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Raumfahrt: 2020 SO ist kein Asteroid, sondern eine Raketenoberstufe

Anfang September suchten Astronomen erdnahe Asteroiden. Sie fanden die Oberstufe der Atlas-Rakete von »Surveyor 2« aus den 1960er Jahren.
Auf dem Gipfel des Haleakala-Kraters auf der Insel Maui im Haleakala-Nationalpark befindet sich ein astronomisches Forschungsobservatorium, das Haleakalā Observatory. Laden...

Vor gut zweieinhalb Monaten haben Astronomen ein auffälliges Objekt nahe der Erde entdeckt. 2020 SO bewegte sich auf einer ungewöhnlichen Flugbahn. Es war sehr langsam. Und es enthielt Edelstahl. Nun wissen sie, was es ist: eine Raketenoberstufe der gescheiterten Mondmission Surveyor 2, die 1966 gestartet war.

Bereits am 17. September war ein Team am Haleakalā Observatory auf Maui auf das Objekt aufmerksam geworden. Eigentlich waren die Astronominnen und Astronomen auf der Suche nach erdnahen Asteroiden. In mehr als 3000 Meter Höhe auf dem Gipfel des Haleakalā bietet das Teleskop hervorragende Voraussetzungen dafür. Doch was sie fanden, passte nicht so recht in das Bild von Asteroiden. Was hoch oben an der Erde vorbeizog, stieß auf Grund seiner Größe und seiner ungewöhnlichen Umlaufbahn auf starkes Interesse in der Gemeinschaft der Planetenforscher. Was war es bloß?

Untersuchungen mit der Infrarot-Teleskopanlage IRTF der NASA sowie Orbitanalysen des Center for Near-Earth Object Studies im Jet Propulsion Laboratory lieferten im Dezember die Antwort. Die Messungen haben gezeigt, dass es sich bei dem erdnahen Himmelskörper 2020 SO tatsächlich um die Oberstufe einer Atlas-Centaur-Rakete handelte, die am 20. September 1966 von der Startrampe LC-36 der Cape Canaveral Air Force Station gestartet war.

Klärung brachte ein Centaur-D-Raketenantrieb

»Es war ein schwierig zu charakterisierendes Objekt«, sagt der Planetenforscher Vishnu Reddy, der das IRTF-Untersuchungsteam geleitet hat, in einer Pressemitteilung der NASA. Erste Analysen der Farbe deuteten darauf hin, dass es sich nicht um einen Asteroiden handeln konnte. Also analysierten Reddy und sein Team die Zusammensetzung von 2020 SO mit Hilfe der IRTF und verglichen die Spektraldaten des Objekts mit denen von Edelstahl 301 – dem Material, aus dem die Centaur-Raketenantriebe in den 1960er Jahren hergestellt wurden. Das Problem: Auch hier gab es keine direkte Übereinstimmung. Die Vermutung: Die Spektraldaten deckten sich nicht, weil der stählerne Himmelskörper bereits 54 Jahre lang den rauen Bedingungen des Weltraumwetters ausgesetzt gewesen wäre.

Am Morgen des 1. Dezember 2020 geschah das Unverhoffte. Das Team beobachtete einen weiteren Centaur-D-Raketenantrieb, der sich seit dem Jahr 1971 in der geostationären Umlaufbahn befand, lang genug, um ein gutes Spektrum zu erhalten. Verglichen mit den Daten von 2020 SO zeigte sich, dass das Material sehr wohl dasselbe ist. Der letztendliche Schluss: 2020 SO ist ebenfalls eine Centaur-Rakete.

Die NASA-Mission »Surveyor 2« sollte eine weiche Landung auf dem Mond absolvieren und die bemannte Mondlandung vorbereiten. Doch ein Triebwerk zündete nicht und brachte das Raumschiff ins Trudeln. Die Landefähre stürzte ab – ein Rückschlag für die US-Amerikaner, die sich im Wettrennen zum Mond mit der Sowjetunion befanden. Übrigens wird ihre Centaur-Oberstufe nach ihrer dichtesten Annäherung nicht gleich wieder ins All entschwinden, sondern hält sich bis März 2021 im Schwerefeld der Erde als ein »Quasi-Mond« auf.

Erdnahe Asteroiden bewegen sich auf Bahnen um die Sonne, die die Erdbahn kreuzen können. Das bedeutet, dass sie mit unserem Planeten kollidieren können. In der Vergangenheit ist das schon recht häufig passiert. Weil so ein Einschlag je nach Größe des Asteroiden verheerende Folgen haben kann, suchen und kartieren Astronomenteams weltweit, welche Körper wie und wo durch den Weltraum streifen. Auch versuchen Forscherinnen und Forscher, Abwehrsysteme zu entwickeln.

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