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spektrumdirekt unterwegs: 4000 Jahre Babylon

Wenn ein auf Altertum und Antike spezialisiertes Museum es wagt, gewohntes Terrain zu verlassen und ein Thema bis zur Gegenwart weiterzuverfolgen, darf man auf das Ergebnis gespannt sein. Umso schöner, wenn am Ende eine derart gelungene Ausstellung steht wie "Wahrheit und Mythos" im Berliner Pergamonmuseum.
Ischtar-Tor
Der Titel der Ausstellung ist wohl als griffiges Zugeständnis ans Museums-Marketing zu verstehen. Denn auch wenn die Begriffe "Wahrheit" und "Mythos" viele Deutungen zulassen, zeigt die in zwei Teile zerfallende Ausstellung etwas anderes: Ein detailliertes, archäologisch fundiertes Bild vom Leben in Babylon und eine kunsthistorische Sammlung, die sich mit der Wirkungsgeschichte des biblischen Babylon bis in die Gegenwart beschäftigt.

Ischtar-Tor

Ischtar-Tor | Das Ischtar-Tor, ein ehemaliges Stadttor Babylons aus dem 6. Jahrhundert v. Chr., war ursprünglich noch von einem gewaltigeren Portal überragt.
Durch das Ischtar-Tor, das Herzstück des Vorderasiatischen Museums, betritt man den archäologischen Teil der Ausstellung. Das leuchtend blaue Tor zwingt dem Betrachter durch seine schiere Größe den Kopf in den Nacken. Dabei wurde der aus Originalkacheln rekonstruierte Vorbogen des ehemaligen babylonischen Stadttors einst von einem noch gewaltigeren Portal überragt. Je nach historischer Quelle gehört es als Teil der Stadtmauer zu einem der antiken Weltwunder. Gleichzeitig bildete es den Ausgangspunkt einer 20 bis 25 Meter breiten, 250 Meter langen Pracht- und Prozessionsstraße, deren verkleinertes Ebenbild im Museum die Mittelachse des Bereichs "Wahrheit" bildet.

Da das Vorderasiatische Museum keine eigenen Räume für Wechsel- oder Sonderausstellungen hat, mussten für die in Zusammenarbeit mit dem Pariser Louvre und dem Britischen Museum Londons konzipierte Schau viele Kostbarkeiten der Berliner Sammlung in den Magazinen verschwinden oder – wenn sie sich nicht bewegen ließen – geschickt umbaut werden. Aber die Mühe hat sich gelohnt: Die weltweit erste umfassende Babylon-Ausstellung überzeugt durch eine Vielfalt an Exponaten, ohne zu einem Durcheinander zu werden.

Der Kodex Hammurapi, einer der prominentesten Funde aus Mesopotamien, ist leider auch zur Babylon-Schau nur in Kopie zu sehen: Die schwarze Steinsäule, in die vor knapp 4000 Jahren die Gesetze Babylons gemeißelt wurden, ist im Louvre geblieben. "Die Stele ist zu fragil. Sie wird nicht einmal mehr innerhalb des Louvre bewegt, so dass auch die Franzosen eine Kopie in ihrer Sonderausstellung stehen hatten", erklärt der Altorientalist Joachim Marzahn, Kurator der archäologischen Ausstellung.

Babylons Erbe

Goldschmuck | Goldschmuck aus Gräbern in Babylon Anfang 1. Jahrtausend v. Chr.
Der Rundgang durch den archäologischen Ausstellungsteil gliedert sich in die Bereiche Königtum, Architektur, Religion, Recht, Arbeitswelt, Alltag, Wissenschaft und Transformation. Bereits im ersten Raum empfängt den Besucher der strenge Blick Alexanders des Großen. Dass dieser zu den Königen Babylons gezählt wird, verdeutlicht den Ansatz der Ausstellung: Babylon hat nicht einfach aufgehört zu existieren. Die Kultur Babyloniens ist nicht einfach von der hellenistischen Welt verdrängt worden. Sie hat Einfluss genommen auf spätere Epochen – einen Einfluss, der sich bis in die Gegenwart erhalten hat.

Ob Bibel, Talmud oder Koran: Sie alle beschäftigen sich mit Babylon – und sei es in Form einer Abgrenzung. Aber vor allem auch die Wissenschaft Babylons hat uns ein Erbe hinterlassen, das wird gegen Ende des Rundgangs deutlich: Die Zerlegung des Kreises in 360 Grad und die 60-minütige Stunde – beides basiert auf dem babylonischen Sexagesimalsystem. Auch die Astrologie der Babylonier hat sich fortgesetzt: "Schlagen Sie die Bildzeitung auf. Da steht ihr Horoskop drin", stellt Marzahn lakonisch fest. Die Kultur Babylons wirkt also weiter: "Wir sind Babylon, oder?", gibt Marzahn seiner Kollegin im Kuratorenteam, Hanna Strzoda, eine Vorlage. Die Kunsthistorikerin lächelt und nickt.

Die dunklen Seiten Babylons

Steinerne Urkunde | Der König vergibt Land an einen Beamten: Dies bezeugt diese 33 mal 46 Zentimeter große Urkunde aus Stein aus dem 8. Jahrhundert v. Chr.
Der "Mythos"-Teil der Ausstellung ist in sanftes Dunkel getaucht. Die Wände sind schwarz oder blutrot gestrichen. "Bei der Vorbereitung ist uns aufgefallen, dass heute vor allem die Schattenseiten Babylons wahrgenommen werden", begründet Strzoda die düstere Atmosphäre. Darüber hinaus schützt das schummrige Licht wertvolle Manuskripte, wie sie in der Ausstellung präsentiert werden, vor dem Ausbleichen.

