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Regenwälder: Abholzung macht die Tropen trockener

Niederschlagsdaten zeigen: Wenn der Wald verschwindet, regnet es weniger. Dass Abholzung und Trockenheit zusammenhängen, deutet auf einen möglichen Klima-Kipppunkt am Amazonas hin.
Rund 30 Fußballfelder Wald vernichtet die Menschheit momentan pro Minute laut mancher Schätzung.
In Wäldern verdunstet viel mehr Wasser, als nackter Boden freisetzt. Dadurch erzeugen tropische Regenwälder einen erheblichen Teil der Niederschläge selbst. Noch.

Weniger Bäume bedeuten weniger Regen – Hinweise auf diesen Zusammenhang gibt es schon lange. Nun belegen Daten, wie groß der Effekt ist. Anhand von Satellitendaten und meteorologischen Aufzeichnungen zeigt ein Team um Dominick Spracklen von der University of Leeds, dass für jedes Prozent verlorener Waldfläche die Regenmenge um etwa einen viertel Liter pro Quadratmeter sinkt. Wie die Arbeitsgruppe in der Fachzeitschrift »Nature« schreibt, stimmt die Größe des Effekts ungefähr mit Vorhersagen aus Klimamodellen überein. Außerdem bestätigen die Daten frühere Analysen über den Zusammenhang von Wäldern und regionalen Niederschlägen. Den Regenwald abzuholzen, könne auch in entfernten Agrarregionen Regen und damit die davon abhängenden Erträge reduzieren, heißt es in der Veröffentlichung. Außerdem begünstige er weitere Waldverluste und gefährde dadurch die Existenz der Regenwälder selbst.

Hintergrund der engen Beziehung zwischen Waldfläche und Niederschlag ist, dass sich Wälder ihren eigenen Regen schaffen können. Das liegt an einem bemerkenswerten Wasser-Recycling durch die Bäume. Diese transportieren über die so genannte Evapotranspiration, die Verdunstung von Wasser durch die Spaltöffnungen der Blätter, gigantische Mengen Wasser aus dem Boden in die Luft. Dort kondensiert es und regnet wieder ab. Auf diese Weise können Wälder noch in bis zu 2000 Kilometern Entfernung zusätzlichen Regen erzeugen. Das bedeutet aber auch, dass abgeholzte Wälder selbst weit entfernte Regionen trockener machen können, mit Folgen für Ökosysteme und Landwirtschaft.

Die Arbeitsgruppe um Spracklen untersuchte die Veränderungen in der Waldbedeckung des Amazonasregion, des Kongobeckens und des tropischen Südostasiens im Zeitraum von 2003 bis 2017 und verglich diese Entwicklung mit den Veränderungen in den Niederschlägen dort. Dabei kommt sie zu dem Ergebnis, dass die Regenmengen in allen Regionen und zu allen Jahreszeiten abgenommen haben. So zeigten die Daten, dass die Regenwälder Südostasiens entgegen bisheriger Annahmen ebenfalls von verringerten Niederschlägen durch Abholzung betroffen sind. Die in einigen früheren Studien festgestellten zunehmenden Niederschläge über Rodungsflächen in der Trockenzeit erwiesen sich in der neuen Analyse als nicht signifikant.

Tatsächlich könnte der reale Rückgang der Niederschläge nach Ansicht der Fachleute aus Leeds sogar größer sein, denn er wird stärker, je größer die jeweils zu einem Datenpunkt zusammengefassten Regionen werden. Das Team untersuchte jedoch nur Größenskalen bis 200 Kilometer – während die Wirkung auf die Regenfälle über weit größere Strecken reicht. Dadurch »verschwindet« bei kleineren Skalen wohl ein Teil des Effekts aus der Analyse. Zusätzlich beschränkt sich die Analyse auf Waldverluste auf unter 30 Prozent der Fläche; Modelle deuten darauf hin, dass die Auswirkungen von Rodungen auf die Niederschläge oberhalb dieser Schwelle deutlich drastischer sein könnten. Ihre Ergebnisse sollten deswegen als konservative Schätzung der Auswirkungen zukünftiger Abholzung gesehen werden, schreibt die Gruppe um Spracklen.

Der Zusammenhang zwischen Wald und Regen ist möglicherweise entscheidend für die Zukunft der tropischen Regenwälder. Dadurch nämlich hat der Waldverlust das Potenzial, sich selbst zu beschleunigen. Teilweise entwaldete Regionen könnten noch trockener werden, so dass Dürre und Feuer noch mehr Wald vernichten, was wiederum die Niederschläge verringert. Einen solchen Kipppunkt, ab dem der Regenwald unaufhaltsam verschwindet, haben andere Fachleute bereits für die Amazonasregion postuliert. Am stärksten bedroht ist aber wohl der Regenwald im Kongobecken. Prognosen legen nahe, dass die Region bis zum Jahr 2100 mehr als 40 Prozent ihrer heutigen Waldbedeckung verlieren könnte – und laut der Analyse etwa zehn Prozent der Niederschläge.

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