SS-Ahnenerbe: Wie die Nazis den falschen Heinrich verehrten

»Zehntausende waren nach Quedlinburg gezogen, um teilzunehmen an der Gedenkstunde, die im Dom und in der Heinrichskrypta von der SS veranstaltet wurde … Der Dom zeigte sich, nachdem das Gestühl aus ihm entfernt worden ist, in seiner echt deutschen Monumentalität … Am Donnerstagmittag traf der Reichsführer SS Himmler, mit den Ehrengästen, von der Wigbertkrypta kommend, ein und schritt die Front der angetretenen SS-Formationen ab. Darauf betrat er den weihevollen Dombau, und die 1200 Männer aller nationalsozialistischen Gliederungen, die im Kirchenschiff angetreten waren, grüßten ihn mit dem deutschen Gruß.« So wie das »Schwedter Tagblatt« berichteten die Zeitungen im ganzen Reich über die Feierlichkeiten zum 1000. Todesjahr des Königs Heinrich I. (um 876–936).
Begleitet von »weihevollen Fanfarenklängen der altdeutschen Luren, gespielt von Männern der SS« nahm die Feier am 2. Juli 1936 ihren nationalsozialistisch verkitschten Lauf; ganz im Sinne Heinrich Himmlers (1900–1945) und seines Hangs zu germanischer Mythologie, Okkultismus und pseudoreligiösen Ritualen. In seiner Rede pries Himmler den ostfränkischen König dafür, dass dieser bei seiner Wahl die Salbung durch die Kirche abgelehnt und damit »vor allen Germanen Zeugnis« abgelegt hatte, dass er den Einfluss der Kirche auf sein Handeln nicht dulden werde. Himmler beschrieb ihn als strategisch klugen Herrscher, der »zäh und zielbewusst« seinen Weg ging und mit dem Mut zu unpopulären Entscheidungen gegen die Slawen und Ungarn zog. Und: der am besten dadurch zu ehren sei, »daß wir dem Mann, der nach tausend Jahren König Heinrichs menschliches und politisches Erbe wieder aufnahm, unserem Führer Adolf Hitler, für Deutschland, für Germanien mit Gedanken, Worten und Taten in alter Treue dienen.«
Zum Schluss seiner Rede musste Himmler allerdings ein »tieftrauriges und beschämendes Bekenntnis ablegen: Die Gebeine des großen deutschen Führers ruhen nicht mehr in ihrer Begräbnisstätte. Wo sie sind, wissen wir nicht.« Von Heinrich I., dem »ersten deutschen König« des »ersten Deutschen Reichs«, war also nichts geblieben, dabei sollte Quedlinburg doch zu einer »nationalen Pilgerstätte« werden, an der jährlich die »Heinrichsfeiern« stattfinden sollten – mit Fackelzügen und mystisch-religiösem Brimborium. Mit einem leeren Grab war das kaum denkbar.
Himmler porträtierte Heinrich I. als geistigen und charakterlichen Vorläufer Adolf Hitlers. Insgeheim soll er die noch viel auffälligeren Parallelen zwischen sich selbst und dem König gesehen haben.
Himmler sucht sein Idol
Dabei war man seit 1756 sicher gewesen, dass Heinrichs Gebeine tatsächlich im Quedlinburger Dom liegen. Damals hatte Prinzessin Anna Amalie von Preußen (1723–1787) in der Stiftskirche St. Servatii, dem heutigen Dom, nach dem Grab Heinrichs suchen lassen, dieses aber nicht entdeckt. Dafür fanden sich im Grab von dessen Gemahlin Mathilde (um 896–968) überzählige Knochen – welche kurzerhand dem König zugeordnet wurden. Doch eine von Himmler beauftragte neuerliche Öffnung im Mai 1936, also kurz vor den Feierlichkeiten zum 1000. Todestag des Königs, ergab, dass die paar Knochen wohl doch nicht vom König stammen. Also ließ Reichsführer SS Heinrich Himmler erneut nach seinem großen Idol suchen.
Die Fixierung des SS-Manns auf Heinrich I. scheint geradezu obsessiv gewesen zu sein. Himmler hatte die Schlüssel zur Krypta der Kirche und soll dort mitunter in stiller Andacht nächtliche Zwiesprache mit dem König gehalten haben. Manche nannten ihn – den Himmler – deshalb »König Heinrich«.
