40 Jahre nach Tschernobyl : Keine Gefahr durch zusätzliche Strahlung in Deutschland

Die Folgen des Reaktorunfalls von Tschernobyl am 26. April 1986 reichten bis nach Deutschland. Und so sorgen sich auch heute noch Menschen vor erhöhten Strahlenwerten, beispielsweise bei bestimmten Lebensmitteln. Ob diese Sorge berechtigt ist, untersucht das Radioökologie-Labor des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS). Bei dem Reaktorunfall 1986 gelangten laut BfS radioaktive Stoffe wie Jod, Cäsium, Strontium und Plutonium in die Atmosphäre. Heute sei in Deutschland aber nur noch Cäsium-137 von Bedeutung.
Radioaktive Strahlung wird freigesetzt, wenn ein Atomkern zerfällt oder gespalten wird. Dabei können drei Arten von Strahlung entstehen – Alpha-, Beta- und Gammastrahlung –, die jeweils unterschiedliche Eigenschaften haben. Gammastrahlung durchdringe Haut und Kleidung, während Alphastrahlung schon von einem Blatt Papier oder wenigen Zentimetern Luft abgehalten werde, erklärt Martin Steiner, Leiter des BfS-Fachgebiets Radioökologie.
Alpha- und Betastrahlung kommen daher vorwiegend über kontaminierte Lebensmittel in den Körper. Alle drei Strahlungsarten schaden der Gesundheit, wenn sie in einen Organismus gelangen. Allerdings kommt radioaktive Strahlung auch in natürlichem Maße überall in der Umgebung vor. Selbst vom Menschen geht sie aus. Grund zur Sorge bietet das laut Steiner aber nicht.
Auch im Hinblick auf zusätzliche Strahlenbelastung durch den Reaktorunfall in Tschernobyl gibt Steiner Entwarnung: In Deutschland sei diese so gering, dass gesundheitliche Auswirkungen nicht zu befürchten seien. Die zusätzliche Strahlenbelastung hierzulande seit 1986 entspreche etwa der natürlichen Strahlenbelastung eines Jahres. Ein 80-jähriger Mensch, der in Deutschland lebt, sei in der Summe seines Lebens einer Strahlenbelastung ausgesetzt gewesen, die 81 Jahren natürlicher Strahlung entspreche.
Tiere und Pflanzen im Wald stärker belastet
Nach der Katastrophe verteilte Wind die radioaktiven Stoffe bis nach Deutschland. Vor allem im Süden regnete die belastete Wolke ab und belastete dort Böden. Daher haben sich in Gebieten südlich der Donau und im Bayerischen Wald mehr radioaktive Stoffe abgelagert als in Norddeutschland oder auch im Osten, erläutert Steiner. Im Frühjahr 1986 durfte demnach etwa kein Spinat aus betroffenen Gebieten verzehrt werden.
Landwirtschaftliche Erzeugnisse sind hierzulande allerdings kaum mehr radioaktiv belastet. Einige radioaktive Stoffe, etwa Jod-131, spielen wegen der kurzen Haltbarkeit keine Rolle mehr. Bei anderen Stoffen ist es etwas komplizierter. Radioaktives Cäsium, das vor 40 Jahren durch Regen in den Ackerboden gelangte, wird von bestimmten Tonmineralen im Boden gebunden, wie die BfS-Internetseite erklärt. Pflanzen nehmen es daher nur in geringem Maße auf.
Anders ist es im Wald. Dort befinden sich laut BfS auf den Mineralböden noch Schichten, in denen das Cäsium von Organismen wie Pilzen und Pflanzen leicht aufgenommen werden kann. Und auch Tiere, die im Wald leben und sich von dortigen Pilzen und Pflanzen ernähren, seien belastet. Vor allem Wildschweine seien bis heute betroffen, »wegen ihres besonderen Essverhaltens«, erklärt Steiner.
Keine Sorge vor Pilz- und Wildverzehr
Eine genaue Zahl, wie viele Wildschweine eine hohe Strahlenbelastung aufweisen, lässt sich kaum feststellen. Allerdings gibt es Anhaltspunkte: Das Bundesverwaltungsamt zahlt an Jägerinnen und Jäger eine Erstattung für Wild, das wegen der Strahlenwerte nicht verkauft werden darf. Im vergangenen Jahr waren das deutschlandweit 2927 Tiere. Der größte Teil davon stammt demnach aus Bayern: 2308 Tiere, also knapp 80 Prozent davon. Zum Vergleich: Insgesamt werden in Deutschland pro Jahr mehrere Hunderttausend Wildschweine erlegt. Belastet ist also nur ein kleiner Teil.
Eva Kabai, Leiterin des Radioökologie-Labors, überprüft regelmäßig mit Messungen die radioaktive Belastung von Lebensmitteln. Sie ist gelassen, wenn es um den Verzehr von Pilzen geht. Wer nicht zu jeder Mahlzeit übermäßig belastete Pilze oder Wild zu sich nehme, müsse sich eigentlich keine Sorgen machen, meint auch ihr Kollege Steiner. Zudem finde sich die erhöhte radioaktive Belastung nur in bestimmten selbst gesammelten beziehungsweise erlegten Lebensmitteln. Was im Supermarkt verkauft wird, unterliegt laut den beiden Experten strengen Richtlinien. Die umfassten auch Grenzwerte für die radioaktive Belastung. (dpa/ts)
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