Alpenfeldzüge des Augustus: Bleigeschosse verraten Roms Marschrouten

Im Sommer 15 v. Chr. hatten die Stiefsöhne des römischen Kaisers Augustus den zentralen Alpenraum für das Imperium Romanum erobert. Tiberius und Drusus waren damals über zwei Routen nach Norden gegen die einheimischen Stämme vorgestoßen: Drusus (38–9 v. Chr.) führte seine Truppen von Verona aus über den Brenner und den Reschenpass ins heutige Süddeutschland. Der spätere Kaiser Tiberius (42 v. Chr.–37 n. Chr.) kam von Westen: Er marschierte aus der Gegend von Lyon durch das Schweizer Mittelland bis zum Bodensee und in das Gebiet der oberen Donau. Die Legionen Roms drangen aber möglicherweise noch über eine dritte Route vor: Vermutlich von Como in Italien aus ging eine Heeresabteilung Richtung Norden – also zwischen den Wegen der beiden Stiefsöhne hindurch. Dieser Zug hat jedoch kaum Spuren in den antiken Schriften hinterlassen, sondern lässt sich bislang nur anhand archäologischer Funde rekonstruieren.
Im Gebiet des heutigen Schweizer Kantons Graubünden kam es damals, nahe der Crap-Ses-Schlucht, zu einem Gefecht zwischen römischen Truppen und einheimischen Verbänden. Sehr wahrscheinlich ereignete sich dieser Kampf während der augusteischen Alpenfeldzüge. An den Fundplätzen im Tal Oberhalbstein haben Archäologen um Peter-Andrew Schwarz und Hannes Flück von der Universität Basel mittlerweile mehr als 2500 Schuhnägel, Pfeil- und Lanzenspitzen, Schwertfragmente und rund 500 Schleuderbleie entdeckt. Letztere dienten als Geschosse, die mit einer Handschleuder abgefeuert wurden. Mithilfe der Funde versuchen die Fachleute, nicht nur das Kampfgeschehen zu rekonstruieren, sondern auch, mehr über die Marschrouten der römischen Legionen herauszufinden.
Gemeinsam mit dem Geochemiker Christopher Standish von der University of Southampton haben sie deshalb die Isotopenzusammensetzung von 40 römischen Schleuderbleien, zwei Senkbleien und einem Bleiklumpen aus der Crap-Ses-Schlucht im Oberhalbstein untersucht. Zum Vergleich ermittelten sie die Isotopensignatur eines Bleiklumpens aus Filzbach in der Ostschweiz und sieben weiterer Schleuderbleie aus dem nahen Bregenz (Österreich) sowie aus Eschenz (Schweiz). Beide Orte liegen im Bodenseegebiet – und befinden sich auf der rekonstruierten Route des Tiberius. Wie die Fachleute im »Journal of Archaeological Science: Reports« berichten, kam das Metall für die Geschosse vor allem aus dem Süden der Iberischen Halbinsel. Damals erstreckte sich dort eine bedeutende Bergbauregion, in der die Römer im großen Stil Erze abbauten.
Allerdings unterschied sich die spezifische Isotopensignatur der Objekte je nach Fundort. Das Blei von der Crap-Ses-Schlucht stammte überwiegend aus einer geologischen Region um Cartagena in Südostspanien, dem Almería-Cartagena-Vulkangürtel. Die Geschosse vom Bodensee sind hingegen aus Blei gefertigt, für das die Forschenden keine eindeutige Herkunft bestimmen konnten. Das Metall könnte aus Vorkommen in der Sierra Morena in Südspanien, aus dem Iberischen Pyritgürtel im Südwesten oder aus dem französischen Zentralmassiv kommen. Der Klumpen aus der Ortschaft Filzbach, die zwischen Bodensee und Oberhalbstein liegt, weist eine ähnliche Isotopensignatur auf wie die Bodenseefunde.
Die Fachleute untersuchten Bleigeschosse aus Eschenz (Nr. 1 und 2) in der Schweiz und Bregenz in Österreich (Nr. 3). Die übrigen Funde aus Blei stammen von einem Schlachtfeld in Graubünden. Sie sind teils gestempelt mit den Namen der Legionen.
Auch äußerlich unterscheiden sich die Schleuderbleie. Die Funde von der Crap-Ses-Schlucht tragen anders als die Geschosse vom Bodensee ein Stempelzeichen; die Inschriften nennen die III., X. und XII. Legion. Außerdem beträgt ihr Gewicht etwa 50 Gramm, während die Funde aus Bregenz und Eschenz im Durchschnitt 80 Gramm wiegen.
Die Schleuderbleie wären demnach ein Indiz dafür, dass es neben den Vorstößen von Tiberius und Drusus noch eine dritte Marschroute während der Alpenfeldzüge des Augustus gab. Allerdings wollen die Forscher nicht ausschließen, dass dieselbe Heeresabteilung »an allen Fundorten anwesend war, aber über einen neuen Bestand an Geschossen verfügte, nachdem der ursprüngliche Vorrat aufgebraucht war«, heißt es in der Studie. Eine Antwort auf diese Frage könnten weitere Untersuchungen an Bleifunden liefern, die sich dem westlichen Vorstoß der Alpenfeldzüge zuordnen lassen.
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