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News: Aggressiver Brustkrebs

60 Prozent aller an Brustkrebs Erkrankten haben Glück im Unglück: Ihr Tumor lässt sich hormonell behandeln. Bei den anderen Patientinnen können die Medikamente nicht wirken, da eine zu kurz geratene Proteinvariante dem essentiellen Östrogenrezeptor den Eintritt in den Zellkern verwehrt.
Brustkrebs ist weltweit die häufigste Krebserkrankung bei Frauen. Trotz stetiger Fortschritte bei der Behandlung werden dennoch allein in Deutschland jährlich 46 000 Frauen mit dieser Diagnose konfrontiert. Damit ist Brustkrebs in der Altersklasse der 40- bis 50-Jährigen mit
18 000 Opfern pro Jahr die zweithäufigste Todesursache. Erschreckende Zahlen, besonders, da behandelbare Tumoren quasi über Nacht nicht mehr auf die Medikamente ansprechen. Ärzten und Patientinnen bleibt dann nur noch die Hoffnung, zumindest das Voranschreiten der Krankheit zu verlangsamen.

Aber warum widerstehen manche Brustkrebszellen plötzlich dem medikamentösen Angriff? Der an der University of Texas tätige Zellbiologe Rakesh Kumar scheint diese Frage nun entschlüsselt zu haben. Während er und seine Kollegen das so genannte metastatische Tumor Antigen 1 (MTA1) untersuchten, dessen Proteinprodukt Brusttumoren in überaus aggressive Formen umwandelt, fiel ihnen eine eigentümliche Variante des MAT1-Proteins in die Hände.

Bei ihrem Fund handelte es sich um dessen verkürzte Version, die jedoch trotz scheinbarer Unvollständigkeit dennoch verhängnisvoll in Aktion treten kann. Denn während die lange Variante im Zellkern mit dem Östrogenrezeptor interagiert, fängt das kleinere Geschwister den Rezeptor vorzeitig im Cytoplasma ab und verhindert so dessen Eintritt in den Zellkern. Hier signalisiert das an den Rezeptor gebundene weibliche Geschlechtshormon Östrogen normalerweise der Krebszelle, dass sie sich teilen soll – ein Befehl, der durch Östrogen hemmende Medikamente wie Tamoxifen erfolgreich unterbunden werden kann. Resultat: Das Krebswachstum stagniert.

Hält die kurze Proteinvariante den Rezeptor jedoch im Cytoplasma gefangen, erscheint der Tumor nach außen hin vermeintlich rezeptorlos und damit unempfindlich für entsprechende Medikamente. Auf den ersten Blick sollte der angebliche Verlust eigentlich von Vorteil sein, denn ohne bindungsfähigen Hormonrezeptor sollte auch der Zellteilungsbefehl des Östrogens ins Leere schlagen. Somit wäre dem Tumorwachstum auf natürlichem Wege Einhalt geboten.

Doch die ernüchternde Nachricht folgte auf dem Fuße, denn der von der kurzen Form des MAT1-Proteins entführte Östrogenrezeptor ist trotzdem aktiv. Ähnlich wie beim Spiel "Stille Post" gibt er einfach seine Nachricht an bestimmte Boten des zellulären Signalübermittlungssystems weiter, die letzendlich den Befehl in den Zellkern tragen. Damit wäre das Ziel des Rezeptors erreicht, doch Medikamente wie Tamoxifen können diesen schicksalhaften "Schleichweg" nicht blockieren. Der Tumor hat sich somit von einer recht gut behandelbaren Form in ein sehr aggressives Geschwür verwandelt.

Die Annahme von Kumar, dass das kurze MAT1 für diese Verwandlung verantwortlich ist, wird durch das Ergebnis einer Untersuchung an insgesamt 31 Patientinnen gestärkt. Frauen, die dabei mit Hilfe konventioneller Diagnosemethoden als Östrogen-rezeptorlos eingestuft wurden, enthielten die kurze Variante des MAT1-Proteins in vierfach höherer Menge im Cytoplasma ihrer Krebszellen als ihre Östrogen-rezeptorhaltigen Leidensgenossinen.

Doch die Forscher hoffen, diesen fatalen Prozess umkehren zu können. Durch einen Trick gelang es ihnen in kultivierten Zellen bereits, dem verkürzten Protein die Fähigkeit zu nehmen, am Östrogenrezeptor zu binden. Danach wanderte der Rezeptor an seinen ihm angestammten Platz im Zellkern und war so wieder empfindlich für die Behandlung mit Tamoxifen.

"Das Ergebnis zeigt, dass es möglich sein könnte, die Antwortfähigkeit des Rezeptors in Brustkrebszellen wiederherzustellen", sagt Kumar. "Wir haben zwar nur einen der Mechanismen gefunden, die den Rezeptor im Cytoplasma zurückhalten, doch mit Hilfe kleiner Moleküle könnten wir dagegen angehen."

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