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Zweistimmiger Gesang: Älteste Aufzeichnung eines mehrstimmigen Musikstücks entdeckt

Ein Musikwissenschaftler ist auf das bislang älteste mehrstimmige Musikstück der Welt gestoßen. Zwei Sänger haben den Mönchsgesang bereits wieder zum Leben erweckt.
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In der British Library ist ein Manuskript aufgetaucht, das das bislang älteste bekannte Beispiel für mehrstimmige Musik enthält. Den Entstehungszeitraum verlegen die Experten auf den Beginn des 10. Jahrhunderts. Damit ist es rund hundert Jahre älter als die bisherigen Altersrekordhalter.

Die ungebräuchliche Notenschrift habe den Entdecker Giovanni Varelli, Student am St. John's College der University of Cambridge, aufmerken lassen, heißt es in einer ausführlichen Mitteilung der Universität, die Fund und Entstehungsgeschichte beschreibt. Bei genauerer Analyse habe Varelli schließlich erkannt, dass an den "Notenhälsen" eine Singstimme niedergeschrieben ist, deren Melodieverlauf der oberhalb des Texts notierten entspricht. Diese Erststimme kombinierte der Schreiber mit der durch die "Notenköpfe" ausgedrückten Begleitstimme.

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Übertragung in moderne Notenschrift | Das Organon besteht aus Erststimme ("vox principalis") und Begelitstimme ("vox organalis"). Es handelt sich um eine Art Refrain in den Gesängen des mönchischen Gottesdiensts.

Bei dem Stück handelt es sich um ein so genanntes Organum, eine damals in der Entstehung befindliche Form des mehrstimmigen Gesangs in Klöstern. Aus zeitgenössischen Quellen ist ein striktes Regelwerk bekannt, nach denen die beiden Stimmen komponiert werden. Doch der unbekannte Verfasser des neuentdeckten Stücks habe sich nur teilweise daran gehalten, erläutert Varelli. Er sei überrascht gewesen, dass schon in der Frühzeit dieses Musikstils mit kreativen Regelverstößen improvisiert wurde.

Gesungen wurde das Stück vermutlich von Mönchen als Teil des Stundengebets. Es ist dem Heiligen Bonifatius, dem "Apostel der Deutschen" gewidmet und in einem Manuskript untergebracht, das das Leben von Maternianus, Bischof von Reims, nacherzählt. Verschiedene Hinweise, darunter die in Latein verfasste Notiz zum Jahrestag des Heiligen, "der am 1. Dezember gefeiert wird" (und nicht wie andernorts am 30. April), deuten auf den Nordwesten Deutschlands als Entstehungsgebiet – möglicherweise im Umkreis von Paderborn und Düsseldorf.

© St John's Website films
So klingt das Musikstück
Quintin Beer (links) and John Clapham (rechts), die am St John's College in Cambridge Musik studieren, tragen das neu entdeckte Musikstück vor.

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