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Spionage-Vorwurf: Medizinforscher droht Hinrichtung im Iran

Weil er spioniert haben soll, verurteilte ein Gericht im Iran den Forscher Ahmadreza Djalali zum Tod. Er bestreitet den Vorwurf bis heute. Doch nun droht die Hinrichtung. Nobelpreisträger, Wissenschaftsorganisationen und Länder fordern die Freilassung.
Am 28. November haben Amnesty International und Tadicali Italiani einen Sitzstreik organisiert, um den iranisch-schwedischen Arzt AhmadReza Djalali vor der Todesstrafe zu bewahren.

Ahmadreza Djalali ist Experte für Notfallmedizin, besitzt eine iranisch-schwedische doppelte Staatsangehörigkeit und ist seit 2016 im Evin-Gefängnis in Teheran inhaftiert. Nach einer Woche Einzelhaft ist nach Angaben des Magazins »Nature« zu erwarten, dass er am 1. Dezember in das Rajai-Shahr-Gefängnis westlich von Teheran verlegt wird. Dort könnte man ihn hinrichten.

Das geht aus einem Schreiben vom 24. November hervor, das den Namen von Mohammad Barae trägt. Er gilt als Richter im iranischen Rechtssystem. Zudem hat Vida Mehrannia, Djalalis Ehefrau, »Nature« mitgeteilt, dass sie am 25. November einen Telefonanruf von ihrem Mann erhalten habe, in dem er sagte, dass er in Einzelhaft sei und dann in ein anderes Gefängnis verlegt werde, um hingerichtet zu werden.

»Dieser Brief scheint ein Gerichtsbeschluss eines Richters zu sein, der erklärt, dass das Todesurteil vollstreckt werden soll«, sagt Ziba Mir-Hosseini, Expertin für iranisches Recht an der SOAS University of London. Mahmood Amiry-Moghaddam, ein iranisch-norwegischer Neurowissenschaftler, der die NGO Iran Human Rights mit Sitz in Oslo leitet, bestätigt, dass die Lage Djalalis sehr ernst ist.

Der Fall »Djalali« sorgt für internationale Spannungen

Das schwedische Außenministerium und internationale Beobachter drängen auf eine Begnadigung Djalalis. Eine Sprecherin der schwedischen Außenministerin Ann Linde sagt, ihr Land verlange, dass die Todesstrafe nicht vollstreckt werde. Wahrscheinlich führen die beiden Länder Gespräche über den Fall.

In einer von der BBC veröffentlichten Erklärung sagt die iranische Regierung jedoch, dass Medienberichte über den Fall falsch seien. Sie warnt die Länder davor, sich in ein ihrer Meinung nach unabhängiges Gerichtsverfahren einzumischen.

»Nature« bat darum, mit den iranischen Justiz- und Außenministerien zu sprechen, aber E-Mails und Anrufe wurden nicht beantwortet.

Djalali, der für das Karolinska-Institut in Stockholm gearbeitet hat, wurde 2016 bei einer Forschungsreise in den Iran verhaftet. Er wurde der Spionage angeklagt und im folgenden Jahr vom Islamischen Revolutionsgericht zum Tod verurteilt. Das Gremium verhandelt Fälle von Personen, die als Bedrohung der nationalen Sicherheit gelten. Der Fall ging an das Oberste Gericht, Irans höchstes Berufungsgericht, aber die Richter lehnten es ab, das Todesurteil zu ändern.

»Der Angriff auf Ahmadreza Djalali ist ein Angriff auf die gesamte akademische Gemeinschaft. Er wird einen abschreckenden Effekt auf die internationale Zusammenarbeit und das Vertrauen haben«
(Ole Petter Ottersen, Karolinska-Präsident)

Die Staatsanwaltschaft behauptet, Djalali habe akademische Positionen, Forschungsprojekte und Gelder in Europa im Austausch gegen die Bespitzelung des Irans für Israel erhalten – einen Vorwurf, den er stets bestritten hat. In einem ihm zugeschriebenen Dokument heißt es, dass er im Gefängnis gefoltert wurde und dass er glaubt, er werde bestraft, weil er einen Antrag der iranischen Regierung, Europa auszuspionieren, abgelehnt hat. Außerdem soll er sich aus Protest in einen Hungerstreik begeben haben.

Kann ein Gefangenenaustausch den Forscher noch retten?

153 Nobelpreisträger setzen sich in einer Kampagne für Djalali ein (PDF). Als Reaktion auf die jüngsten Entwicklungen drängte die Gruppe Irans Staatsoberhaupt Ayatollah Ali Khamenei, den Forscher freizulassen. Die Justiz untersteht Khamenei. Auch die Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen fordert vehement die Freilassung. Sie schloss sich damit dem am Donnerstag veröffentlichten offenen Brief des Präsidenten der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) an den obersten Führer des Iran an.

»Der Angriff auf Ahmadreza Djalali ist ein Angriff auf die gesamte akademische Gemeinschaft. Er wird einen abschreckenden Effekt auf die internationale Zusammenarbeit und das Vertrauen haben«, sagt Karolinska-Präsident Ole Petter Ottersen. Einige Beobachter sagen, es bestehe die Möglichkeit, dass Djalali verschont werden könnte, wenn Schwedens Regierung sich bereit erklärt, über einen Gefangenenaustausch zu sprechen, wie es andere Länder tun.

Vergangene Woche ließ der Iran beispielsweise Kylie Moore-Gilbert frei, eine Forscherin für Islamwissenschaft an der University of Melbourne in Australien. Sie war im September 2018 nach der Teilnahme an einer akademischen Konferenz verhaftet worden. Medienberichten zufolge wurde Moore-Gilbert im Austausch gegen drei iranische Staatsbürger, die in Thailand inhaftiert waren, freigelassen.

Im März 2020 wiederum ließ die französische Regierung Jalal Rohollahnejad, einen iranischen Ingenieur, frei, der dem Wuhan National Laboratory of Electronics in China angehört. Dafür durfte der französische Soziologe Roland Marchal von der Université Paris Sciences Po den Iran verlassen. Und im Dezember 2019 setzten die Vereinigten Staaten den iranischen Biologen Masoud Soleimani auf freien Fuß, um im Gegenzug die Freilassung von Xiyue Wang, einem im Iran inhaftierten US-Historiker, zu bewirken.

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