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Kultureller Austausch: Zwischen Orient und Okzident

Das „Institut du Monde Arabe“ in Paris trägt mit seiner Konzeption zum interkulturellen Dialog zwischen den europäischen und den arabischen Ländern bei.


Als die westliche Welt 1974 in die erste Ölkrise schlitterte, schlug der damalige französische Staatspräsident Valéry Giscard d’Estaing vor, eine Institution zur Verbesserung der Beziehungen zwischen Europa und den arabischen Ländern einzurichten. Er dachte dabei an einen Ort des intellektuellen Austausches, an eine Art euro-arabischer Akademie der Wissenschaften. Dass daraus dann das "Institut du Monde Arabe" – kurz IMA genannt – wurde, ist jedoch seinem Nachfolger François Mitterrand zu verdanken, der diese Idee Mitte der achtziger Jahre wieder aufgriff. Eröffnet wurde dieses Kulturinstitut mit Sitz in Paris schließlich im Jahre 1987.

Zu jenem Zeitpunkt stand freilich noch nicht fest, wie die einzelnen, zunächst disparat erscheinenden wissenschaftlichen und künstlerischen Bereiche zusammenwirken sollten. "Das alles hat sich erst im Laufe der Zeit aus der praktischen Erfahrung heraus entwickelt", erläutert Brahim Alaoui, der Direktor des IMA. Heute ist das Institut einzigartig in der ganzen Welt. Es möchte die kulturelle Vielfalt der gesamtarabischen Geschichte in die breite Öffentlichkeit tragen und bedient sich dazu einer vielfältigen Palette an Mitteln: Forschung, Bibliothek, Mediathek, Ausstellungen, Jugendateliers und Musikveranstaltungen.

Das IMA will unter anderem bewusst machen, dass die arabische Welt nicht ausschließlich eine islamische ist, sondern eine Fülle an Religionen und Kulturen beherbergt. Zudem beleuchtet es immer wieder die engen literarischen, philosophischen und wissenschaftlichen Verbindungen zwischen dem christlichen Europa des Mittelalters und der arabischen Welt Nordafrikas. "Allein die Renaissance hätte es nicht gegeben, ohne den intensiven islamisch-jüdisch-christlichen Austausch im maurischen Andalusien", hebt Alaoui hervor. Aber auch in der Gegenwart möchte der Institutsleiter die Verbindungen zwischen der abendländischen und der orientalischen Welt fördern. Sein Programm richtet sich deshalb nicht nur an ein allgemeines Publikum, sondern auch an die in Frankreich lebenden 15 Millionen Maghrebiner. "Wir wollen den jungen entwurzelten beurres in den Pariser Vorort-Wohnsilos zeigen, dass die arabische Welt nicht irgendeine unterentwickelte Dritte Welt ist, sondern eine große Zivilisation."

Mit spezifischen Kinder- und Jugendprogrammen möchte IMA alle Jugendlichen ansprechen. So genannte "Ateliers" führen ganze Schulklassen in das Reich des Orients. "Und dort werden genau die Kinder zur geistigen Quelle, die sonst auf Grund ihrer maghrebinischen oder sudanesischen Herkunft scheinbar die Benachteiligten sind", erklärt Anita Dolfus, die Leiterin der pädagogischen Abteilung. "Denn hier erklären sie ihren Schulkameraden die Buchstaben ihres Alphabets, die Bedeutung ihrer Symbole oder etwa die Qualität ihrer Stoffe. Und die anderen verstehen mit einem Mal, dass auch dieses Kind Träger einer Kultur ist. Das ändert dann oft vieles in der Beziehung der Kinder untereinander."

Knotenpunkt des wissenschaftlichen Austauschs


Eine permanente Ausstellung bietet eine allgemeine Einführung in die Geschichte der arabischen Länder. Ansonsten arbeitet das IMA vor allem thematisch. Jeweils mehrere Monate lang sind alle Veranstaltungen einem bestimmten Land oder einer bestimmten Epoche gewidmet. Mehrere große Ausstellungen – wie zum Beispiel über den Jemen und den Sudan – wurden anschließend auch in anderen Weltstädten innerhalb und außerhalb Europas gezeigt. Für Alaoui ist es jedes Mal "ein Abenteuer, die Ausstellungsobjekte aus solchen Ländern wie etwa dem Jemen nach Europa zu holen, denn das heißt, mit den lokalen Behörden der kleinen Museen zu verhandeln, ihre Sprache zu sprechen und ihre Mentalitäten zu kennen."

Die jeweiligen Ausstellungen werden thematisch von wissenschaftlichen Vorträgen und Diskussionsabenden zu Fragen der jeweiligen Politik, der Kultur, der Geographie und der Geschichte begleitet. Ein Teil der Referenten und Künstler kommt aus den jeweils vorgestellten Ländern. Um das wissenschaftliche Niveau zu gewährleisten, hat das IMA einen eigenen Lehrstuhl für themenspezifische Gastprofessuren eingerichtet, "der zum Knotenpunkt zwischen arabischen und französischen Wissenschaftlern wird", so Philippe Cardinal, der Direktor für Kommunikation. Deshalb ist das IMA heute der einzige Ort in ganz Europa, an dem die namhaftesten arabischen Wissenschaftler und Intellektuellen aufeinander treffen – so etwa der Ägypter Ahmed Zewail, Chemie-Nobelpreisträger des Jahres 1999, und Khair El Dine Hassab vom Studienzentrum für die arabische Einheit in Beirut.

In der umfangreichen Bibliothek des IMA mit mehr als 65000 Bänden sind drei wertvolle ehemalige Privatsammlungen enthalten, die so genannten "Fonds". Der Fonds des französischen Arztes Bernard Ninard umfasst 2500 Werke in arabischer und französischer Sprache, seltene Lithographien, Zeichnungen und Skripte, die sich ausschließlich auf Marokko beziehen. Der syrische Fonds Qualagi enthält über 1000 seltene arabische Werke, die sich mit der Problematik der arabischen Nationalismen befassen. Der ägyptische Fonds Sayyid schließlich birgt 1800 Titel der arabischen Klassiker aus Literatur, Philosophie und Geschichte. Auf Grund des großen Interesses für arabische Literatur organisiert das IMA alle zwei Jahre eine "euro-arabische Buchmesse", auf der 1999 Marokko das Gastland gewesen war.

Das Institut zählt mittlerweile 300000 Besucher pro Jahr. Vierzig Prozent seines Budgets muss es selbst erwirtschaften – hauptsächlich durch die Einnahmen der Ausstellungen und der hauseigenen Buchhandlung. Unterstützt wird das IMA vom französischen Staat und von der arabischen Liga. Die steigenden Einnahmen und die ansehnlichen Besucherzahlen sind für Alaoui aber vor allem ein Zeichen dafür, dass ihm und seinen Kollegen etwas ganz Wichtiges gelungen ist: die Öffnung hin zu einem interkulturellen Dialog zwischen Orient und Okzident.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 1 / 2001, Seite 95
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
1 / 2001

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 1 / 2001

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  • Infos
Institut du Monde Arabe - Arab World Institute -> http://www.imarabe.org/