Fehlende Vorstellungskraft : »Wenn ich die Augen schließe, ist da absolut nichts«

Denken Sie an Ihr Frühstück heute Morgen zurück. Sehen Sie noch das Muster auf Ihrer Kaffeetasse vor sich? Die Farbe der Marmelade auf Ihrem halb verspeisten Toast?
Die meisten von uns können solche Bilder in ihren Gedanken heraufbeschwören. Wir können uns Vergangenes vorstellen und Zukünftiges visualisieren. Doch schätzungsweise vier Prozent der Menschen fehlt diese Fähigkeit entweder ganz oder sie ist bei ihnen zumindest stark eingeschränkt. Wenn Forscher sie bitten, sich etwas Vertrautes vorzustellen, haben sie zwar ein grobes Konzept davon, womöglich kommen ihnen auch Worte oder Assoziationen in den Sinn, aber ihr »inneres Auge« beschreiben diese Personen weitgehend als blind.
Dem Neurowissenschaftler Mac Shine von der University of Sydney in Australien fiel erstmals im Jahr 2013 auf, dass sich sein geistiges Erleben von dem anderer Menschen unterscheidet. Gemeinsam mit seinen Kollegen wollte er verstehen, wie bestimmte Arten von Halluzinationen entstehen. Dazu diskutierten sie über die Lebendigkeit von mentalen Bildern.
»Wenn ich die Augen schließe, ist da absolut nichts«, erzählte Shine damals den anderen. Seine Kollegen fragten ihn daraufhin verblüfft, was er damit meine – was Shine wiederum verblüffte. Niemand von ihnen war sich bis zu diesem Moment darüber im Klaren, wie verschieden Menschen die Welt mit geschlossenen Augen offenbar wahrnehmen können.
Viele Personen ohne bildliche Vorstellungskraft berichten von ähnlichen Schlüsselerlebnissen. Wäre das Thema nicht zufällig in einem Gespräch, einem Psychologiekurs oder einem Magazinartikel aufgekommen, hätten sie vermutlich nie geahnt, dass sich ihre Gedankenwelt von der anderer Menschen unterscheidet.
Auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler schenkten dem Thema lange wenig Beachtung. Obwohl sie bereits seit mehr als einem Jahrhundert wissen, dass Menschen sich Dinge unterschiedlich gut vorstellen können, erlebte die Forschung dazu erst um das Jahr 2015 herum einen Aufschwung, als eine einflussreiche Studie den Begriff »Afantasie« für die fehlende bildliche Vorstellungskraft prägte. Seitdem zählt Afantasie zu jenen ungewöhnlichen Wahrnehmungsphänomenen wie Synästhesie oder Gesichtsblindheit, die Fachleuten wertvolle Einblicke in die Arbeitsweise des menschlichen Geistes ermöglichen.
In frühen Studien zur Afantasie konzentrierten sich Forscher vor allem darauf, das Phänomen zu beschreiben und zu erfassen, wie es das Verhalten der betreffenden Personen beeinflusst. Inzwischen wollen sie jedoch zunehmend wissen, wie sich das Gehirn von Menschen mit und ohne Afantasie unterscheidet. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen haben mittlerweile eine lebhafte Diskussion darüber entfacht, wie mentale Bilder in unserem Kopf entstehen, welchen Zweck sie erfüllen und was sie vielleicht sogar über das Bewusstsein verraten. Sich Dinge vorzustellen gilt in der Regel als bewusster Prozess. Umso euphorischer versuchen manche nun anhand der Afantasie herauszufinden, ob es auch so etwas wie eine unbewusste Form unserer Vorstellungskraft gibt.
Ein rätselhafter Patient
Der Neurologe Adam Zeman von den Universitäten in Edinburgh und Exeter begann 2003, sich mit der Afantasie zu beschäftigen. Damals traf er einen Mann, der berichtete, dass ihm seine bildliche Vorstellungskraft nach einem minimalinvasiven Eingriff am Herzen abhandengekommen sei, obwohl sein Sehvermögen unverändert blieb. Hirnscans zufolge reagierte sein Gehirn beim Betrachten von bekannten Gesichtern normal. Sollte er sich die Gesichter allerdings nur vorstellen, wichen die neuronalen Aktivitätsmuster deutlich von denen der Kontrollpersonen ab.
Nachdem Zeman 2010 eine Fallstudie über den Patienten veröffentlicht hatte, meldeten sich mehr als 20 Personen bei ihm, die angaben, noch nie in ihrem Leben dazu in der Lage gewesen zu sein, sich etwas bildlich vorzustellen. Der Neurologe untersuchte auch diese Menschen und führte 2015 für das Phänomen schließlich den Begriff »Afantasie« ein.
