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News: Abgehört

Wer als winzige Algenspore nahe der Meeresküste einen neuen Wohnort sucht, schwimmt recht verloren in der Weite. Der geeignete Unterschlupf ist wie die Stecknadel im Heuhaufen. Doch glücklicherweise verraten sich die potenziellen Vermieter selbst.
Jeder Wattenmeerbesucher kennt die feinen Algenfäden auf Muscheln, Steinen oder Uferbefestigungen. Der Darmtang (Enteromorpha sp.) übersteht das regelmäßige Trockenfallen problemlos und wird in nährstoffreicheren Abschnitten auch durchaus zur Plage. Um eine neue Heimat aufzuspüren, macht sich eine Generation winziger begeißelter Zoosporen auf den Weg. Haben sie eine geeignete Wohnstätte gefunden, heften sie sich an deren Oberfläche und wachsen wieder zu den bekannten blättrigen oder fadenförmigen Gebilden aus.

Besonders beliebt als Anheftungsort sind Bereiche, die mit einem Biofilm aus Bakterien überzogen sind, denn sie verheißen den Algen offenbar einen entsprechend festen Boden unter den "Füßen". Um solche Unterschlupfe zu finden, greifen die Sporen zu einem Trick: Sie belauschen die Kommunikation der Bakterien.

Denn um sich untereinander zu organisieren, tauschen die prokaryotischen Einzeller ständig chemische Nachrichten aus. Zu den Signalmolekülen im Rahmen dieser Quorum sensing genannten Verständigung gehören auch N-Acylhomoserinlactone, die in der Gruppe der gram-negativen Bakterien weit verbreitet sind.

Und genau jene Moleküle verraten den Zoosporen des Darmtangs offenbar den geeigneten Wohnort, berichten Ian Joint vom Plymouth Marine Laboratory und seine Kollegen. Sie hatten die Algensporen in Laborkulturen von Bakterien gesetzt, die aufgrund einer genetischen Veränderung das Signalmolekül nicht mehr produzieren konnten. Prompt zeigten die pflanzlichen Wohnungssucher kein gesteigertes Interesse mehr an dem doch eigentlich passenden Zuhause.

Allerdings entfalten die N-Acylhomoserinlactone ihre lockende Wirkung auf die Algen nur, wenn die Acylkette aus mindestens sechs Kohlenstoffatomen besteht und auch die Ringstruktur erhalten ist. Wird das Molekül beispielsweise durch pH-Änderungen verändert, oder ist die Kohlenstoffkette zu kurz, können die Algensporen die Nachricht nicht entschlüsseln.

Den Wissenschaftlern zufolge ist dies der erste Nachweis, dass eukaryotische Organismen in der Lage sind, Botschaften von Prokaryoten zu verwerten. Vielleicht ließe sich die Abhörfähigkeit der Algen sogar gegen sie verwenden, fügt Joint hinzu: Könnte man die Signalübertragung durch die N-Acylhomoserinlactone unterbinden, wären entsprechende Oberflächen vor einer Besiedlung relativ sicher. Das könnte Schiffsbauer durchaus interessieren.

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