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Covid-19: »Absolut essenziell, dass wir daraus lernen«

Wir werden die Pandemie überstehen, sagt der Epidemiologe Dirk Pfeiffer im Interview. Wichtig sei, dass wir aus Sars-CoV-2 für künftige, womöglich schlimmere Seuchen lernen.
Fleischverkauf an einem Straßenstand in Hong KongLaden...

Seit Jahrzehnten wissen Fachleute, dass jederzeit eine Tierkrankheit zu einer tödlichen Pandemie werden kann. Das zum Glück nur wenig tödliche Sars-CoV-2 zeigt, wie schnell sich ein neuer Erreger weltweit verbreiten Chaos auslösen kann – und einige potenzielle Pandemieviren töten 30 oder 50 Prozent ihrer Opfer.

Der Veterinärmediziner und Epidemiologe Dirk Pfeiffer erklärt, wie solche Viren vom Tier auf den Menschen überspringen und welche Rolle Wildtiermärkte in Asien spielen. Aber auch die Forschung ist nicht optimal aufgestellt, um solche Bedrohungen frühzeitig zu erkennen. Essenziell sei, die Lektionen aus der weltweiten Seuche Covid-19 zu lernen, sagt er. Denn die nächste Pandemie könnte tatsächlich zu einer Katastrophe führen.

»Spektrum.de«: Professor Pfeiffer, das Coronavirus Sars-CoV-2 ist eine Zoonose. Was bedeutet das?

Dirk Pfeiffer: Eine zoonotische Krankheit wird von einem Erreger erzeugt, der sowohl bei Tieren wie auch beim Menschen zur Erkrankung führen kann. Coronaviren können alle Säugetiere befallen, aber auch manche Reptilien, etwa Schlangen. Alle Coronaviren sind RNA-Viren und nicht so stabil wie Viren, deren Erbgut aus DNA besteht – sie mutieren daher recht leicht und passen sich schnell an. Die meisten dieser Zufallsmutationen führen allerdings nicht dazu, dass ein vom Tier stammendes Coronavirus für den Menschen gefährlich wird.

Der Veterinärmediziner und Epidemiologe Dirk Pfeiffer.Laden...
Dirk Pfeiffer | Der Veterinärmediziner und Epidemiologe Dirk Pfeiffer ist Professor an der City University of Hong Kong. Seit 1999 ist er außerdem Professor für Veterinärepidemiologie am Royal Veterinary College (RVC), London, Großbritannien. Ein Schwerpunkt von Pfeiffers Forschung ist die politische und wissenschaftliche Umsetzung evidenzbasierter Veterinärmedizin, analytischer Epidemiologie sowie räumlicher und zeitlicher Analyse epidemiologischer Daten. Sein Team entwickelt Informationssysteme für Tiergesundheit, Computermodelle von Tierkrankheiten und ökologische Feldforschungsmethoden.

Ganz selten passiert es aber, wie in dem Fall des aktuellen Virus Sars-CoV, dass das Virus durch eine Mutation an bestimmte Rezeptoren von menschlichen Zellen passt, zum Beispiel im Atembereich. Und dann kann er sich im Menschen vermehren und möglicherweise auch von Mensch zu Mensch übertragen werden.

Manche Schätzungen gehen sogar davon aus, dass 70 Prozent aller Infektionskrankheiten beim Menschen ursprünglich von Tier stammen. Solange es nur wenige Menschen auf dem Planeten gab und relativ wenige Kontaktpunkte zwischen Wildtieren und Menschen, hat es lange gedauert, bis Mutationen eine Variante erzeugt haben, die uns krank gemacht hat und die von Mensch zu Mensch übertragbar war. Das ist heute anders.

Welche Rolle spielen asiatische Essensmärkte dabei?