Der Auftrag zu den neuerlichen Grabungen ging an SS-Untersturmführer Rolf Höhne (1908–1947), seines Zeichens Geologe, zwischenzeitlich leitender Angestellter im SS-Rasse- und Siedlungshauptamt und später persönlicher Mitarbeiter Himmlers. Ihm zur Hand ging der Hilfsschullehrer Karl Schirwitz (1886–1965). Beide waren im Auftrag der »Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe« unterwegs, jener Organisation der SS, die 1935 von Heinrich Himmler und Herman Wirth (1885–1981) gegründet worden war und dem pseudowissenschaftlichen Zweck diente, die rassische Überlegenheit der »Arier« zu belegen. Joseph Goebbels (1897–1945), Himmlers ewiger Rivale, hielt das Ganze für »kultischen Unfug«.
Höhne und Schirwitz begannen ihre Suche mit der Wünschelrute, griffen dann aber zu bewährterem Werkzeug und arbeiteten sich mit Schaufel und Spaten systematisch durch den Untergrund der Quedlinburger Krypta.
Fündig wurden sie im nördlichen Teil. Dort stießen Höhne und Schirwitz schließlich auf ein Grab, dem sie die Nummer 21 gaben. Daraus bargen sie neben einem »Stirnband mit Schmuckbesatz«, einem hölzernen Brett und einer bronzenen Stecknadel auch Teile eines menschlichen Schädels.
»Nordisches Gepräge«
Dieser wurde an den Anatomen August Hirt (1898–1945) nach Greifswald geschickt. Hirt, der später unter anderem im KZ Natzweiler-Struthof grausame Menschenversuche mit Senfgas durchführen und 86 Menschen des KZ Auschwitz für den Aufbau einer Schädelsammlung ermorden ließ, vermaß den Schädel ausgiebig. Sein Resümee: »schmales Langgesicht von überwiegend nordischem Gepräge«. Ob es sich um die Überreste eines Mannes oder einer Frau handelte, konnte er nicht sicher sagen, tendierte aber zu Ersterem. Ein Gutachten der Greifswalder Zahnärztlichen Universitätsklinik ließ zwar ein Todesalter von 30 bis 40 Jahren vermuten, was nicht zum Alter Heinrichs I. passte, der erst mit 60 starb. Doch Hirt hielt dagegen, die Verknöcherungen der Schädelnähte ließen auf ein Alter zwischen 55 und 70 Jahren schließen.
Nach der Entdeckung des Schädels fertigte die SS einen Sarkophag, den sie samt Schädel unter dem linken der hier zu sehenden Eisengitter niederlegte. Es ist anzunehmen, dass das Heinrichsgrab einst tatsächlich an dieser Stelle lag.
Für Höhne passte damit alles bestens zusammen, sodass das »Schwarze Korps«, die Hauspostille der SS, am 1. Juli 1937, kurz vor Heinrichs Todestag, vermelden konnte: »Die mikroskopische, chemische und petrographische Untersuchung …, der Beweis einer Grabbeigabe und die anatomisch-anthropologische Bearbeitung der Gebeine haben den wissenschaftlichen Nachweis erbracht, daß der durch die Ausgrabungen gemachte Fund in der Grab-Krypta des Domes zu Quedlinburg tatsächlich die Gebeine König Heinrichs I. enthält.« Goebbels schrieb in sein Tagebuch: »Himmler hat die Gebeine Heinrichs I. herausgebuddelt.« Höhne durfte sich darüber freuen, dass sein Name in den eigens für den Schädel angefertigten Sarkophag gemeißelt wurde.
Wer heute das Heinrichsgrab in der Krypta des Quedlinburger Doms besucht, findet den Sarkophag von Königin Mathilde und daneben, hinter einem Gitter, einige Steinreste. Der von der SS angefertigte Sarkophag war nach dem Krieg entfernt worden, die darin befindlichen Gebeine wurden an anderer Stelle im Quedlinburger Dom beigesetzt.
Dass es die sterblichen Überreste des Königs waren, ist mehr als zweifelhaft. Denn der »wissenschaftliche Nachweis«, den die gleichgeschalteten Zeitungen damals vermeldeten, ist aus heutiger Sicht Ergebnis pseudowissenschaftlicher Fantasie. Dass Heinrich I. einst in dieser Kirche gelegen hat, ist zwar unbestritten. Doch was mit seinen Gebeinen geschehen ist, bleibt ungewiss.
