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Ägypten: Der Kult der geköpften Falken

Archäologen haben in der Hafenstadt Berenike einen Schrein mit kopflosen Falkenskeletten ausgegraben. Offenbar brachte dort vor rund 1600 Jahren ein rätselhaftes Nomadenvolk Opfer dar.
Falkenschrein von Berenike aus der Zeit vom 4. bis 6. Jahrhundert.
In der einstigen Hafenstadt Berenike fand sich ein Kultplatz aus der Zeit vom 4. bis 6. Jahrhundert: Vor dem Altar steht eine Sitzstatue, im Erdreich um den Sockel lagen kopflose Falkenskelette.

Bei Grabungen in der Hafenstadt Berenike am Roten Meer haben Archäologen einen außergewöhnlichen Schrein frei gelegt: In der ungefähr 1600 Jahre alten Kultanlage stießen sie auf Skelette von Falken, die meisten davon ohne Schädel, sowie auf Eierschalen dieser Vögel. Außerdem kam eine Stele mit Götterbildern ans Licht, auf der ein Kultgesetz genannt ist. Wie die Ausgräber um Joan Oller Guzmán von der Universitat Autònoma de Barcelona in der Zeitschrift »American Journal of Archaeology« berichten, handelt es sich vermutlich um einen Kultplatz für den Gott Chons. Offenbar brachten hier die Blemmyer, ein damals halbnomadisch lebendes Volk, Opfer dar.

Der Falkenschrein fand sich in einem als Nordkomplex bezeichneten Bereich von Berenike. Dass die vermutlich religiöse Anlage vom 4. bis 6. Jahrhundert mit den Blemmyern in Verbindung stand, verraten griechische Inschriften, die blemmyische Königsnamen nennen. Bei den Grabungsarbeiten, die bereits 2019 stattfanden, entdeckten die Ausgräber einen Sockel, vor dem eine Statue – ein so sogenannter Würfelhocker – und eine Opferbank standen. Um den Sockel legten sie die Überreste von 15 Falken frei, 13 davon ohne Kopf. Anders als häufig für Ägypten überliefert, waren die Vögel nicht mumifiziert worden.

Stele | Dargestellt sind von links nach rechts eine weibliche Gottheit, ein falkenköpfiger Gott, ein Obelisk sowie ein Kindgott. Ganz rechts steht ein Pharao. Die griechische Inschrift lautet übersetzt: »Es ist ungehörig, hier einen Kopf zu kochen.«

Unweit des Sockels fand sich eine Bildstele mit einer Inschrift. Auf der Platte sind eine Göttin abgebildet, der falkenköpfige Gott Chons neben einem Obelisken sowie der Kindgott Harpokrates. Den Gottheiten steht ein Pharao gegenüber, der ein Opfer darbringt. Unterhalb des Bildfelds steht eine griechische Inschrift: »Es ist ungehörig, hier einen Kopf zu kochen.« Offenbar handelt es sich um ein Kultgesetz, das die Archäologen um Guzmán mit den kopflosen Falken in Verbindung bringen: Vielleicht wurden die Tiere gekocht, aber aus religiösen Gründen ohne Kopf. Anschließend vergrub man die Opfergaben im Boden vor dem Sockel.

Als der Falkenschrein entstand, war die Hafenstadt Berenike schon mehrere Jahrhunderte alt. König Ptolemaios II. Philadelphos (308–246 v. Chr.) hatte sie im zweiten Viertel des 3. Jahrhunderts v. Chr. gegründet und nach seiner Mutter Berenike I. benannt. Während römischer Zeit wickelten die Herrscher über diesen Hafen den Handel gen Arabien, Indien und das Horn von Afrika ab. Ab dem 4. Jahrhundert hatten vermutlich die Blemmyer die Stadt unter ihrer Kontrolle. Das Nomadenvolk kam ursprünglich aus Nubien, das sich im Gebiet des heutigen Südägypten und nördlichen Sudan befand. Ungefähr um die Mitte des 6. Jahrhunderts wurde Berenike verlassen.

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