Es gibt fast überall in Asien, vor allem in Ost- und Südostasien, so genannte Wet Markets. Das sind große Markthallen, oft in den unteren Etagen von Hochhäusern in großen Städten. Dort wird alles Mögliche verkauft: Fleisch und Fisch, Früchte, aber auch lebende wilde und domestizierte Tiere. In den Märkten hat man also eine extreme Konzentration von Tieren und Menschen. Das bedeutet, dass dort regelmäßig verschiedene Arten von Viren eingebracht werden und auch etwas zirkulieren. Wenn der Zufall es dann will, wie jetzt bei Sars-CoV-2 geschehen, bringt so ein Markt einen Erreger hervor, der krank macht und von Mensch zu Mensch übertragbar ist.

Ist mittlerweile bekannt, von welchem Wildtier Sars-CoV-2 stammt?

Gesichert ist das nicht. Aber ich denke, dass die Übertragung zwischen Fledermaus und Mensch stattgefunden hat, sehr wahrscheinlich mit wilden oder domestizierten Tieren als Zwischenwirt. Die Quelle liegt dort, wo die Viren gut zirkulieren können. Fledermäuse sind da ein spezieller Fall. Ihr Immunsystem ist so aufgestellt, dass sie gut mit Coronaviren zurechtzukommen und anscheinend sogar in der Lage sind, die Mutationsraten der Viren anzuregen.

Das Coronavirus Mers ist wahrscheinlich auf der Arabischen Halbinsel entstanden. Dort leben wilde Fledermäuse oft in Ställen, in denen Kamele gehalten werden, die wiederum die Infektionsquelle für Menschen sind. Auf den Wet Markets Asiens stehen nicht selten Käfige mit Fledermäusen herum, manchmal direkt neben gackernden Hühnern. Die Übertragung auf Tiere oder Menschen läuft dann tendenziell über die Fäkalien der Fledermäuse.

Wo kommen die Fledermäuse auf den Märkten denn her?

Das ist leider eine Grauzone. In China gibt es Wildtierzüchter, die Fledermäuse in Käfigen großziehen, aber auch Wildtierjäger, die die Tiere fangen. Es gibt Hinweise darauf, dass manche Viehzüchter infolge der Verluste durch die afrikanische Schweinepest von Schweineproduktion auf Wildtiere umgestiegen sind. Aber wie gesagt, es werden auch andere Wildtiere auf diesen Märkten gehandelt, die ein Zwischenwirt gewesen sein können.

Gibt es Hotspots, wo sich Viren entwickeln? Ist das eher in der Wildpopulation oder eher im Wet Market selbst, wo die Tiere und die Menschen sich so nahe kommen?

Die beiden Voraussetzungen für einen Outbreak sind Übertragung und Mutation. Die Mutation entsteht dabei eher in der Wildnis als im Wet Market. Schließlich werden die Tiere vom Markt recht schnell geschlachtet und gegessen, so dass ein Virus dort nicht sehr lange zirkulieren kann. Es ist also wahrscheinlicher, dass Wildtiere immer wieder neue Variationen von potentiell zoonotischen Viren auf die Märkte mitbringen. Eine andere Möglichkeit ist, dass sich Mutationen auf Wildtierfarmen entwickeln, weil dort viele Tiere aus verschiedenen Ecken zusammenkommen und entsprechende Mutationen entstehen können.

Gibt es andere Beispiele für Zoonosen, bei denen die Wet Markets eine Rolle spielen?

Bei Influenza-Viren zum Beispiel. Die stammen von Wildgeflügel, vor allem von Wasservögeln. Da findet die Interaktion zwischen den wilden und den domestizierten Tieren üblicherweise in den Geflügelfarmen statt. Allerdings wird Geflügel in Asien auch über weite Strecken zu den Wet Markets transportiert, zum Beispiel aus Vietnam nach China, selbst wenn das illegal ist. Bei Influenza hat der Wet Market dann die Funktion, bereits vom wilden Tier übertragene Viren unter den domestizierten zu verbreiten. Und dann auf den Menschen.

Warum ist es so schwierig, diese Ausbrüche zu verhindern?

