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IPCC-Bericht III: Acht Jahre zur Rettung des Planeten

Die guten Nachrichten zuerst: Man kann dem bedrohlichen Klimawandel entgegenwirken, Lösungen des Problems sind zahlreich vorhanden und die Kosten dafür gering. Und jeder kann zur Eindämmung des Klimawandels beitragen. Einzelpersonen sind ebenso gefordert wie die Gesellschaft, die Wirtschaft und die Politik. Viel Zeit bleibt aber nicht mehr - acht Jahre höchstens. Das sind die Kernbotschaften des dritten Teils des Berichts des UN-Klimarates, der am Freitag in Bangkok vorgestellt wurde.
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Über 2000 Spitzenwissenschaftler und Vertreter von 120 Regierungen haben gerade in Bangkok im Rahmen des dritten IPCC-Berichts (Intergovernmental Panel on Climate Change) eine Woche lang über Möglichkeiten der Reduzierung von Treibhausgasen beraten. Die Ansätze reichen vom effektiveren Umgang mit Energie, über den Einsatz von erneuerbaren Energien und der Kernkraft bis hin zum Preis für Kohlendioxid als wesentlicher Ursache des Treibhauseffektes. "Es ist nicht unsere Aufgabe, Empfehlungen auszusprechen, sondern Optionen aufzuzeigen. Und die Kernenergie ist eine Option", sagte Bert Betz, Ko-Vorsitzender des Weltklimarates, und fügte mit Nachdruck hinzu: "Wir haben auch auf die Probleme der Proliferation und der Endlagerung von Atommüll hingewiesen."

Was aber wurde eigentlich in Thailand verhandelt? Zur Debatte stand nur die 35 Seiten lange "Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger" (Summary for Policy Makers), nicht etwa der über 1000 Seiten starke Bericht selbst. Vier Tage und Nächte lang wurde dieser Abschnitt Absatz für Absatz, Satz für Satz, Wort für Wort beredet, Änderungen eingebracht und erneut diskutiert. In zähem Feilschen versuchten die Politiker in Arbeitsgruppen ihre Einzelinteressen durchsetzen. "Vielen geht es hier mehr um die Wahrung ihrer jeweiligen wirtschaftlichen Interessen, als um gemeinsame Maßnahmen zum Klimaschutz", seufzt Stephan Singer, Klimaexperte der Umweltstiftung WWF Europa.

"Die Kernenergie ist eine Option"
(Bert Betz)
Nach dem von den Wissenschaftlern letztlich vorgestellten besten Szenario kann man bis 2015 einen globalen Temperaturanstieg um 2 Grad nicht vermeiden. Bis dahin muss aber alles getan werden, um ab dann bis 2050 den weltweiten Ausstoß von Treibhausgasen um achtzig Prozent zu senken. Die notwendigen politischen Weichen müssten allerdings jetzt von den Regierungen getroffen werden. "Dafür bietet der G8-Gipfel in Heiligendamm eine erste Gelegenheit", sagte in Bangkok Gabriela von Goerne, Klimaexpertin von Greenpeace Deutschland. "Die Weichen aber müssen im Dezember auf dem Klimagipfel in Bali gestellt werden." Nicht an Kosten und Technologien zur Eindämmung des Klimawandels also mangelt es – der knappe Faktor heißt Zeit.

Die Mitglieder des Weltklimarates betonten zwar, dass sie lediglich auf Grundlage der verfügbaren wissenschaftlichen Literatur Optionen zur Eindämmung der Klimakatastrophe aufzeigen. Politiker müssten dann aber entscheiden, welche dieser Optionen sie in die Tat umsetzen wollten. Bei der Vorstellung des Reports zeigten die gesetzten Schwerpunkte jedoch, welche Maßnahmen die Forscher für besonders wirksam halten. So machten sie sich für einen weltweiten Handel mit Emissionsrechten für Kohlendioxid stark, da ein Preis von 20 bis 50 Dollar pro Tonne ausreichte, um Investitionen in Technologien mit weit geringeren Emissionen profitabel zu machen.

Unüberhörbar betonten die Experten zudem internationale Zielgrößen und Standards, um den Klimawandel zu dämpfen. So wären auch freiwillige Verpflichtungen in dem Maßnahmenmix berechtigt, doch fest vereinbarte globale Zielgrößen seien unverzichtbar. Eine Botschaft, die Länder wie die USA, Australien oder China nicht gerne hören. Es sind gerade diese verbindlichen Grenzen, aber auch die Ausnahmeregelungen des Kyoto-Protokolls für Entwicklungsländer, weshalb die USA und Australien die Klimakonvention nicht unterschrieben haben.