Zeitweise bezweifelten Fachleute sogar, dass die Grabungen von Höhne und Schirwitz überhaupt so stattgefunden hatten, wie es damals in der Presse zu lesen war. Denn die Grabungsberichte, die genauere Aufschlüsse darüber hätten geben können, waren lange Zeit verschollen.
Zur Bestattung des vermeintlichen Königs wurde dieser Steinsarkophag nach mittelalterlichem Vorbild angefertigt. 1948 wurde er wieder hervorgeholt, an seine Stelle kamen Bruchstücke eines weiteren zwischenzeitlich entdeckten Sarkophags, während der Schädel selbst in einer anderen – seiner nunmehr dritten – letzten Ruhestätte niedergelegt wurde.
Historiker entdecken Höhnes Grabungsbericht
Bis ein Team des Landesamts für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt in Halle im Bundesarchiv mehrere Schriften der Ausgräber entdeckte. Sie boten Donat Wehner, Andreas Stahl und Jörg Orschiedt die Möglichkeit, den Fund von Höhne und Schirwitz völlig neu zu bewerten. In ihrem überaus lesenswerten Bericht »König Heinrich I. und der ›Schädelkult‹ der SS« schildern sie die mitunter komische Stümperhaftigkeit und Voreingenommenheit der Akteure. Am Beispiel der Verbrechen von August Hirt zeigen die Autoren aber auch die Abgründe jener Zeit, in der irrwitzige Ideologien wissenschaftliche Sorgfalt und Redlichkeit außer Kraft setzten. Die Vorgänge um die Suche nach Heinrich zeigen das ganze Ausmaß eines Systems, in dem Forschende ihre Arbeit willfährig auf »alternative Fakten« gründeten.
Nach der Bearbeitung der überlieferten Dokumente kamen die heutigen Forscher aus Halle rasch zu klaren Erkenntnissen. Bei dem Brett handelt es sich demnach »entweder um ein Totenbrett oder um den in der Grabgrube verbliebenen Boden eines einstigen Holzsarges«. Beides finde sich auch in Quedlinburg, allerdings würden sie erst mehr als 200 Jahre nach Heinrichs Tod auftauchen. Die Stecknadel dürfte nach Ansicht der Forscher aus der Zeit des späten Mittelalters bis in die frühe Neuzeit stammen. Das »Stirnband«, das Höhne in der Nazizeit dem König zuordnete, weil dieser auf Münzen und Siegeln mit einem vermeintlich ebensolchen dargestellt sei, ist in Wahrheit eine Totenhaube, die aus der gleichen Zeit wie die Nadel stammt und »besonders häufig bei Kindern, Jugendlichen und Frauen zu beobachten ist«.
Und der Schädel? »Die auf den Fotos erkennbaren und über die angegebenen Maße erschließbaren anthropologischen Merkmale« weisen auf ein weibliches Individuum hin. »Da bis in das Jahr 1878 die Grabplatte der Stiftspröpstin Anna von Tautenburg (gest. 1533) über dem Grab lag, ist es naheliegend, sie mit dem Schädel in Verbindung zu bringen«, schreiben die Forscher. »Insgesamt sprechen aber alle Indizien dafür, dass Himmler eine Stiftsdame zum Mittelpunkt seines ›Schädelkultes‹ bei den König-Heinrich-Feiern hat inszenieren lassen.«
Die SS lässt den Dom im Nazigeschmack umbauen
Ob Rolf Höhne, Karl Schirwitz, August Hirt und all die anderen Beteiligten, auch Himmler selbst, an die Mär von den königlichen Gebeinen glaubten, lässt sich nicht mehr herausfinden. Die Heinrichsfeiern jedenfalls fanden bis 1944 alljährlich statt. Nachdem die SS die Kirche im Frühjahr 1938 besetzt hatte, wurden dort auch keine Gottesdienste mehr gefeiert. Stattdessen demontierte die SS nicht nur Altar, Kanzel und Gestühl, sondern zerstörte auch das gotische Chorgewölbe, um eine pseudoromanische Apsis zu errichten. Im Chor boten nun riesige Banner mit Hakenkreuz und SS-Runen die Kulisse für Fahnenweihen, Aufzüge und Veranstaltungen der NSDAP. Erst nach Kriegsende bekam die evangelische Gemeinde die Schlüssel zum Dom zurück und feierte am 3. Juni 1945 erstmals wieder einen Gottesdienst. In der Folgezeit wurden die nationalsozialistischen Symbole beseitigt und die kirchlichen Einbauten wiederhergestellt. Der gotische Chorraum allerdings ist bis heute nicht rekonstruiert.
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