Das Problem ist, dass wir meist kein Warnsignal haben. Bei der Vogelgrippe H5N1 überleben zwar die Wildvögel, in denen das Virus entstanden ist, aber Legehennen sterben. Der Zwischenwirt wird also ein Warnsignal abgeben. Man ist dann jedoch darauf angewiesen, dass Farmer, Händler und Verkäufer mitteilen, wenn ihre Tiere auf einmal sterben. Gerüchte sind ein wichtiger Mechanismus für effektive Überwachung bezüglich neuer zoonotischer Erkrankungen. Das ist in vielen Regionen der Welt schwierig, weil die Betroffenen negative Konsequenzen für sich und ihren Betrieb befürchten.

»Wenn ein Erreger eine Inkubationszeit von einer Woche hat oder sogar zwei, ist man immer zu spät dran«

Oft wird deshalb argumentiert, man brauche mehr Überwachung. Manche Kommentatoren schlagen vor, in den Märkten regelmäßig Proben nehmen zu lassen. Das wiederum würde viel Geld kosten. Deshalb macht es keiner. Es wäre auch wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Obendrein gibt es Fälle wie das Influenza-Virus H7N9, bei dem nur der Mensch erkrankt, man also vor dem Ausbruch ohnehin kein Signal bekommt. Und das ist bei dem Coronavirus anscheinend genauso.

Und selbst wenn man ein Virus früh entdeckt: China hat das wahrscheinlich beste Transportsystem der Welt, mit Schnellzügen, Autobahnen und Flügen zwischen immer mehr großen Städten. Die Dichte von Menschen in den Megastädten ist extrem hoch. Es gibt in diesem System riesige Menschenbewegungen, wie beim chinesischen Neujahrsfest, die man nicht verhindern kann. Wenn ein Erreger wie Sars-CoV-2 eine Inkubationszeit einer Woche hat oder sogar zwei, ist man immer zu spät dran, selbst wenn man ihn schnell entdeckt hat.

Was können wir dann tun?

Prävention ist essenziell! Wir müssen an der Quelle ansetzen. Und das ist die Schnittstelle Wildtier, Wet Market und Mensch. Es geht darum, dass man die Kontaktpunkte versucht zu minimieren und Übertragungen vermeidet. Da gilt erst mal das Gleiche, was die WHO uns aktuell jeden Tag einhämmert: Hygiene und Abstand. Zum Beispiel, indem man die Regel einführt, dass Wildtiere in Wet Markets getrennt von anderen Tieren gehalten werden. Und dass nach dem Tagesgeschäft alles gut geputzt werden muss.

Es geht aber auch darum, die Nachfrage zu verringern. In Singapur gab es den Wildtierhandel auf Märkten auch mal. Heute ist das vorbei, weil sich die Esskultur geändert hat. Im Bewusstsein der chinesischen Nation hat die chinesische traditionelle Medizin immer noch einen hohen Stellenwert. Die Nachfrage nach Wildtieren ist vom Glauben getrieben, dass deren Konsum Glück bringe oder Gesundheit. Durch Aufklärung muss man auch an dieser kulturellen Stellschraube langsam drehen.

Allerdings fehlt uns noch entscheidendes Wissen darüber, welche Stellschrauben die effektivsten sind. Es ist extrem schade, dass das Beweismaterial für den Ursprung von Sars-CoV-2 höchstwahrscheinlich in der Anfangsphase dieser Epidemie während der Säuberungsmaßnahmen in dem nun weltbekannten Fischmarkt in Wuhan zerstört worden ist. Da fehlte einfach die epidemiologische Kompetenz auf den unteren Ebenen des staatlichen Gesundheitssystems. Der offizielle Plan ist jetzt, Wildtiere in den Märkten zu untersagen. Aber wie soll man das durchsetzen? Nein, wir müssen wissen, wo das Virus herkam und wie die Verwertungsketten aussehen. Nur dann können wir gezielt die Schnittstellen angehen.

Warum wird das nicht längst erforscht?

