Direkt zum Inhalt

Wissenschaftspodcasts : »Man braucht kein Studio und keine Redaktion«

Über den Himmel und das Universum weiß niemand so viel zu erzählen wie der Astronom und Podcaster Florian Freistetter. Ein Interview über Anfängerfehler, Aufnahmetechnik und die Kunst des Laberns.
Florian Freistetter hält einen Vortrag vor einer projizierten Illustration eines Planeten und einem leuchtenden Stern. Im Hintergrund ist in großen Buchstaben der Name seines Podcasts, "STERNENGESCHICHTEN", zu lesen. Er trägt einen dunklen Hoodie und gestikuliert.
Florian Freistetter bei einem Auftritt im Rahmen seiner Live-Tour 2024.

Florian, wir befinden uns in Episode 707 der »Sternengeschichten«. 2012 erschien die erste Folge. Wie kam es dazu?

Ich hatte damals schon mehrere Jahre einen Blog geschrieben und gemerkt, dass es die Menschen interessiert, was ich da über Astronomie und Wissenschaft zu erzählen habe. Ich dachte, ich könnte ja auch mal andere Medien ausprobieren. Zuerst habe ich ein, zwei Videos aufgenommen. Es war aber technisch nicht gut, hatte keinen Mehrwert gegenüber den Texten, und die Leute fanden es auch doof.

Nicht sehr ermutigend.

Florian Freistetter |

Der promovierte Astronom spricht und schreibt über das Universum und über andere naturwissenschaftliche Themen – in Podcasts und auf Bühnen, in Blogs und in Büchern. Neben seinen »Sternengeschichten« hostet er noch zwei weitere Podcasts: »Das Universum« gemeinsam mit der Astronomin Ruth Grützbauch und »Das Klima« gemeinsam mit der Meteorologin Claudia Frick. Außerdem schreibt er drei Blogs, darunter »Freistetters Formelwelt« auf »Spektrum.de«, hat mehrere Bücher veröffentlicht und geht regelmäßig auf Tour, unter anderem mit dem Wissenschaftskabarett »Science Busters«.

Ja, naiverweise dachte ich, ich lerne das mit der Zeit, so wie beim Bloggen. Aber diesmal hatte ich von Anfang an ein großes Publikum, und das hat mir die Unprofessionalität nicht durchgehen lassen – die Leute waren von meinen Blogs eine gewisse Qualität gewohnt. Da ich Kontakt zu anderen frühen Podcastern im deutschsprachigen Raum hatte, dachte ich, probiere ich das auch mal aus. Ich habe mir vorher sehr genau überlegt, wie das Konzept aussehen soll, habe mich beraten lassen von Leuten, die sich auskennen, zum Beispiel, welche Technik man da am besten nimmt. Und dann habe ich die ersten Folgen aufgenommen.

Wie genau lief das ab?

Das war damals nicht anders als heute: Ich suche mir ein Thema, schreibe auf, was ich erzählen will, spreche es ins Mikrofon, schneide es, und dann wird es veröffentlicht. Zur ersten Folge gab es noch kein richtiges Intro, keine Musik und auch kein Logo; das kam alles später. Außerdem hat sich die Technik stark verbessert, besonders die Nachbearbeitung. Aber ich sitze immer noch an meinem Schreibtisch und spreche ins Mikrofon.

Du machst alles allein, an einem normalen Schreibtisch?

Ja. Man braucht kein Studio und keine Redaktion. Man kann das alles selbst zu Hause machen, wenn man weiß, wie man ein Mikrofon benutzt und Podcasts nachbearbeitet.

Die Themenwoche »Podcasts«

Podcasts sind für viele Menschen fester Bestandteil des Alltags. Was macht das Verhältnis zwischen Podcastern und ihrem Publikum so besonders? Wem hören wir gern zu? Und was macht eigentlich ein gutes Gespräch aus? Antworten geben nicht nur Forscherinnen und Forscher. Auch Fachleute aus der Praxis teilen ihre Erfahrungen: die Sprechtrainerin Birte Heckmann, der »Sternengeschichten«-Erzähler Florian Freistetter und der Gesprächskünstler Matze Hielscher von »Hotel Matze«.

