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RAF-Geschichte: Als aus Patienten Terroristen wurden

Am 24. April  2015 jährt sich die Geiselnahme von Stockholm durch die RAF zum 40. Mal. Vier der sechs Terroristen entstammten dem so genannten Sozialistischen Patientenkollektiv - einer radikalen Gruppe von Psychiatriepatienten, die "aus der Krankheit eine Waffe machen" wollten.
RAF-Stern

Als der aufmüpfige junge Psychiater Wolfgang Huber im Februar 1970 nach einem Streit mit seinen Vorgesetzten der psychiatrischen Klinik kurzerhand entlassen wird, brennt in Heidelberg die Luft: Diensträume der Klinik werden besetzt, einige von Hubers Patienten treten gar in den Hungerstreik. Die Universitätsleitung kommt der Gruppe entgegen: Sie setzt Huber wieder auf die Gehaltsliste und stellt der Bewegung ein Quartier zur Verfügung – die Geburtsstunde des Sozialistischen Patientenkollektivs, kurz SPK. In den gerade mal 17 Monaten ihrer Existenz radikalisiert sich die Bewegung zunehmend. Nach ihrer "Zerschlagung" durch die Ermittlungsbehörden im Sommer 1971 schließen sich viele ehemalige SPK-Anhänger der Roten Armee Fraktion (RAF) an. In den folgenden Jahren sind sie an mehreren Anschlägen beteiligt, etwa an der Geiselnahme von Stockholm am 24. April 1975, bei der die Terroristen zwei Menschen töteten. Auch an der Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer wirkten Exmitglieder des SPK mit. Wie aus den ehemaligen Psychiatriepatienten RAF-Terroristen wurden, erklärt der Medizinhistoriker Ralf Forsbach vom Medizinhistorischen Institut der Universität Bonn im Gespräch mit Spektrum.de.

Herr Doktor Forsbach, unter welchen Bedingungen kam es zur Entstehung des Sozialistischen Patientenkollektivs?

Gerade in der Bundesrepublik Deutschland waren die psychiatrischen Kliniken damals äußerst reformbedürftig. Die Zeit des Nationalsozialismus hatte dazu geführt, dass die Psychiatrie in einen enormen Rückstand geraten war. Vielfach wurden psychisch kranke Menschen in gefängnisähnlichen Anstalten gehalten. In den 1960er Jahren wuchs dann der Einfluss meist junger Psychiater, die den autoritären Charakter der Psychiatrie zu verändern suchten. Es ist also nicht so, dass diese Ideen erst mit dem SPK gekommen wären: Diejenigen, die sich ernsthaft mit Veränderungen auseinandergesetzt haben, etwa der bekannte Psychiatriereformer Klaus Dörner, waren schon Jahre davor aktiv.
Verwüstete Botschaft in Stockholm
Verwüstete Botschaft in Stockholm | Am 24. April 1975 überfiel ein RAF-Kommando die deutsche Botschaft in Stockholm und nahm mehrere Geiseln. Am Ende hatten die Terroristen den Militärattaché Andreas von Mirbach und Wirtschaftsattaché Heinz Hillegaart ermordert. Im Lauf der Geiselnahme zündete einer der Terroristen versehentlich selbst eine Sprengladung, wodurch die RAF-Mitglieder Ulrich Wessel und Siegfried Hausner so schwer verletzt wurden, dass sie daran starben. Das Kommando betsand zum Teil aus ehemaligen Mitgliedern des Sozialistischen Patientenkollektivs.

Wie sah die Kritik des SPK an den herkömmlichen Therapieverfahren überhaupt aus?

Es ist schwer, die therapeutischen Ziele des SPK von ihren politischen zu trennen. Die Grundannahme war: Nicht wir sind krank, sondern die Gesellschaft ist es. Solange das kapitalistische System fortbestehe, meinten die Vertreter der Gruppe, könnten es ihnen nicht besser gehen. Also diskutierten sie, wie sich die Gesellschaft selbst durch eine Revolution verändern ließe. Wolfgang Huber drückte es so aus: "Es darf keine therapeutische Tat geben, die nicht zuvor klar und eindeutig als revolutionäre Tat ausgewiesen worden ist."