Epidemiologen und Virologen schießen sich in der Regel auf ein bestimmtes Pathogen ein. Es gibt Tuberkulose-Spezialisten, Influenza-Spezialisten, Coronavirus-Spezialisten und so weiter. In der Tiermedizin wird meist an Zoonosen gearbeitet, die vom domestizierten Tier kommen. Da geht es dann zum Beispiel um Tuberkulose oder Brucellose. Aus dieser Forschung stammt ein Großteil der Empfehlungen für die Lebensmittelhygiene. Und die meiste Forschung an Fledermäusen wird in Asien bisher aus Artenschutzperspektive betrieben. Es gibt aber inzwischen auch ein paar Fledermaus-Experten, die mit der Zoonosenperspektive arbeiten.

Wie tödlich ist das Coronavirus? Was ist über die Fälle in Deutschland bekannt? Wie kann ich mich vor Sars-CoV-2 schützen? Diese Fragen und mehr beantworten wir in unseren FAQ. Mehr zum Thema lesen Sie auf unserer Schwerpunktseite »Ein neues Coronavirus verbreitet sich weltweit«.

Um herauszufinden, wo man bei Zoonosen am besten interveniert, braucht es Teams, die die Pathogene in ihrem Gesamtkontext untersuchen, von der Quelle im Wildtier bis zum Konsumenten. Ob für solche Forschung Geld verfügbar ist, hängt bisher davon ab, ob gerade eine Katastrophe stattfand oder nicht. Nach H1N1 und nach Sars gab es für einige Jahre Geld, und dann war es wieder vorbei. Hätte man nur einen Bruchteil des Geldes, das jetzt durch Sars-CoV-2 verloren geht, in die Forschung gesteckt, wüsste man schon wesentlich mehr über die Infektionswege und hätte es wahrscheinlich verhindern oder effektiver reagieren können.

Und jetzt während der aktuellen Krise?

Jetzt gibt es natürlich wieder eine Menge Quellen für Forschungsgelder zum Thema zoonotische Viren, auch im Zusammenhang mit Wildtierhandel und Wet Markets. Wir haben ein Konsortium gegründet mit Partnern aus den USA und stellen gerade einen Antrag beim staatlichen Geldgeber MRC in England, um genau dieses Thema anzuschauen. Da geht es um die Wertketten, also die Frage, wer beim Wildtierhandel verdient und wie man effektiver intervenieren kann, auch unter Verwendung von sozialwissenschaftlichen Methoden.

Es geht bei dem Projekt aber auch um biologische und epidemiologische Aspekte, wie man es bei einem interdisziplinären Ansatz erwarten sollte. Allerdings ist nun wichtig, dass solche Projekte auf Dauer gestützt werden. Die Regierungen betroffener und noch nicht betroffener Staaten sollten jetzt interdisziplinäre Gruppen von Experten zusammenbringen, die rauskriegen, wo bei der Ausbreitung von Sars-CoV-2 die entscheidenden Schnittstellen liegen, so dass man epidemiologisch, ökonomisch und soziokulturell optimale Kompromisse bei der Implementierung von Kontrollmethoden treffen kann.

Gegenwärtig findet dies in betroffenen asiatischen Ländern leider nur selten statt, das heißt, es werden in erster Linie Entscheidungen auf der Basis von menschlichen Fallzahlen getroffen, anstatt die negativen Effekte der Kontrollmethoden auf die Wirtschaft und Gesellschaft in Betracht zu ziehen. Ich sage schon seit Beginn dieser Pandemie, als es noch eine Epidemie war: Leute, keine Panik, denn das wird uns nicht weiterhelfen. Wir werden da durchkommen. Doch es ist absolut essenziell, dass wir daraus lernen, denn der nächste Ausbruch einer neuartigen Zoonose könnte Potenzial für eine tatsächliche Katastrophe haben.

Herr Professor Pfeiffer, herzlichen Dank für das Gespräch.

12/2020

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 12/2020

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