Erstmalig wird in Politikempfehlungen zudem der Veränderung von Lebensstil und Verhalten das Wort geredet. Schließlich könne jeder Einzelne durch sein Verhalten beitragen, den Ausstoß von Treibhausgasen zu verringern. Gefordert sei neben den Gesellschaften in Industrie- wie Entwicklungsländern und ihrer Wirtschaft der Länder dabei vor allem die Politik. Diese müsse die erforderlichen Rahmenbedingungen festlegen und durch Steueranreize zum ökologischen Umbau ermutigen.

"Die Weichen müssen im Dezember auf dem Klimagipfel in Bali gestellt werden."
(Gabriela von Goerne)
Eine Verantwortung, die manchen missfällt: China als zweitgrößter Emittent von Treibhausgasen nach den USA hatte auf der Konferenz ein weiteres Mal die Buhmann-Rolle inne. Zusammen mit anderen Entwicklungsländern wie Indien haben die Vertreter der Volksrepublik alles versucht hat, den Bericht zu verwässern. Vor allem hätten sie es gerne gesehen, wenn stattdessen der Bericht die westlichen Industriestaaten in Nordamerika und Europa als Verursacher der Klimakrise verurteilt und ihnen deshalb die alleinige Verantwortung für die Lösung des Problems zugewiesen hätte. Sie selbst, so die Chinesen, aber auch andere Schwellenländer wie Indien hätten doch gerade erst die wirtschaftliche Weltbühne betreten und somit keine Schuld am Klimawandel.

Andere übliche Verdächtige wie die Kyoto-Verweigerer USA oder Australien sind in Bangkok zur Überraschung vieler positiv aufgefallen. "Die haben konstruktiv verhandelt", sagt erstaunt Gabriela von Goerner. Aber die Greenpeace-Fachfrau relativiert gleich wieder das Lob. "Hier ging es um Maßnahmen zur Reduzierung der Erwärmung. Das ist politisch weniger brisant. Bei den Verhandlungen zum zweiten Teil des Klimaberichts Anfang April in Brüssel haben die USA noch alles versucht, um jeglichen Hinweis auf die Menschen als Verursacher des Klimawandels aus dem Bericht zu streichen."

Ohne politische Brisanz ist aber auch fast keine der vorgestellten technologischen Lösungsoptionen von effizienterer Energienutzung bis hin zu Bioenergien – und allen voran das Reizthema Kernkraft. Vor allem die USA und auch Kanada haben sich für den Einsatz von Kernkraftwerken stark gemacht, während sich China bei diesem Thema zurückhielt: "Die haben wohl eine Wir-machen-eh-was-wir-wollen Haltung, egal was im Report steht", befürchtet ein Insider aus Europa, der nicht genannt werden will. China möchte allerdings in den nächsten Jahrzehnten dreißig neue AKW bauen. Schließlich halten sich ebenso Indien sowie eine Reihe südostasiatischer Staaten wie Vietnam, Malaysia und Indonesien die atomare Option offen.

"Nach der Junk-Wissenschaft, die lange Zeit den Klimawandel leugnete, ist jetzt diese Junk-Ökonomie für immer vom Tisch."
(Stephan Singer)
Nach den Delegierten sind nun ohnehin die Politiker an der Reihe. Gelegenheiten auf internationaler Ebene bieten sich alleine in diesem Jahr reichlich – demnächst etwa auf dem G8-Gipfel im deutschen Heiligendamm. Richtig ernst wird es aber erst kurz vor Weihnachten auf dem Weltklimagipfel auf Bali: Zur Verhandlung steht dann Kyoto II, der Nachfolgevertrag des Kyoto-Protokolls, für den der jetzt vorgestellte Weltklimabericht die Grundlage bildet. Werden dort die bisherigen Kyoto-Verweigerer wie die USA oder Australien an Bord kommen? Erfüllen sich dann die Beteuerungen von Bangkok, dass die Welt nur gemeinsam handlungsfähig ist, mit Leben? Oder werden viele Länder lieber ihre eigenen Interessen verfolgen? Jedenfalls könne Dank des IPCC-Berichts niemand mehr behaupten, die Eindämmung des Klimawandels sei nicht möglich, schade seiner Volkswirtschaft und koste zu viel, freut sich Singer. "Nach der Junk-Wissenschaft, die lange Zeit den Klimawandel leugnete, ist jetzt diese Junk-Ökonomie für immer vom Tisch."
05.05.2007

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 05.05.2007

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