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News: Abgelehnt

Dass das weibliche Geschlecht sich als äußerst wählerisch zeigt, gilt als alter Hut. Schließlich soll nur beste Qualität zum Zuge kommen, die Konkurrenz männlicher Samenzellen hört daher selbst im weiblichen Körper nicht auf. Dreizehenmöwen-Weibchen achten aber auch noch auf die Frische des Materials.
Rissa tridactylaLaden...
Richard Wagner traute seinen Augen nicht. Der Verhaltensforscher hatte sein Wiener Konrad-Lorenz-Institut verlassen, um in der Bretagne bei Cap Sizun Dreizehenmöwen zu beobachten. Hier existiert eine große Kolonie dieser auch auf den Namen Rissa tridactyla hörenden Seevögel, die der Wissenschaft bereits bestens vertraut ist. Seit 1979 sind hier mehr als 15 000 Möwen beringt worden; große Überraschungen waren eigentlich nicht mehr zu erwarten.

Auch die Paarung der monogamen Tiere hatte Wagner schon zigmal gesehen. Doch dann fiel ihm das merkwürdige Verhalten eines Weibchens auf: Kurz nachdem das Männchen nach erfolgreichem Liebesspiel von dannen flog, setzte sich das Weibchen an den äußersten Rand der steilen Felswand und stieß mit hohem Druck eine weiße Flüssigkeit aus. Sperma?

Weitere Beobachtungen, die Wagner zusammen mit seinen französischen Kollegen Fabrice Helfenstein und Etienne Danchin von der Pariser Université Pierre et Marie Curie machte, bestätigten den Verdacht: Weibliche Dreizehenmöwen entledigen sich des just von ihrem Lebenspartner erhaltenen Samens – und das recht häufig: Von 634 Kopulationen endeten 142 mit der drastischen Abweisung männlicher Geschlechtszellen. Aber warum?

Nun ist für Biologen nicht neu, dass Weibchen unerwünschtes Sperma aus ihrem Körper wieder hinauskomplimentieren. Schließlich sollen nur die Spermien mit den besten genetischen Eigenschaften zum Zuge kommen. Lässt sich das Weibchen mit mehreren Männchen ein, dann kann es im Nachhinein immer noch bestimmen, wer der glückliche Vater des Nachwuchses werden soll. Etliche Insekten, Vögel und sogar einige Säugerarten greifen auf diese Art der Spermienauswahl zurück.

Doch für Dreizehenmöwen sollte es diese Spermienkonkurrenz im weiblichen Körper eigentlich nicht geben. Denn die Tiere sind nicht nur strikt monogam, sondern dabei auch noch außerordentlich treu: In der gesamten Kolonie ließ sich kein einziges fremdgehendes Weibchen beobachten, lediglich zwei Männchen erwischten die Biologen in flagranti. Genetische Vaterschaftstests bei 119 Küken bestätigten ebenfalls die durchgehende Treue ihrer Eltern.

Die Wissenschaftler kamen der Sache auf die Spur, als sie den Zeitpunkt des Samenabstoßens näher untersuchten. Wie sich zeigte, lehnen die Möwen-Weibchen hauptsächlich dann den Samen ihres Partners ab, wenn die Eireifung noch nicht abgeschlossen ist. Geschieht die Paarung mehr als zwei Wochen vor der Eibablage des Weibchen, dann sieht es für das Sperma des Männchens schlecht aus – meist landet es unsanft in der Brandung. Nähert sich dagegen der Zeitpunkt der Eiablage, dann zeigt sich das Weibchen einer Annahme zunehmend aufgeschlossen.

Offensichtlich legen die Möwendamen Wert auf Frische und Qualität. Statt Sperma bis zum Zeitpunkt der Eizellbefruchtung zu lagern und es dabei altern zu lassen, entsorgen sie es lieber. Tatsächlich hatten Weibchen, die auf den Samenausstoß verzichteten, einen geringeren Bruterfolg als diejenigen, die regelmäßig zu früh präsentierte Ware ablehnten.

Doch warum lassen die Weibchen die Paarung überhaupt zu, wenn die Zeit noch nicht reif ist? Darüber können die Forscher nur spekulieren. Vielleicht wollen die Möwen ihre Männchen mit häufigen Kopulationen dazu animieren, immer neues Sperma zu produzieren und so ihren Beitrag zur Frische zu leisten. Möglicherweise dient Sex unter Dreizehenmöwen aber auch zur Streitschlichtung unter den Partnern – achten die Weibchen doch penibel darauf, dass die Männchen die Abweisung nicht bemerken.

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