Nach den massiven Protesten gegen seine Entlassung bekam der Assistenzarzt Huber nicht nur sein Gehalt fortgezahlt, sondern zudem noch acht Räume zur Verfügung gestellt, um die Behandlung seiner Patienten fortzuführen. Warum dieses Entgegenkommen seitens der Universität?

Dass sich die Universitätsleitung hier so großzügig gab, gar links, ist wahrscheinlich nur mit der damaligen Situation zu erklären. Zu dieser Zeit war der Theologe Rolf Rendtorff Rektor der Heidelberger Universität. Er war der Auffassung, man solle Wolfgang Huber und seinen Ansätzen Freiräume geben. Doch er stieß mit seiner Haltung auf Widerstand, etwa bei den etablierten Medizinprofessoren oder beim Stuttgarter Kultusminister Wilhelm Hahn, der in Huber vorrangig einen Rechtsbrecher sah. Viele Kräfte wollten dem SPK von Anfang an die Türe weisen – auch weil sie die Universität als Bastion konservativen Denkens bewahren wollten. Zunächst hatte sich zu Gunsten Huber allerdings die liberale Linie durchgesetzt.

Verschiedene Gutachten bewerteten die Arbeitsweise der Gruppe durchaus wohlwollend. War Huber am Ende einem viel versprechenden neuen Behandlungskonzept auf der Spur?

Ralf Forsbach
Ralf Forsbach | ist Geschichtswissenschaftler und Privatdozent am Medizinhistorischen Institut der Universität Bonn. Dort forscht er unter anderem zur NS-Medizin und zur Gesundheitspolitik der Nachkriegszeit. 2011 erschien sein Buch "Die 68er und die Medizin".

Im Streit um das Sozialistische Patientenkollektiv entstanden eine ganze Reihe von Gutachten und Gegengutachten. Auch diese sind freilich aus ihrer Zeit heraus geschrieben worden. Man wusste um die schlimmen Zustände in den psychiatrischen Kliniken und suchte händeringend nach reformerischen Alternativen. Einige der Gutachter hielten solche Therapiegemeinschaften für einen möglichen Weg, den Psychiatriebetrieb zu erneuern. Andere kritisierten die politische Arbeit dieser Gruppe scharf und hielten fest: Mit Medizin hat das wenig zu tun.

Wie kann man sich die therapeutische Arbeit des SPK denn vorstellen?

Offenbar wurde da wochenlang schlichtweg Lektüre betrieben. In den so genannten Einzel- und Gruppenagitationen lasen Hubers Patienten die Schriften von Georg Friedrich Wilhelm Hegel, Karl Marx und Georg Lukács, und zwar von morgens um neun bis in den späten Abend. Das ist nicht so abstrus, wie es heute vielleicht erscheinen mag – damals wurde ohnehin wesentlich mehr gelesen als heute. Ich habe allerdings meine Zweifel, ob das die richtige Therapie für ein Patientenkollektiv von mehreren hundert Personen war. Das dürfte für den einen oder anderen Intellektuellen durchaus ein viel versprechender Ansatz gewesen sein. Aber sicherlich nicht für alle.

Welche Rolle spielte Wolfgang Huber bei der Radikalisierung der Gruppe?

Über ihn selbst wissen wir verhältnismäßig wenig. Einige Historiker meinen, seine Absichten seien von Anfang an politischer Natur gewesen – er habe seine Patienten also instrumentalisiert, um eine Kampftruppe zu bilden. Andere sehen in ihm einen Idealisten, der sich erst durch den Druck von außen radikalisiert habe. Ich neige eher der ersten These zu. Natürlich gab es Widerstände, aber Huber hat sich doch zunächst erfolgreich gegen diese durchgesetzt. Viel mehr Freiraum hätte die Universitätsleitung dieser Gruppe wohl kaum gewähren können.

Es blieb nicht lang beim Lektürestudium. Wie gestaltete sich der Weg von der Theorie zur Praxis?

