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Infektionskrankheiten: Affenpocken in Deutschland nachgewiesen

Nach Großbritannien sind nun auch unter anderem Deutschland, Frankreich und Australien betroffen. Hinter dem Ausbruch könnte eine neue Virusvariante stecken. Aber auch andere Erklärungen sind möglich, denn das Virus verändert sich nur langsam.
Hautgewebe eines mit Affenpocken infizierten Affen
Hautgewebe eines mit Affenpocken infizierten Affen. Die Pockenviren selbst sind im Bild nicht zu erkennen.

Erstmals ist auch in Deutschland ein Fall von Affenpocken bestätigt worden. Das Virus sei am Donnerstag, dem 19. Mai 2022, bei einem Patienten nachgewiesen worden, berichtete das Institut für Mikrobiologie am Freitag in München. Die betroffene Person habe charakteristische Hautveränderungen gehabt.

»Es war nur eine Frage der Zeit, bis Affenpocken auch in Deutschland nachgewiesen werden«, teilte Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach zu dem Fall mit. Durch die Meldungen aus anderen Ländern seien Ärzte und Patienten in Deutschland sensibilisiert. »Auf Grund der bisher vorliegenden Erkenntnisse gehen wir davon aus, dass das Virus nicht so leicht übertragbar ist und dass dieser Ausbruch eingegrenzt werden kann.« Dafür sei aber schnelles Handeln nötig. »Wir werden jetzt das Virus genauer analysieren und prüfen, ob es sich um eine ansteckendere Variante handelt.«

Das Virus mutiert sehr langsam

Davon nämlich hängt ab, wie schwierig es wird, den Ausbruch einzudämmen. Wie wahrscheinlich es ist, dass das neue Ausbreitungsmuster eine neue Variante anzeigt, ist bisher unklar. Einerseits verändern sich Affenpocken sehr langsam. Sie sind komplexe und genetisch stabile DNA-Viren, ihre Mutationsrate liegt im Bereich von einer pro Million Basenpaaren und Jahr – hundert- bis tausendfach weniger als RNA-Viren wie zum Beispiel Influenza oder Sars-CoV-2.

Andererseits warnten Fachleute schon 2014, dass das Erbgut des Virus Zeichen von Anpassungen an den Menschen zeigte. Außerdem haben Pockenviren einen Trick im Ärmel, durch den sie die geringere Mutationsrate zum Teil umgehen können: Sie vervielfachen einzelne Gene, die zum Beispiel Immunmechanismen hemmen, und verändern so ihre Eigenschaften ohne rare Mutationen.

Bisher deutet allerdings mehr darauf hin, dass es eher äußere Umstände sind, die eine Verbreitung der Affenpocken begünstigt haben – darunter die Corona-Pandemie. Möglicherweise führt eine Kombination aus nachlassendem Impfschutz gegen die Pocken in der Bevölkerung, steigender Verbreitung des Virus in seinem Ursprungsgebiet und höherer internationaler Reisetätigkeit dazu, dass das Virus häufiger nach Europa gelangt.

Solche Fälle könnten durch die während der Pandemie verschlechterten Überwachung diverser Infektionskrankheiten und den schlechteren Zugang zu medizinischer Versorgung zuerst nicht aufgefallen sein. Die relativ lange Inkubationszeit der Krankheit könnte die Entdeckung ebenfalls verzögert haben, so dass sich mehr Leute anstecken konnten.

Auf diesem Szenario basiert ebenso die Annahme vieler Fachleute, dass die Gefahr für die Gesamtbevölkerung gering ist. Bisherige Erfahrungen mit Affenpocken zeigen, dass sie sich nur schwer von Mensch zu Mensch verbreiten und sich Ausbrüche deswegen meist totlaufen. In diesem Fall dürfte sich der Ausbruch relativ einfach eindämmen lassen. Vor einem wenig ansteckenden Virus kann man sich recht einfach schützen, und die lange Inkubationszeit macht es leichter, Kontakte zu finden und zu isolieren, bevor sie das Virus weitergeben.

Nun werden zwar Schlag auf Schlag neue Fälle gemeldet: Jedoch liegt dies vermutlich nicht daran, dass sich das Virus so schnell ausbreitet – sondern an der gestiegenen Aufmerksamkeit. Nachdem vergangene Woche zunächst eine Häufung von Fällen in Großbritannien beobachtet worden war, haben inzwischen unter anderem auch Portugal, Spanien, Italien, Schweden, Belgien, die USA und Kanada Fälle von Affenpocken aufgespürt. Am 20. Mai meldete Frankreich ebenfalls einen ersten Fall, zudem wurde das Virus in Australien und damit einer weiteren Weltregion entdeckt.

