Gedächtnisgenie: 13-Jähriger aus Italien ist der jüngste Mensch mit Hyperthymesie

»Wenn ich ein Ereignis erwähne, kann er sofort das Datum nennen und sich perfekt erinnern, was er an diesem Tag getan hat.« So schildert eine Mutter die besonderen Fähigkeiten ihres 13-jährigen Sohnes in einer Mail an italienische Gedächtnisforscher. Daraufhin untersuchen diese den Jungen und beschreiben seinen Fall nun in der Fachzeitschrift »Cortex«: Demnach ist der 13-jährige Schüler der jüngste bekannte Mensch mit einem außergewöhnlichen autobiografischen Gedächtnis (Highly Superior Autobiographical Memory, HSAM), auch »Hyperthymesie« genannt.
Die Gruppe um Tiziana Pedale von der Universität von Perugia entwickelte speziell für diesen Fall einen altersgerechten Gedächtnistest, orientiert an einem etablierten Screeningverfahren für Erwachsene. Dazu verwendeten die Forschenden zum Beispiel Fotos von Urlauben und fragten nach konkreten schulischen Aktivitäten oder bekannten öffentlichen Ereignissen. Beispiel: »12. Juni 2023: Was ist da passiert? Welcher Wochentag war das? Was hast du da gemacht?« Seine Antwort: »Es war ein Montag. Silvio Berlusconi ist gestorben.« Er selbst, so erinnert er sich, war mit Freunden im Kino, um sich »Spiderman« anzusehen.
Wie die Gruppe schreibt, konnte sich der Junge in den Tests nahezu perfekt an öffentliche und private Ereignisse erinnern und übertraf damit gleichaltrige Kontrollpersonen um ein Vielfaches. In anderen kognitiven Tests war er hingegen alterstypisch, zeigte allerdings zwanghafte Tendenzen. Ähnliches wurde auch bei mehreren Erwachsenen mit dieser Form von Hyperthymesie beobachtet. Offenbar können die Betreffenden auf ein erweitertes neuronales Netzwerk und vermehrte neuronale Ressourcen zurückgreifen, erklären die Studienautoren. Es gebe Hinweise darauf, dass sie bereits die eingehenden Informationen anders verarbeiten und abspeichern. Die zwanghaften Tendenzen könnten ebenfalls zum außergewöhnlichen Gedächtnis beitragen, etwa durch vermehrtes gedankliches Durchspielen des Erlebten.
Hyperthymestische Menschen schneiden in anderen Gedächtnis- und kognitiven Tests nicht merklich besser ab; nur an autobiografische Ereignisse und damit verbundene Fakten erinnern sie sich besonders gut. Bei Kindern und Jugendlichen wurde das Phänomen bislang jedoch nicht systematisch beschrieben. Studien zeigen, dass die Fähigkeit, sich detailliert und organisiert an die eigene Vergangenheit zu erinnern, in der Regel erst mit 15 bis 17 Jahren voll ausgebildet ist. Der vorliegende Fall lässt vermuten, dass die Entwicklung beschleunigt ablaufen kann.
HSAM wurde bei Erwachsenen erstmals vor rund 20 Jahren dokumentiert. Der erste bekannte Fall war die US-Amerikanerin Jill Price: Sie entwickelte ihr außergewöhnliches Erinnerungsvermögen mit 12 bis 13 Jahren. Nach eigenen Angaben konnte sie sich zwar auch an viele Tage im Alter von 8 bis 13 Jahren erinnern, musste dafür aber ein paar Sekunden nachdenken. Mit ungefähr 14 Jahren gelang ihr das automatisch: Man brauchte ihr nur einen Tag zu nennen und sie sah ihn vor sich. Die Familie bemerkte das jedoch erst, als sie schon in ihren Zwanzigern war.
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