Am 24. Juni 1971 kam es zu einem Zwischenfall: Mehrere SPK-Angehörige gerieten in der Nähe von Heidelberg in eine Verkehrskontrolle. Sie flüchteten und schossen auf ihre Verfolger, wobei sie einen Beamten an der Schulter verletzten. Tags darauf wurden viele Mitglieder des SPK verhaftet, darunter auch Wolfgang Huber und seine Frau Ursula. Die Ermittlungsbehörden waren daraufhin der Meinung, das SPK sei zerschlagen. Das allerdings stellte sich als Irrtum heraus.

Inwiefern?

Nach der Auflösung wechselten viele SPK-Mitglieder zur Roten Armee Fraktion. Bereits im März 1971 reisten Andreas Baader und Gudrun Ensslin nach Heidelberg, um Kontakt mit der Patientenbewegung aufzunehmen. Als Erstes wurde der Arbeiter Gerhard Müller angeworben, der von Andreas Baaders Auftreten äußerst beeindruckt war. Innerhalb des SPK wurden bald neue Schlachtrufe laut, etwa: "Mahler, Meinhof, Baader – das sind unsere Kader!"

Müllers Beispiel folgten mehrere Dutzend weiterer SPK-Anhänger. Warum wurde ausgerechnet das Sozialistische Patientenkollektiv zu einer Rekrutierungsbasis für die RAF?

RAF und SPK ähneln sich in zentralen Punkten: die schnelle Radikalisierung innerhalb weniger Monate und ein klares, politisches Ziel, nämlich die Abschaffung des "Schweinesystems". Für die RAF, die zunehmend Nachwuchsprobleme hatte, nachdem sie in den Untergrund gegangen war, war es da nur folgerichtig, beim SPK nach Anhängern zu suchen. Die ehemaligen Psychiatriepatienten wurden auch ein wenig belächelt. Gudrun Ensslin etwa bezeichnete sie scherzhaft als SPK-Flipper. Dennoch: Viele der Personen, die später auf jedem Fahndungsplakat zu sehen waren, hat die RAF aus dem Patientenkollektiv rekrutiert – so etwa Lutz Taufer, Siegfried Hausner, Elisabeth von Dyck oder Hanna Krabbe.

Hatte das Sozialistische Patientenkollektiv Einfluss auf die Entwicklung der Psychiatrie in der Bundesrepublik?

Nein, überhaupt keinen. Für die Historiker hat diese Splittergruppe freilich etwas Hochinteressantes, weil hier viele Phänomene zusammenkommen: politischer Radikalismus, eine gewisse intellektuelle Grundierung, aber auch die Auseinandersetzung mit der Medizin des Nationalsozialismus. Nur: Die Relevanz für die weitere Entwicklung der Medizin geht gegen null. Für die gemäßigten Reformer waren diese radikalen Auswüchse eher unangenehm, da sie nun Gefahr liefen, in die Ecke von Terroristen gerückt zu werden.

Auch heute existiert anscheinend noch eine Gruppe namens Patientenfront/Sozialistisches Patientenkollektiv(H), die sich als identisch mit der damaligen Bewegung darstellt. Hat diese Organisation irgendeine Verbindung zum ursprünglichen SPK?

Das ist schwer zu sagen. Auf ihrer Homepage verwahrt sich die Patientenfront jedenfalls gegen jegliche Behauptung von historischen Zusammenhängen, etwa der Einordnung in die antipsychiatrische Bewegung oder in die Geschichte der RAF. Dieses Geschichtsbild versucht sie auch mit allen Mitteln durchzusetzen. Wer vermeintliche Falschaussagen über das SPK verbreitet, wird von der Patientenfront als "Schnüffelkrake" bezeichnet und mit wüsten Beschimpfungen torpediert. Das habe ich bereits am eigenen Leib erfahren: Nach Veröffentlichung meines Buchs "Die 68er und die Medizin" erhielt ich ein Fax, in dem SPK-kritische Wissenschaftler und Journalisten des "Massenmords an der Patientenklasse allerorten" beschuldigt wurden.

Vielen Dank für das Gespräch.

16/2015

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 16/2015

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