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Älteste Kunst der Menschheit: Höhlenbild in Indonesien bricht Altersrekord

Die bisher älteste bekannte Felskunst der Welt ziert eine Höhle bei Sulawesi – entstanden vor 67 800 Jahren. Sie verrät auch, wo und wann sich moderne Menschen den Weg nach Australien bahnten.
Eine Person mit Helm und Stirnlampe untersucht eine Höhlenwand. Sie zeigt auf eine Stelle, die von der Lampe beleuchtet wird. Die Umgebung ist dunkel und felsig, mit unregelmäßigen Oberflächen und Schatten. Die Szene vermittelt den Eindruck einer wissenschaftlichen Erkundung oder archäologischen Untersuchung in einer Höhle.
Der Archäologe Adhi Agus Oktaviana entdeckte die uralten Bilder auf der Insel Muna. Hier untersucht er Handnegative in einer Höhle auf Sulawesi.

Fachleute haben in Indonesien die älteste Höhlenkunst der Welt ausfindig gemacht. Es handelt sich um ein kaum sichtbares Handnegativ, das Menschen vor mindestens 67 800 Jahren mit dem Mund an eine Höhlenwand auf der Insel Muna gesprüht hatten. Damit ist es etwa 16 600 Jahre älter als der bisherige Rekordhalter, ein Felsbild, das sich auf der größeren Nachbarinsel Sulawesi befindet. Wie Fachleute um Maxime Aubert von der australischen Griffith University in »Nature« berichten, breche das Handnegativ nicht nur einen Altersrekord, sondern sei auch das älteste archäologische Zeugnis für die Anwesenheit von Homo sapiens in der Region Wallacea. Es liefere zudem neue Hinweise auf die Migrationsroute der ersten modernen Menschen Richtung Australien.

Aubert und sein Team kennen auf Sulawesi inzwischen fast zwei Dutzend Höhlenbilder, die sie in den Zeitraum von vor 52 100 bis vor 17 000 Jahren verorten. Die Malereien zieren Felswände im Karstgebiet Maros-Pangkep auf dem südwestlichen Arm der Insel. Ein Bild ist auch von Borneo bekannt. Seit 2019 richtet die Gruppe ihren Blick auf den Südosten Sulawesis, wo auch die Insel Muna liegt. Elf Motive in Höhlen der Insel datierten die Wissenschaftler mithilfe der Uran-Thorium-Methode, mit der sie bereits seit vielen Jahren arbeiten.

Dafür untersuchen sie die Kalkschichten, die sich im Lauf der Zeit über den Malereien abgelagert haben. In Proben dieser Kalziumkarbonat-Lagen bestimmen sie das Mengenverhältnis eines radioaktiven Uranisotops und von dessen Zerfallsprodukten. Daraus lässt sich das ungefähre Alter der Kalkschichten ableiten, das zugleich ein Mindestalter für die Bilder liefert. Seit 2024 nutzen die Forscher eine präzisere Version ihrer Methode, die es ermöglicht, exakt jene Ablagerungen zu identifizieren, die direkt auf den Darstellungen haften. Damit lässt sich deren Alter noch genauer bestimmen.

Auf diesem Weg erwies sich ein Handnegativ in der Höhle Liang Metanduno auf Muna als verblüffend alt: mindestens 67 800 Jahre. Neben diesem Abdruck überlagern sich zwei weitere verwitterte Motive, die zu unterschiedlichen Zeiten entstanden waren: vor mindestens 60 900 Jahren und vor höchstens 32 800 Jahren. Menschen hatten offenbar im Verlauf von etwa 35 000 Jahren immer wieder die Wände verziert. Und vielleicht noch danach: Das Bild eines Haushuhns könnte nur wenige Jahrtausende alt sein.

Handnegativ | Der 67 800 Jahre alte Handumriss ist fast nicht zu erkennen. Die hellen Fingerkonturen liegen rechts der Farbkarte und sind umgeben von Ocker. Die dunkelbraunen Motive unten und oben rechts sind jünger.

Klauen statt Hände

Bei den Handabdrücken gaben die Eiszeitkünstler die Finger verlängert wieder, wahrscheinlich indem sie beim Sprühen ihre Hand verschoben oder zusätzlich Farbe auftrugen. Die genaue Bedeutung sei zwar bislang unklar, möglicherweise sollte aber eine enge Verbindung von Mensch und Tier symbolisiert werden. »Etwas, das wir vermutlich auch in den sehr frühen Malereien auf Sulawesi sehen«, erklärt Co-Autor Adam Brumm von der Griffith University in einer Pressemitteilung. »Dort gibt es mindestens ein Beispiel für eine Szene mit Figuren, die wir als Darstellungen teils menschlicher, teils tierischer Wesen interpretieren.« So kunstfertig und durchdacht zu arbeiten, dazu seien einzig anatomisch moderne Menschen in der Lage.

Nach Ausweis archäologischer Funde hatte Homo sapiens vor circa 65 000 Jahren australischen Boden betreten. Zuvor muss er durch die Region Wallacea gekommen sein, das Übergangsgebiet der Faunen- und Florengrenze zu Australien. Das neue Handnegativ aus Muna bestärke nun die Ankunft moderner Menschen zu jener Zeit.

Sie überquerten damals die Wallace-Linie, die als tiefer Meeresgraben zwischen den Inseln Sulawesi und Borneo sowie Lombok und Bali verläuft. Welche Route sie dabei wählten, ist bisher archäologisch nicht gesichert. Als am wahrscheinlichsten gilt der Weg über Borneo, doch die Route über Java wäre ebenfalls denkbar. Nun zeigt sich: Die Fundplätze der frühesten Kunstwerke der Menschheit liegen entlang der Borneo-Sulawesi-Route und machen momentan diesen Weg wahrscheinlich.

Das Forscherteam will sich daher weiter auf die Suche nach sehr alter Kunst machen. »Wenn die Menschen von West nach Ost gewandert sind, dann würde es naheliegen, dass sie Borneo vor Sulawesi erreichten, und die Felskunst auf Borneo müsste dann noch älter sein«, erklärt Aubert in einer Pressekonferenz.

Klauen | An einer Höhlenwand auf Sulawesi haben die Forscher ebenfalls Handumrisse entdeckt, die ähnlich gestaltet sind wie der Fund auf Muna. Der Künstler hatte die Finger verlängert dargestellt, vielleicht um sie tierähnlich zu machen.

Homo erectus war schon eher da

Die Höhlenkünstler waren jedoch nicht die ersten Menschen, die den Sprung über die Wallace-Linie gewagt hatten. Steingeräte aus Sulawesi bezeugen, dass vor mindestens 1,04 Millionen Jahren, wenn nicht sogar schon vor 1,48 Millionen Jahren Frühmenschen, wahrscheinlich Homo erectus, auf die Insel gelangt waren.

Ähnlich alte Höhlenkunst, wie sie Aubert und sein Team auf der Insel Muna entdeckt haben, wollen Fachleute bereits in Europa identifiziert haben. Ein Handnegativ in der nordspanischen Höhle Maltravieso datieren sie in eine Zeit von vor 66 700 Jahren. Das Alter, das ebenfalls mithilfe der Uran-Thorium-Methode bestimmt wurde, ist unter Experten allerdings umstritten. Denn sollte es korrekt sein, hätten Neandertaler ihre Handumrisse mit Farbe an die Höhlenwand gepustet. Homo sapiens war damals noch lange nicht auf dem Weg nach Europa.

  • Quellen
Oktaviana, A.A. et al., Nature 10.1038/s41586–025–09968-y, 2026

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