  1. Zuhören für Einsteiger: Kleine Einführung in die Welt der Podcasts
  2. Motivforschung: Warum so viele Menschen Podcasts lieben
  3. Deep Talk: Was ist ein schönes Gespräch, Matze Hielscher?
  4. Wissenschaftspodcasts: »Man braucht kein Studio und keine Redaktion«
  5. Stimm- und Sprechtraining: Schöner reden
  6. In eigener Sache: Podcasts aus dem Spektrum-Universum

Wie findest du jede Woche ein neues Thema?

Die Ideen kommen von allein: Ich lese zum Beispiel irgendwo etwas und denke, das könnte eine spannende Geschichte werden. Alle Ideen schreibe ich auf eine Liste, und wenn ich mich für eine entschieden habe, suche ich nach Informationen dazu – gibt es etwas, was man beim Googeln nicht sofort findet? Ich habe eine große Bibliothek, auch mit antiquarischen Büchern. Und natürlich nutze ich die wissenschaftliche Fachliteratur.

Wie viele Stunden brauchst du für eine Folge »Sternengeschichten«?

Manchmal nur eine halbe Stunde, aber es kann auch drei Stunden dauern, bis ich die Geschichte aufgeschrieben habe, und eine weitere halbe Stunde jeweils für Aufnahme und Nachbearbeitung. Dann muss die fertige Episode auf meine Homepage, samt Manuskript, das ist noch mal eine halbe Stunde. Im Mittel macht das pro Folge ungefähr vier Stunden; das ist wenig, verglichen mit dem Aufwand für andere Podcasts. Das liegt daran, dass ich nicht viel schneiden muss, weil ich ein Manuskript habe und allein rede. Wenn ich mich bei der Aufnahme verspreche, setze ich gleich eine Markierung, dann kann ich das leicht schneiden.

Deine anderen Podcasts, »Das Universum« und »Das Klima«, brauchen mehr Zeit?

Ja, jeweils ungefähr einen Arbeitstag. Die Aufnahmen machen wir zu zweit beziehungsweise zu dritt, und sie sind nicht geskriptet, deshalb dauert das Schneiden deutlich länger. Bei einer 90-minütigen Folge zum Beispiel vier Stunden.

Ist das üblich? Oder geht das auch schneller?

Ich stoße immer öfter auf Podcasts, die einfach so ausgespielt werden, wie sie aufgenommen wurden, ohne Schnitt und Nachbearbeitung, darunter sogar professionelle Podcasts von Medienhäusern. Da bleiben dann auch lange Pausen oder dreimal neu angefangene Sätze drin. So was ist typisch für ein normales Gespräch, aber nicht angenehm anzuhören. Gerade wenn es um Wissenschaft geht, denke ich, es lohnt sich, das ein bisschen zugänglicher zu machen.

Lernst du selbst jedes Mal etwas dazu, wenn du eine Folge machst?

Selbstverständlich. Ich habe natürlich Ahnung von vielen Dingen in der Astronomie und Naturwissenschaft. Aber Experte bin ich nur auf einem sehr kleinen Gebiet, der Himmelsmechanik. Also lerne ich ständig Sachen dazu – das ist ja das Schöne daran!

Was machst du am liebsten, und was ist für dich am anstrengendsten?

Am liebsten: recherchieren, schauen, was interessant sein könnte. Das Anstrengendste ist sicherlich das Schneiden, weil das eine sehr mechanische Arbeit ist, bei der man ständig konzentriert hinhören muss, und dann immer wieder: vorspulen, zurückspulen, vorspulen, zurückspulen …

Gab es schon mal Phasen, in denen du aufhören wolltest?

Nein, eigentlich nicht. Es gibt natürlich Tage, an denen ich lieber ins Freibad gehen würde, als einen Podcast zu schneiden. Ich verdiene mit den Podcasts selbst auch nicht direkt Geld. Aber es würde mir schwerfallen, damit aufzuhören, weil ich emotional so investiert bin. Ich möchte, dass Leute hören, was ich cool finde. Ich habe schon immer gerne Vorlesungen und Vorträge gehalten, Blogs und Bücher und Artikel geschrieben, wie meine Kolumne für »Spektrum« – sie hatte übrigens gerade ihren zehnjährigen Geburtstag!

