssen sie rationale Gründe dafür suchen, daß – und in welchen Fällen – das Töten überhaupt moralisch verwerflich ist. Rechtfertigungsbedürftig wird auf diese Weise, warum ich nicht töte.

Der entscheidende Grund gegen das Töten ist nach Singer das Interesse der potentiellen Opfer, weiterzuleben. Daher sei die Fähigkeit, dieses Interesse zu haben, „die Fähigkeit, die eigene Zukunft ins Auge zu fassen, die notwendige Bedingung für den Besitz eines ernstzunehmenden Rechtes auf Leben“. Die analytische Ethik lebt davon, daß sich mit der Zunahme der technischen Möglichkeiten der Medizin Unterlassungs- und Handlungsmöglichkeiten auftun, wo früher Schicksal hinzunehmen war. Damit ergeben sich, vor allem am Lebensanfang und am Lebensende, neue Entscheidungskonflikte, die diskutiert und kontrolliert werden müssen.

Bonfranchi will in seinem Buch zeigen, „daß eine Reihe von Aussagen von Christoph Anstötz und Peter Singer, wenn man sie nach den Kriterien der analytischen Philosophie mißt, zwar korrekt, das heißt logisch widerspruchsfrei sind, daß sie aber dennoch nicht akzeptiert werden können“. Gegen die Einseitigkeit, mit der Singer und andere allein rationale Gründe in der Ethik gelten lassen wollen, macht Bonfranchi emotionale Gründe stark. Gerade weil Singer und Anstötz diese nicht berücksichtigt hätten, sei so emotional auf ihre Thesen reagiert worden.

Nicht die Rationalität der analytischen Ethik hält Bonfranchi für fragwürdig, sondern daß sie über die Grenzen von Rationalität in der Ethik nicht genügend nachdenkt. „Die aktive Euthanasie sollte verweigert werden, weil sie uns in emotionale Zwangslagen führt. Letztendlich müssen wir doch zugeben, daß uns das von Anstötz beschriebene Problem überfordert und daß es keine für alle Beteiligten befriedigende Lösung geben kann. Anstötz suggeriert mittels der aktiven Euthanasie einen Lösungsansatz, der unserer Kultur, unseren gewachsenen Normen und Regeln widerspricht, mit anderen Worten, der Vorschlag von Anstötz, sich zu überlegen, ob schwerstbehinderte Säuglinge getötet werden sollten, stellt auf einer anderen als der von ihm gewählten Ebene, nämlich der emotionalen, einen Normenverstoß dar, und deshalb

erfährt sein Vorschlag diese massive Ablehnung.“

Bonfranchi meint mit der Berücksichtigung emotionaler Gesichtspunkte nicht das fragwürdige Mitleiden mit dem Sterbenden, das ja auch zu einer Tötung aus Mitleid motivieren kann, sondern

die Tötungshemmung angesichts eines menschlichen Gesichts und eines pulsierenden Herzens. Es ist interessant, daß der Jurist Reinhard Merkel in seinem ansonsten sehr persönlich formulierten Beitrag genau an der Stelle, wo er sich für eine aktive Tötung ausspricht, in einen unpersönlichen Stil verfällt: „Man hätte es [ein Kind] schnell aktiv töten müssen. Denn man wußte, daß es nicht überleben würde, es war sicher, daß ihm ohne aktive Sterbehilfe ein qualvolles Eingehen bevorstand.“

Der Sammelband stellt ein wichtiges Thema neu zur Diskussion. Einzelne Beiträge hätte ich mir pointierter gewünscht. Die Stärke des Büchleins ist, daß es dem Recht emotionaler Gesichtspunkte in der Ethik Gehör verschafft.

Selbst mit den Beiträgen dieses Buches ist das Verhältnis von Rationalität und Emotionalität in der Ethik noch längst nicht hinreichend geklärt. Ethische Diskussionen kommen ja in der Regel auf, wenn einzelne oder Gruppen von etwas „betroffen“ sind – das meint emotional betroffen. Also dürfen die vielfältigen Betroffenheiten, die ja die Diskussion erst auslösen und ihr ihren Sinn geben, nicht verboten werden, sondern müssen ernstgenommen und benannt werden, soll der ethische Diskurs gelingen.

Emotionale Gesichtspunkte gehören zur Rationalität der Ethik dazu. Zur rationalen Einschätzung der Folgen eines Handelns gehört die Berücksichtigung sowohl der Emotionen bei den Betroffenen als auch der Folgen, wenn emotionale Gesichtspunkte – wie etwa die Tötungshemmung – abtrainiert werden. Kann eine Gesellschaft das wollen? Bonfranchis Buch lehrt mich, daß analytische Ethik allein einen fundamentalistischen Zug hat, indem sie die Komplexität der Wirklichkeit reduziert.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 1 / 1999, Seite 120
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
1 / 1999

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 1 / 1999

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