»Ich hatte nicht erwartet, dass das Thema so explodiert«Adam Zeman, Neurologe
Als die »New York Times« wenig später über seine Arbeit berichtete, ertrank Zeman förmlich in Zuschriften: Mehr als 20 000 Menschen nahmen aufgrund des Artikels Kontakt zu ihm auf, um ihm von ihrem eigenen Vorstellungsvermögen zu berichten. »Ich hatte nicht erwartet, dass das Thema so explodiert«, sagt Zeman. »Wenn man davon ausgeht, ein seltenes neuropsychologisches Phänomen zu untersuchen, und ein halbes Dutzend Leute meldet sich, ist das schon viel.«
Inzwischen zeigen Studien, wie unterschiedlich Afantasie ausgeprägt sein kann. Einigen Betroffenen fehlt nicht nur das innere Auge, sie können sich auch keine anderen Sinneseindrücke vorstellen, etwa Geräusche. Manche berichten, dass ihnen zumindest beim Träumen Bilder erscheinen, andere nicht. Zudem scheint Afantasie eine erbliche Komponente zu haben: Die Wahrscheinlichkeit, sich Dinge nicht bildlich vorstellen zu können, steigt um das Zehnfache, wenn ein Geschwisterteil betroffen ist. Und Menschen in naturwissenschaftlichen und technischen Berufen sind tendenziell häufiger von Afantasie betroffen als Künstler.
Messen, was man nicht sieht
Viele Untersuchungen zur Vorstellungskraft basieren auf den Selbstauskünften der Teilnehmenden. Doch dadurch lässt sich nur schwer feststellen, ob Menschen Dinge wirklich unterschiedlich wahrnehmen oder ob sie ähnliche Erfahrungen einfach lediglich anders beschreiben oder einordnen. Einige Forscherinnen und Forscher haben es sich deshalb zur Aufgabe gemacht, objektivere Messmethoden zu finden.
Der Neurowissenschaftler Joel Pearson von der University of New South Wales hat eine Methode entwickelt, die auf dem Phänomen der binokularen Rivalität beruht: Zeigt man beiden Augen gleichzeitig unterschiedliche Bilder – etwa grüne Linien links und rote Linien rechts –, wechselt die Wahrnehmung zwischen ihnen hin und her, anstatt sie miteinander zu vermischen. Pearson fragte sich daraufhin, was wohl passiert, wenn man sich vor dem Test eines der beiden Bilder gezielt vorstellt. Dabei entdeckte er, dass dann das Bild, das man sich zuvor vorgestellt hat, beim Test dominiert – es sei denn, jemand verfügt über keine bildliche Vorstellungskraft.
Andere Methoden messen etwa die emotionale Reaktion auf gruselige Geschichten oder erfassen, wie stark sich die Pupillen verengen, wenn sich jemand eine helle Lichtquelle vorstellt. Beides zeigt an, wie lebhaft eine Person Dinge vor ihrem inneren Auge sichtbar machen kann.
»Ich mache Sport, kann Hirndiagramme zeichnen. Aber wenn ich versuche, mir einen lila Dinosaurier vorzustellen, der auf einem Hüpfball jongliert, sehe ich nichts«Mac Shine, Neurowissenschaftler mit Afantasie
Nach mehr als zehn Jahren Forschung sind Fachleute davon überzeugt, dass es sich bei der Afantasie um ein reales Phänomen handelt. Was ihnen bis heute Rätsel aufgibt, ist allerdings die Tatsache, wie wenig Afantasie das Verhalten zu beeinflussen scheint. Viele Aufgaben, von denen man annimmt, dass sie auf der Fähigkeit beruhen, Dinge im Geist zu visualisieren, bereiten den Betroffenen keine Schwierigkeiten. Diese Personen schneiden in Gedächtnistests ähnlich gut ab wie Menschen ohne Afantasie und können auch beurteilen, ob zwei Gegenstände, die aus unterschiedlichen Perspektiven gezeigt werden, identisch sind.
»Ich mache Sport, kann Hirndiagramme zeichnen – was immer Sie wollen«, erzählt Shine. »Aber wenn ich versuche, mir einen lila Dinosaurier vorzustellen, der auf einem Hüpfball jongliert, sehe ich nichts.« Wie ein Gehirn in so vielen Bereichen normal funktionieren kann, während genau diese eine Fähigkeit fehlt, ist für ihn ein Mysterium.