Herzlichen Glückwunsch! Über welche Rückmeldungen freust du dich besonders?

Generell über alle netten Rückmeldungen, aber es gibt Highlights, zum Beispiel wenn Leute schreiben, dass sie durch mich die Astronomie kennengelernt haben und das Fach nun studieren. Es freut mich, wenn das, was ich mache, so eine Bedeutung im Leben anderer Menschen hat.

Wie gehst du mit negativem Feedback um? Hat dich schon mal jemand auf einen Fehler aufmerksam gemacht?

Klar, alle Menschen machen Fehler. Wenn ich auf Fehler hingewiesen werde, dann bin ich natürlich erst einmal dankbar. Bedeutsame Fehler gab es vielleicht ein- oder zweimal; die korrigiere ich. Das ist aufwendig; man muss die Audiospur ändern, den Podcast neu hochladen – und das hilft auch nur begrenzt, denn die Leute hören den Podcast ja in der Regel kein zweites Mal an. Meist geht es aber ohnehin um kleinere Fehler, die mit dem eigentlichen Inhalt nichts zu tun haben. Zum Beispiel habe ich einmal die Hauptstadt von Ecuador mit einer anderen Hauptstadt verwechselt; so etwas korrigiere ich nicht. Schlimmer sind bestimmte Kommentare in den sozialen Medien, die typischerweise kommen, wenn es um Pseudowissenschaft geht, zum Beispiel um Astrologie. Dann melden sich Leute, die daran glauben, und schreiben, ich wäre »gekauft« oder so was. Aber das ist vergleichsweise selten – bei den Blogs kam das früher viel öfter vor.

Wie schon angesprochen machst du auch zwei Podcasts gemeinsam mit Co-Hosts. Was ist an der Arbeit anders als bei einem Solo-Podcast?

Natürlich ist es schwieriger, einen gemeinsamen Aufnahmetermin zu finden, aber bisher haben wir es immer rechtzeitig geschafft. Eine größere Herausforderung: Man muss aufpassen, dass das Gespräch nicht ins Belanglose abdriftet. Nehmen wir »Das Universum«, den Podcast mit meiner Kollegin Ruth. Wir wechseln uns mit der Hauptverantwortung ab: Mal bestimmt sie das Thema, mal ich, und die jeweils andere Person weiß vorher nicht, worum es gehen wird. Also erzählt Ruth zum Beispiel etwas, und ich reagiere darauf. Und da wir beide schon lange befreundet sind, reden wir manchmal so miteinander, dass es für andere schwer zu verstehen ist. Wenn uns das passiert, schneide ich das später raus. Aber man kann lernen, so zu reden, dass es ein echtes Gespräch ist und doch für alle da draußen verständlich. Das macht »Gesprächspodcasts« ja so beliebt, gerade wenn es um Wissenschaft geht. Allerdings braucht man dafür ein Konzept. Wir wollen nicht einfach irgendwas labern, sondern machen uns vorher Gedanken, damit wir sinnvoll und verständlich labern.

»Ich erlebe immer wieder, dass Institutionen oder Firmen Podcasts machen wollen, aber selbst keine hören. Das funktioniert nicht«

Wenn jemand heute einen Wissenschaftspodcast starten will, was wäre dein Rat?

Der erste Schritt: Hört euch selbst erst einmal Wissenschaftspodcasts an! Ich erlebe immer wieder, dass Institutionen oder Firmen Podcasts machen wollen, aber selbst keine hören. Das funktioniert nicht. Man muss das Medium verstehen oder zumindest mit Menschen zusammenarbeiten, die wissen, wie das Medium funktioniert. Dann kommt es darauf an, ob man einen professionellen Anspruch hat – soll das der Podcast einer Uni oder einer Arbeitsgruppe sein? Oder machen das zwei, drei befreundete Leute zum Privatvergnügen? Wenn das der Fall ist, dann kann man sich hinsetzen und einfach ausprobieren. Bei einem professionellen Anspruch lohnt es sich, professionelle Unterstützung zu holen. Es gibt Podcast-Agenturen, die genau dafür da sind, auch speziell für Wissenschafts-Content.