Der von der Kunstbibliothek der Staatlichen Museen kuratierte kunsthistorische Teil, der "Mythos", ist lediglich in Berlin zu sehen.
"Bei der Vorbereitung ist uns aufgefallen, dass heute vor allem die Schattenseiten Babylons wahrgenommen werden"
(Hanna Strzoda)
Nur vereinzelte Werke werden mit den archäologischen Exponaten nach London reisen. Die Ausstellung greift sieben Aspekte heraus, um sie anhand höchst unterschiedlicher Kunstwerke bis in die Gegenwart zu begleiten: Nebukadnezar, das Babylon-System, die Hure Babylon, Semiramis, den Turm zu Babel, die Sprachverwirrung, die sich nach biblischer Überlieferung mit dem Turmbau verbindet, sowie das Festmahl Belšazars. "Die Sprachverwirrung ist uns wohl am präsentesten – jedes Mal wenn wir durch Kreuzberg ziehen", schmunzelt die Kuratorin.

Innerhalb der einzelnen Bereiche ist die Zusammenstellung sehr assoziativ, stellenweise etwas verwirrend: Warum hängt hier ein Bild von Eva mit der Schlange? Was macht dort drüben das Konzentrationslager aus Lego? Warum ist hier ein Belegungsplan eines Sklavenschiffs ausgebreitet?

Dennoch wird schnell klar, dass all die dargestellten Aspekte der babylonischen Wirkungsgeschichte vor allem auf eine Quelle zurückzuführen sind: "So gut wie alles, was Sie hier sehen, beruht auf der Bibel", so Strzoda. Auch wenn es den Juden zur Zeit der babylonischen Gefangenschaft nicht schlecht ging, wie Marzahn betont, ist eine Verschleppung eine traumatische Erfahrung und das Bild, das die Israeliten zurückbehielten, war ein sehr negatives. Später nutzten die Christen dies, um die Verfehlungen Roms anzuprangern: Man schrieb Babylon und meinte Rom. Luther nimmt dies wieder auf: Für ihn ist das Papsttum die Reinkarnation der Hure Babylon.

Turmbau und Sprachverwirrung

Rekonstruktion des Ziqqurat | Diese Rekonstruktion zeigt den Ziqqurat von Babylon – den wahren Turm zu Babel. Modell nach Hansjörg Schmid; 50 mal 56 Zentimeter
Der Turmbau zu Babel und die Sprachverwirrung nehmen etwa die Hälfte der Ausstellungsfläche ein. Gemälde und Zeichnungen des Turms zeigen, wie jede Epoche vor allem sich selbst porträtiert hat. Mit der geschichtlichen Wirklichkeit, dem siebenstufigen, quadratisch angelegten Ziqqurat von Etemenanki ("Haus des Himmelsfundaments auf der Erde"), dessen Modell im archäologischen Teil zu sehen ist, hat das meist wenig zu tun. Mehr schon mit dem spiralförmigen Minarett von Samarra, das zeitweise für den babylonischen Turm gehalten wurde, in der Ausstellung aber leider nicht in Form eines Fotos zum Vergleich zur Verfügung steht.

Mehrere raumfüllende Installationen beschäftigen sich mit der Sprachverwirrung. Eine besonders schöne Idee: Der "polyglotte Zyklus" von Timm Ulrichs, der den Brockhaus-Eintrag zum Thema "Übersetzung" im Stille-Post-Prinzip von 26 Übersetzungsbüros durch ebenso viele Sprachen übertragen ließ, um nach der letzten Übersetzung von Hindi ins Deutsche einen völlig neuen Text zu erhalten.

Die Vielfalt des kunsthistorischen Teils der Ausstellung ist ausgesprochen spannend. Es ist aber gut, dass die Kuratoren sich bei den oft schrägen Zusammenstellungen selbst nicht zu ernst nehmen und auch Douglas Adams "Babelfisch" oder Helge Schneiders "Akopalüze Nau" aufgenommen haben. "Helge Schneider hat uns sein Werk ganz stolz selbst überbracht", lächelt Strzoda, mit nach oben gerichteten Handflächen eine ehrfurchtsvolle Übergabe andeutend.

Fazit

Pazuzu-Dämon | Der Pazuzu-Dämon galt als Überbringer von Pest, Fieber und Kälte. Dieser Kopf einer kleinen neubabylonischen Tonfigurine misst 4,6 mal 11,6 Zentimeter.
Beiden Ausstellungsteilen gemeinsam ist eine sehr sparsame Beschriftung der Exponate. Während die in Wasserfalloptik gehaltenen Raumtexte einen guten Überblick verschaffen, enthalten die kleinen Täfelchen oft nur das Allernötigste über die ausgestellten Objekte. Übersetzungen der Keilschriftdokumente im archäologischen Teil fehlen beispielsweise fast völlig. Das ist Kalkül – nicht zuletzt die Audio-Guides und der Ausstellungskatalog refinanzieren die Schau, deren Kosten sich auf etwa eine Million Euro beziffern lassen. Ein bisschen schade ist es trotzdem.

Insgesamt ist "Wahrheit und Mythos" aber auf jeden Fall einen Besuch wert. Der Mut eines auf Altertum und Antike spezialisierten Museums, das gewohnte Terrain zu verlassen und ein Thema bis zur Gegenwart weiterzuverfolgen, verdient großes Lob. Doch auch exklusiv altgeschichtlich Interessierten ist der Besuch des Pergamon-Museums anzuraten – zumal der Pergamon-Altar, das Museum für Islamische Kunst und die Antikensammlung im Pergamonmuseum weiterhin zugänglich sind. Die Ausstellung "Wahrheit und Mythos" ist noch bis zum 5. Oktober zu sehen.

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