Wenn mentale Bilder unbewusst bleiben
Als Wissenschaftler begannen, sich das Gehirn von Menschen mit Afantasie genauer anzusehen, erwarteten sie, Unterschiede im visuellen Kortex zu finden – jenem Bereich, der für die Verarbeitung von Gesehenem zuständig ist und der ebenfalls aktiv wird, wenn sich Menschen Dinge bildlich vorstellen. Ursprünglich gingen sie davon aus, dass der Sehprozess quasi rückwärts abläuft, wenn wir uns Dinge vorstellen: Dabei senden übergeordnete Hirnbereiche Signale an frühe visuelle Verarbeitungsstationen, was schließlich ein bewusstes Bild erzeugt.
Studien deuten jedoch darauf hin, dass Menschen mit Afantasie den visuellen Kortex auf ähnliche Weise aktivieren wie Kontrollpersonen, wenn sie versuchen, sich etwas vorzustellen. Einige Forscher vermuten deshalb, dass das Areal zwar ganz normal Repräsentationen von visuellen Eindrücken bildet, diese aber aus irgendeinem Grund nicht in das Bewusstsein der betreffenden Personen dringen.
Während ihrer Promotion untersuchte die kognitive Neurowissenschaftlerin Giulia Cabbai vom University College London, wie die Aktivität im visuellen Kortex mit der Vorstellungskraft zusammenhängt. Cabbais eigenes Vorstellungsvermögen ist extrem lebhaft – ein Phänomen, das auch als Hyperfantasie bezeichnet wird. In ihrer Arbeit wollte sie herausfinden, ob sensorische Repräsentationen im visuellen Kortex immer mit bewussten Bildern verbunden sind.
Dazu untersuchte sie gemeinsam mit ihren Kollegen die Gehirne von Menschen mit und ohne Afantasie, während diese im Hirnscanner lagen und Geräusche hörten, die spontan Bilder der Geräuschquelle in den Köpfen der Teilnehmer auslösen sollten. Ein Bellen könnte etwa im primären visuellen Kortex die Repräsentation eines Hundes hervorrufen. Im Anschluss fütterten sie einen Algorithmus mit den Aktivitätsmustern der Teilnehmer, um zu sehen, ob dieser auf Basis der Hirnaktivität die Quelle des Geräusches vorhersagen konnte.
Dabei entdeckten sie, dass ein Bellen bei beiden Gruppen die Repräsentation eines Hundes im visuellen Kortex auslöste. Doch Probanden mit Afantasie berichteten, keinen Hund vor ihrem inneren Auge zu sehen. Die Forscher werteten das als Hinweis darauf, dass sensorische Repräsentationen offenbar unbewusst bleiben können und allein nicht ausreichen, um gedankliche Bilder hervorzurufen.
In einer anderen Version des Versuchs bat das Team die Probanden, sich die Quelle des Geräusches aktiv vorzustellen. In diesem Fall gelang es dem Algorithmus nicht mehr, aus der Hirnaktivität der Versuchspersonen mit Afantasie herauszulesen, was sie versucht hatten, sich vorzustellen. Cabbai vermutet deshalb, dass bei Menschen mit Afantasie gleich zwei Probleme zusammenkommen: Sie können gedankliche Bilder weder bewusst wahrnehmen noch aktiv heraufbeschwören.
Pearsons Gruppe fand Anhaltspunkte dafür, dass Menschen mit Afantasie zwar Repräsentationen im visuellen Kortex bilden, wenn sie versuchen, sich etwas vorzustellen. Die visuellen Repräsentationen unterscheiden sich aber subtil von denen jener Menschen, die keine Schwierigkeiten mit der bildlichen Vorstellungskraft haben. In einer Studie aus dem Jahr 2025 untersuchten die Forscher Probanden, während diese sich Streifenmuster ansahen oder vorstellen sollten. Dabei entdeckten sie, dass sich die Repräsentationen im visuellen Kortex von Personen mit Afantasie während des Betrachtens und Vorstellens unterschieden. So waren die Repräsentationen beim Versuch, sich die Muster bildlich vorzustellen, zwar vorhanden, aber schwächer oder verändert, berichtet Pearson.
Anderen Untersuchungen zufolge könnte eine veränderte Vernetzung zwischen Hirnregionen eine zentrale Rolle bei Afantasie spielen. Das passt zu führenden Bewusstseinstheorien, die Vernetzung als eine Schlüsselkomponente des Bewusstseins betrachten. Möglicherweise kommunizieren visuelle Hirnareale und nachgeschaltete Regionen bei Menschen mit Afantasie nicht auf eine Weise miteinander, die eine bewusste Wahrnehmung von mentalen Bildern erlaubt.