Wie weit sich das Virus bereits verbreitet hat, ist unklar

Die Krankheit trägt den Namen Affenpocken, nachdem der Erreger 1958 erstmals bei Affen in einem dänischen Labor nachgewiesen wurde. Fachleute vermuten, dass das Virus eigentlich in Hörnchen und Nagetieren zirkuliert, Affen und Menschen gelten als Fehlwirte, die keine besonders effiziente Verbreitung ermöglichen. Bislang konnten Forscherinnen und Forscher Affenpocken nur in vier Ländern außerhalb Afrikas nachweisen: in Großbritannien, den USA, Israel und Singapur. Die Betroffenen hatten sich dabei jedes Mal in Verbindung mit Afrikareisen angesteckt. Dass in Europa Infektionsketten auftreten, die sich nicht mehr nach Afrika zurückverfolgen lassen, ist hingegen neu.

In welchem Umfang sich der Erreger bereits international verbreitet hat, ist noch offen. Gesundheitsbehörden zufolge verursacht das Virus meist nur milde Symptome, kann aber auch schwere Verläufe nach sich ziehen. Erkrankte entwickeln häufig Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen und fühlen sich müde. Anschließend treten die pockentypischen Pusteln und Bläschen auf der Haut auf. Zumindest in Großbritannien haben sich nach aktuellem Kenntnisstand alle inzwischen 20 Betroffenen mit der westafrikanischen Variante angesteckt, die oft ohne Behandlung wieder von alleine ausheilt.

Der Mediziner Norbert Brockmeyer geht bei der Vielzahl von Fällen in westlichen Ländern davon aus, dass das Virus schon seit einer Weile unbemerkt im Umlauf war. Durch die gestiegene Aufmerksamkeit sei mit vermehrten Nachweisen zu rechnen, sagte der Präsident der Deutschen STI-Gesellschaft der Deutschen Presse-Agentur. STI steht für sexuell übertragbare Infektionen.

In Frankreich ist Behördenangaben zufolge ein 29-Jähriger im Großraum Paris betroffen, der zuvor nicht in ein Land gereist war, in dem das Virus zirkuliert. Kontaktpersonen würden ermittelt und bekämen Verhaltensregeln genannt, um eine Weiterverbreitung des Virus zu verhindern, hieß es. In Australien wurde der Erreger bei einem etwa 30 Jahre alten Mann bestätigt, der kürzlich aus Großbritannien zurückgekehrt war, wie es von der zuständigen Gesundheitsbehörde hieß. Er befinde sich in einem Krankenhaus in Isolation, seine Kontakte würden nun ermittelt.

Die Mensch-zu-Mensch-Übertragung erfolgt etwa über engen Körperkontakt

Am stärksten gefährdet für eine Ansteckung sind Brockmeyer zufolge Menschen, die sexuelle Kontakte zu vielen verschiedenen Menschen haben. Das Virus könne aber grundsätzlich auch bereits bei engem Körperkontakt übertragen werden, insofern hält der Mediziner auch in der Allgemeinbevölkerung Vorsicht für ratsam. Weitere Übertragungswege sind Tröpfchen in der Atemluft und kontaminierte Oberflächen. Anlass zu großer Sorge gebe es aber nicht. »Die Affenpocken werden gut kontrollierbar sein.«

Von wissenschaftlicher Seite gelte es zu prüfen, wie infektiös das kursierende Virus sei und ob es sich um eine mutierte, ansteckendere Variante handle, sagte Brockmeyer. Eigentlich kommt die Übertragung von Mensch zu Mensch bei der Krankheit eher selten vor. Meist stecken sich Menschen durch den Kontakt zu erkrankten Tieren an.

»Es ist leider so, dass wir in Deutschland eine Riesenpopulation haben, die nicht gegen Pocken geimpft worden ist – insbesondere im sexuell aktiven Alter«, erklärt Brockmeyer. Das Potenzial an Infektionen durch den Erreger sei damit deutlich größer als etwa noch vor 20 Jahren. Je nach weiterer Entwicklung müsse man Pockenimpfungen in Erwägung ziehen. Die Pocken gelten seit 1980 als weltweit ausgerottet, seither wird nicht mehr dagegen geimpft. Prinzipiell wäre ein wohl gut wirkender Impfstoff aber verfügbar. (dam/lfi)

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