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Stradivari und Co: Älteste Geigen klingen nach Männergesang

Bei Geigen gilt: Sind sie alt und teuer, so klingen sie besonders gut. Aber stimmt das überhaupt? Und was heißt »gut«?
Eine Violine vor schwarzem Hintergrund. Wie sie wohl klingt?

Seit vielen Jahren finden zahlreiche Forschergruppen immer neue, unterschiedliche Ursachen für den exquisiten Wohlklang alter Violinen: Die Musikinstrumente der frühneuzeitlichen Meistergeigenbauer Stradivari, Guaneri oder Amati seien, so eine unvollständige Liste der gesammelten Erkenntnisse, unübertroffen wegen des Klimas, Schimmelbefall des Holzes, einer gegen Schimmelbefall des Holzes schützenden Lackierung oder vielleicht einfach des überragenden Geschicks der Handwerker. Freche Außenseiter haben zudem behauptet, alte Geigen klängen gar nicht besser als moderne. Grund genug für chinesische Wissenschaftler, jetzt für das Fachblatt »PNAS« die Frage endgültig zu klären zu versuchen.

Der Klang der alten Instrumente ist vor allem schmeichelnd menschlich, meinen die Wissenschaftler nun, nachdem sie die Tonaufnahmen von zwei der ältesten noch existierenden Geigen der Welt im Labor analysiert haben: einer 1570 von Andrea Amati gebauten Geige sowie der Gasparo-da-Salo-Violine, die einer der Urväter des Streichinstruments, Gaspar Bertolotti, 1560 in Brescia geschaffen hat. Zum Vergleich testeten die Forscher im Klanglabor auch noch Aufnahmen von sechs Stradivaris und an sieben weiteren alten Violinen aus oberitalienischen Meisterstätten – und verglichen die Klangspektren dann mit den Frequenzbändern, die acht männliche beziehungsweise weibliche Gesangsstimmen hervorbringen. Dabei erkannten die Forschenden erstaunliche Übereinstimmungen: Die beiden ältesten Geigen klingen wie Männergesang – die etwas später gebaute Stradivari-Familie wie singende Frauen.

Dies zeigt sich akustisch-physikalisch in Übereinstimmungen typischer Formanten in Gesang und Geigenklang. Formanten sind besonders verstärkte Frequenzbereiche, die etwa in der menschlichen Sprache charakteristische Teiltöne, die Obertöne, ausmachen: Der Vokaltrakt bildet sie geschlechtstypisch und individuell unterschiedlich, wenn die Schallwellen aus dem Stimmapparat den Resonanzraum von Nase und Rachen durchlaufen. Formaten in der Stimme transportieren dabei womöglich allerlei kommunikative Signale, die von Männern und Frauen unterschiedlich interpretiert werden können. Und sehr alte Geigen könnten einst gebaut worden sein, um männliche Gesangsstimmen klanglich nachzuahmen, spekulieren die chinesischen Forscher jetzt – zumindest wenn alle alten Geigen genauso geklungen haben wie die zwei jetzt untersuchten Exemplare. Die etwas jüngeren Stradivaris dagegen ähneln in puncto Formanten dann übrigens eher einer weiblichen Stimme – vielleicht, wenn nicht reiner Zufall, eine Modeerscheinung, so Hwan-Ching Tai und seine Kollegen aus Taiwan.

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