Am Paris Brain Institute beobachtete 2025 ein Team um Jianghao Liu mittels hochauflösender funktioneller Magnetresonanztomografie (fMRT) Personen mit Afantasie bei dem Versuch, sich Tiere, Gesichter oder französische Wörter vorzustellen. Dabei kommunizierte eine Region namens »fusiform imagery node«, die an der Verarbeitung von visuellen Informationen beteiligt ist, weniger stark mit Arealen an der Stirnseite, die aktiv werden, wenn wir uns Dinge vorstellen. Liu geht daher davon aus, dass unser bewusstes Vorstellungsvermögen die Integration und Verstärkung von unterschwelligen visuellen Repräsentationen in der Sehrinde erfordert.
Letztlich mag es verschiedene Muster in der Hirnaktivität geben, die zu einem fehlenden Vorstellungsvermögen beitragen. Das würde auch erklären, warum sich Afantasie unterschiedlich manifestieren kann.
Keine Störung – vielleicht sogar ein Vorteil
Obwohl Afantasie keinen großen Einfluss auf das Leben der betreffenden Menschen zu haben scheint, zeigen Studien, dass das Phänomen autobiografische Erinnerungen weniger lebendig macht. Personen mit Afantasie erinnerten sich an weniger Details aus ihrer Vergangenheit und könnten Momente schlechter noch einmal in ihrer Erinnerung durchleben, erklärt Zeman.
Die kognitive Neurowissenschaftlerin Wilma Bainbridge von der University of Chicago in Illinois betont, wie eng mentale Bilder mit unserem Gedächtnis verknüpft sind. Selbst die Fähigkeit, sich Dinge in der Zukunft vorzustellen, beruht wahrscheinlich auf unserem Erinnerungsvermögen.
In einer 2021 veröffentlichten Studie baten die Forscherin und ihre Kollegen Probanden mit und ohne Afantasie, eine Szene zu betrachten und sie anschließend aus dem Gedächtnis zu zeichnen (siehe »Das Unsichtbare sichtbar machen«). »Menschen mit Afantasie zeichneten weniger Objekte und Details. Sie verbrachten weniger Zeit damit, die Dinge zu zeichnen, und nutzten weniger Farbe«, berichtet Bainbridge.
Anhand von Zeichnungen untersuchten Fachleute, wie sich Menschen mit und ohne Afantasie hinsichtlich ihrer bildlichen Vorstellungskraft voneinander unterscheiden. Einmal wurden die Versuchspersonen gebeten, ein Bild abzuzeichnen, einmal sollten sie es aus dem Gedächtnis nachmalen.
In anderen Aspekten unterschieden sie sich hingegen kaum von Menschen mit einem typischen Vorstellungsvermögen. So konnten sie ebenso gut die räumliche Anordnung von Objekten wiedergeben und die Bilder später wiedererkennen. Insgesamt enthielten ihre Zeichnungen mehr Text, was darauf hindeutet, dass Menschen mit Afantasie ihre Erinnerungen durch Sprache stützen.
Xiaonan Li, Masterstudentin in Bainbridges Labor, fiel zum ersten Mal im Psychologieunterricht in der Oberstufe auf, dass sie über ein schwaches bildliches Vorstellungsvermögen verfügt. »Für mich ist das okay. Ich habe kein Defizit«, sagt sie. Und auch viele andere Forscher betrachten Afantasie nicht als Störung, sondern vielmehr als faszinierende Variation menschlicher Wahrnehmung.
Dennoch interessiert sich Li dafür, wie Menschen mit Afantasie ihre fehlende Vorstellungskraft im Alltag kompensieren. Wie erkennen sie etwa Gesichter wieder, ohne sie vor Augen zu haben? Und lässt sich unsere Vorstellungskraft womöglich trainieren?
Andere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wollen herausfinden, inwiefern lebhafte gedankliche Bilder mit Halluzinationen bei Schizophrenie oder Parkinson in Verbindung stehen oder mit visuellen Eindrücken bei einer posttraumatischen Belastungsstörung. Womöglich wirke Afantasie in solchen Fällen sogar schützend, erklärt Zeman.
Auch Mac Shine erkennt in den vermeintlich negativen Aspekten der Afantasie durchaus Vorteile. So fühlt sich der Neurowissenschaftler beim Reisen zum Beispiel weniger einsam, weil er nicht die ganze Zeit über die Gesichter von Familienmitgliedern im Kopf hat. »Ich grüble nicht darüber nach«, erzählt er. »Ich kann Dinge einfach aus meinem Geist verbannen.«
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