Ausgrabungen in Griechenland: Älteste Holzwerkzeuge Europas entdeckt

Vor 430 000 Jahren machte sich eine Anzahl Frühmenschen – möglicherweise Angehörige der Art Homo heidelbergensis – an einem stattlichen Elefantenkadaver zu schaffen. Ob sie das Tier zuvor erlegt hatten oder nur mit Glück auf ein verendetes Tier gestoßen waren, ist ungewiss. Als recht sicher darf aber gelten, dass sie einige Holzwerkzeuge dabeihatten, als sie sich Fleischportionen aus dem Körper des toten Elefanten herausschnitten. Einige der Werkzeuge ließen sie anschließend dort liegen, wo sie nun von einem Team um Annemieke Mills von der University of Reading in Großbritannien ausgegraben und analysiert wurden.
In der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins »Proceedings of the National Academy of Sciences« schildern die Forscher Details zu ihren Ausgrabungsergebnissen. Zum Team gehören auch Tübinger Forscher um Katerina Harvati.
Eines der hölzernen Werkzeuge ist ein 81 Zentimeter langer Stock aus Erlenholz, der wohl wie ein Grabstock genutzt wurde. Zumindest finden sich an seinem keilförmig zugespitzten Ende einige Kratzer, die auf diese Funktion hindeuten. Ob er zum Graben im Erdreich oder im Elefantenfleisch eingesetzt wurde, wissen Milks und Team nicht. Zur Herstellung dieses Werkzeugs entrindete der einstige Benutzer oder die Benutzerin den Stock und hackte und schnitzte alle Seitenäste ab. Auch das hintere Ende formte er oder sie nach eigenen Bedürfnissen. Über diese basale Nutzbarmachung hinaus erfolgte allerdings keine weitere Bearbeitung. Offenbar war der Stock von Anfang an als Wegwerfgerät gedacht.
Damit unterscheidet er sich etwa von den Schöninger Speeren, die rund hunderttausend Jahre jünger sind und eine komplexere, mehrschrittige Herstellungsweise verraten.
Im Megalopolis-Becken ließ es sich gut aushalten
Das zweite als Holzwerkzeug identifizierte Objekt misst nur wenig mehr als fünf Zentimeter und lässt sich keiner bekannten Funktion zuordnen. Vielleicht diente es zum Nachschärfen der Steinwerkzeuge, die in seinem Umfeld gefunden wurden. In jedem Fall lässt sich eine gewisse Fingerfertigkeit der Benutzer erahnen, die ganz offensichtlich auch mit derart kleinen Gegenständen hantieren konnten.
Nur bei zwei der insgesamt 144 hölzernen Fundstücke aus dem Umfeld des Elefanten ist es den Forschern geglückt, eindeutige Spuren der Bearbeitung nachzuweisen. Ein drittes zeigt drei große, parallel verlaufende Kratzer, die nicht vom Menschen, sondern von einer krallenbewehrten Tatze zu stammen scheinen, vielleicht von der eines Bären. Damit zeigt es: Auch andere Lebewesen interessierten sich für den großen Kadaver, der in der eiszeitlichen Landschaft unweit eines Sees herumlag.
Alle Funde stammen aus dem derzeit ältesten bekannten archäologischen Fundplatz Griechenlands, genannt Marathousa 1, der in der Region Megalopolis im zentralen Peloponnes liegt. Vor 430 000 Jahren überdeckte ein dicker Eispanzer große Teile Europas. Im Tal des Megalopolis-Beckens ließ es sich dagegen gut aushalten: Die Jahreszeiten waren für Mensch und Tier nicht so extrem wie anderswo, es gab offene Waldlandschaften, und die Jahresmitteltemperatur lag bei rund fünf bis sieben Grad – ungefähr so kühl wie heutzutage im norwegischen Bergen.
Nur sehr wenige Holzfunde mit Spuren menschlicher Bearbeitung sind älter oder annähernd so alt wie die Gegenstände aus Marathousa 1: Da ist zum einen eine mutmaßliche Speerspitze aus Clacton-on-Sea in England, die rund 400 000 Jahre alt ist, und zum anderen der aktuelle Rekordhalter, eine Holzstruktur aus Sambia, die Teil einer Art Bauwerk zu sein scheint und 467 000 Jahre alt ist.
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