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Fische: Aale auf Kokain leiden

Das Abwasser vieler Flüsse ist mit den Rückständen von Kokain und anderen Rauschmitteln verseucht. Das hat unerwartete Folgen.
Europäischer Aal

Vor wenigen Jahrzehnten war der Europäische Aal ein Allerwelts- und beliebter Speisefisch, doch seit den 1970er Jahren ist sein Bestand drastisch zurückgegangen: Flussverbauungen, Wasserkraftwerke und Überfischung der Jungaale (als Glasaal eine Delikatesse in Ostasien) haben dafür gesorgt, dass die Art mittlerweile als vom Aussterben bedroht gilt. Eine weitere, eher ungewöhnliche Gefahrenquelle haben Biologen um Anna Capaldo von der Universität Neapel untersucht und in »Science of the Total Environment« vorgestellt: Kokain und seine Abbauprodukte, die mittlerweile viele Flüsse im Umfeld europäischer Metropolen verseuchen. Im Jahr 2009 wies eine Studie bis zu 753 Nanogramm Kokain pro Liter Wasser in Gewässern und Kläranlagen rund um Brüssel nach; die Konzentrationen von daraus hervorgegangenen Metaboliten wie Benzoylecgonin lag sogar bei mehr als 2250 Nanogramm pro Liter. Die Werte für deutsche und andere europäische Großstädte sehen ähnlich aus.

Die Aale nehmen diese Stoffe über das Wasser und die Nahrung auf und reichern es in ihrem Fettgewebe an, wie eine Arbeit aus dem Jahr 2012 nachwies. Und das habe Folgen für ihre Gesundheit und ihr Orientierungsvermögen, so Capaldo und ihr Team. Die Wissenschaftler hatten 150 Aale in einem Versuch auf verschiedene Kontrollgruppen aufgeteilt und dabei auch einen Teil über 50 Tage hinweg Wasser ausgesetzt, in dem sich 20 Nanogramm einer Kokainlösung pro Liter befanden. Die Droge sorgte dafür, dass die Fische verhaltensauffällig und hyperaktiv wurden. Zudem reicherte sich das Rauschmittel im Gehirn, den Muskeln, Kiemen und anderen Geweben an. Die Muskelzellen schwollen dadurch an oder zerfielen sogar.

Da die Aale jedoch tausende Kilometer wandern müssen, um von ihrem zeitweiligen Lebensraum in den Flüssen zu ihren Laichplätzen in der Sargassosee zu gelangen, könnte das ihre Fortpflanzung beeinträchtigen: Sie überleben dadurch vielleicht die Reise ins Meer schlechter und sterben bereits unterwegs oder sind vor Ort schon zu entkräftet, um sich erfolgreich zu vermehren. Die Jungfische kehren nach dem Schlüpfen wieder mit dem Golfstrom zurück und wandern dann die Flüsse hinauf, bis sie das fortpflanzungsfähige Alter erreichen. Da es unwahrscheinlich sei, dass der Drogenkonsum zurückgehe, appellieren Capaldo und Co, dass Kläranlagen zukünftig besser Drogenrückstände aus dem Abwasser filtern, um die Art und möglicherweise auch andere Wasserlebewesen zu schützen.

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