Hättest du auch Techniktipps für den Einstieg?

Besorgt euch ein gescheites Mikrofon; das gibt es heutzutage für unter 100 Euro. Auf keinen Fall in das eingebaute Laptop-Mikro sprechen: Das klingt grauenhaft. Auch nicht ins iPhone sprechen, das hört man ebenfalls. Und auch nicht über Zoom oder Teams: Diese Programme sind nicht dafür gemacht, der Ton wird zu stark komprimiert, das ist hörbar. Und immer mehrspurig aufnehmen, sofern es zwei oder mehr Personen gibt, die reden. Dafür gibt es viele gute Programme, die genau für diesen Zweck gemacht sind.

»Mein Rat wäre, sich nicht zu viel Gedanken darüber zu machen, was die Leute gerne hören wollen, sondern darüber, was man selbst gern erzählen möchte«

Kann man beim Dateiformat etwas falsch machen?

Oh ja. Schaut euch mal an, was ein Podcast eigentlich ist. Eine MP3-Datei bei Spotify hochzuladen, ist kein Podcast, sondern Spotify-Content. Einen echten Podcast kann sich jeder auf einer beliebigen Podcast-App anhören, und dazu braucht es einen RSS-Feed, das heißt eine Adresse. Wenn ich diese Adresse kenne, kann ich den Podcast mit einer beliebigen App anhören, ohne bei einer Plattform Mitglied zu werden. Genau dazu waren Podcasts eigentlich mal gedacht, als freies Medium. Das wissen viele Leute heute nicht mehr.

Was hältst du vom Trend zum Video-Podcast?

Ich kann dem nichts abgewinnen. Man sieht da nur zwei Leute mit Kopfhörern in ihre Mikros reden – wozu sollte ich mir das angucken? Wenn ich keine visuellen Zusatzinformationen habe, brauche ich kein Video. Podcasts höre ich doch auch deshalb, weil ich dabei noch etwas anderes machen kann und nicht ständig auf einen Bildschirm schauen muss.

Das Wichtigste zum Schluss: Wie findet man für sich das richtige Thema?

Mein Rat wäre, sich nicht zu viele Gedanken darüber zu machen, was die Leute gerne hören wollen, sondern darüber, was man selbst gern erzählen möchte. Oft erlebe ich, dass Leute ihre Folgen nach irgendwelchen SEO-Kriterien gestalten oder danach, wie ein Podcast angeblich sein muss – nicht länger als 30 Minuten, alle zehn Minuten ein neues Thema, und so weiter. Wenn man sich daran zu sehr orientiert, dann kommt da nichts Gutes bei heraus. Die Zuhörer sollten spüren, dass man selbst fasziniert ist! Die Stärke von Podcasts ist ja gerade, dass die eigene Begeisterung und Persönlichkeit durchscheinen. Dann ist es nicht mehr so wichtig, worum es im Detail geht.

Drei Podcast-Tipps von Florian Freistetter

  • »Die Wochendämmerung«: ein wöchentlicher Rückblick auf die Nachrichtenlage, mit einer Portion Humor
  • »No such thing as a fish«: unterhaltsame und schräge Gespräche über die verblüffendsten Fakten der Woche (englischsprachig)
  • »Cosmic Latte«: locker und leidenschaftlich geführte Kaffeehausgespräche über Astronomie und die Wunder des Kosmos

WEITERLESEN MIT »SPEKTRUM +«

Im Abo erhalten Sie exklusiven Zugang zu allen Premiumartikeln von »spektrum.de« sowie »Spektrum - Die Woche« als PDF- und App-Ausgabe. Testen Sie 30 Tage uneingeschränkten Zugang zu »Spektrum+« gratis:

Jetzt testen

(Sie müssen Javascript erlauben, um nach der Anmeldung auf diesen Artikel zugreifen zu können)

Schreiben Sie uns!

Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.

Partnerinhalte

Bitte erlauben Sie Javascript, um die volle Funktionalität von Spektrum.de zu erhalten.