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News: Als die Wikinger Amerika entdeckten - was aber nicht galt

"Björn der Schöne" spielt heute seine Rolle überzeugend. "Bringt ihr Nachrichten aus Norwegen? Seid Ihr mit dem Langboot von Grönland gekommen?", will der mit Wams und Helm ausstaffierte "Wikinger" von den Besuchern wissen. Die schauen etwas verblüfft - einen schauspielernden Normannen hätten sie am Ende der Welt doch nicht erwartet. L'Anse aux Meadows heißt der Ort, wo wackere Gesellen die Wikinger wiederaufleben lassen. Etwa 1000 Jahre ist es her, daß an der äußersten Nordspitze der kanadischen Insel Neufundland bärtige Seemänner ihre Knorre an den Strand hievten.

Eine Studentin, im Sommer beim "National Historic Site" L'Anse aux Meadows angestellt, führt eine Handvoll Besucher über das Gelände. An der geschützten Bucht wurde ein Grasnarben-Haus rekonstruiert, mit fast zwei Meter dicken Erdwänden, die Schutz vor den extremen Wintern bieten sollten. "Die Kolonie dürfte zur Blütezeit an die 30 Mitglieder gehabt haben", erklärt die Studentin bei einem Rundgang durch das langgezogene, düstere Gebäude.

Man fragt sich, wie die ersten Europäer das Land empfunden haben mögen, das meist abweisend daliegt, in Regen und Nebel. Als Paradies im Vergleich zu Grönland, wenn im Sommer Blumen und Beeren der Tundra farbenprächtige Tupfer verliehen? Als majestätisch, wenn gigantische Eisberge die Küste entlang trieben und sich Wale dazwischen tummelten? Als gefährlich, wenn Eisbären, die hier ihr südlichstes Verbreitungsgebiet haben, in der Nähe der Behausungen herumstöberten?

Die einzige nachgewiesene Wikinger-Kolonie auf dem amerikanischen Kontinent ist nach wie vor rätselbefrachtet. Die wenigen Funde haben in einer einzigen Glasvitrine Platz. Darunter sind einige Schiffsnägel, die beweisen, daß die Siedlung nicht von Eingeborenen stammen kann: Das Schmelzen von Eisen war eine Technik, die die Ureinwohner damals nicht beherrschten. Die Schale einer Graunuß belegt, daß die Nordmänner hier eine Art Basislager unterhielten und zumindest bis ins 900 Kilometer südwestlich gelegene New Brunswick vorgestoßen sind, dem nördlichsten Ort, wo die Graunuß heimisch ist.

Es war offenbar die Suche nach Holz, die die Wikinger von Grönland nach Süden trieb. In isländischen Sagas heißt es, der Sohn von Erik dem Roten, Leif Eriksson, sei um das Jahr 1000 den Spuren eines vom Kurs abgekommenen Wikinger-Kapitäns gefolgt. Nach mehrwöchiger Fahrt wurde Land gesichtet, in dem Weinbeeren, Birken und Weizen wuchsen – was in Neufundland nicht der Fall ist. Die Bezeichnung "Vinland" ("Weinland") führte zu Spekulationen, Eriksson könnte mit einer Knorre, einem mit Vierecksegeln ausgestatteten, hochseetauglichen Frachtschiff, viel weiter nach Süden vorgestoßen sein.

Oder vielleicht bezog sich "Leif der Glückliche" ja nur auf den Reichtum von Beeren, die im Sommer in der Tundra reifen? Nicht leichter wird die Lösung des Rätsels durch die Quellen: Isländische Sagas wurden oft Jahrzehnte später auf Grundlage von Überlieferungen zu Papier gebracht. Die meisten Forscher neigen aber zur Ansicht, daß mit "Vinland" die Kolonie an der Nordspitze Neufundlands gemeint war. Untersuchungen mit der Radiokarbon-Methode untermauern ebenfalls, daß die Kolonie um die Jahrtausendwende entstand.

Die Siedlung wurde aber nach etwa 20 Jahren wieder aufgegeben – so lange überdauern die Erdhäuser, die weder ausgebessert noch in der näheren Umgebung neu errichtet wurden. Ob die Bewohner verhungerten, zurück nach Grönland gingen oder weiter nach Süden zogen? "Wir wissen es einfach nicht", räumt unsere Führerin ein. Nicht ausgeschlossen scheint auch ein Untergang der Kolonie durch Kämpfe mit den "Skraelingern", wie die Wikinger die Eingeborenen nannten.

Im Dunkeln der Geschichte wird auch das Schicksal der Kolonie in Grönland bleiben, das mit einem Mitte des 14. Jahrhunderts datierten Dokument in Island ein letztes Lebenszeichen hat. Als die Insel nach Jahrhunderten der Isolation, die ihren Grund in den Wirren in Europa hatte, im 16. Jahrhundert wieder angesteuert wurde, fanden die Seefahrer nur verfallene Häuser und keine Spur der Bewohner mehr vor. Nach der gängigsten Theorie kamen sie durch eine "kleine Eiszeit" um oder wurden durch die Klimaverschlechterung zum Rückzug gezwungen.

Abenteuerlich wie der Zug der Wikinger nach Westen, der sie seit Anfang des 9. Jahrhunderts über den Nordatlantik geführt hatte, ist auch die Geschichte der Wiederentdeckung der verlorenen Kolonie. Der Norweger Helge Ingstad und seine Frau waren seit den fünfziger Jahren Nordamerikas Küsten entlanggezogen, überzeugt davon, das sagenhafte "Vinland" hier zu finden. Die Suche verlief jahrelang ohne Erfolg, bis ein Einheimischer sie in L'Anse aux Meadows auf grasbedeckte Erdwälle hinwies. Dieser glaubte, es handle sich um Überbleibsel von Gebäuden der Beothuk-Indianer. Doch Ingstad wußte es bald besser. In mehrjährigen Grabungen legte er die spärlichen Überreste frei.

Im heutigen "National Historic Site" wird Faktenvermittlung ergänzt durch die in Kanada beliebte Geschichts-Schauspielerei, für die einige Einheimische ausgebildet wurden. "Thora" bietet im Langhaus Kostproben nordischer Mahlzeiten an, "Gunnar" und "Harald" schnitzen mit altertümlichen Handwerksgeräten an einem Boot herum.

Generell übt sich der Geschichtspark, seit 1978 von der UNESCO als "Weltkultur-Erbe" anerkannt, in Bescheidenheit. Daß die Wikinger Amerika ganze 500 Jahre vor Kolumbus "entdeckten", wird nicht groß hinausposaunt. Fast-Food-Stände und eine blühende Souvenirindustrie, jenseits der Grenze gang und gäbe, findet man hier nicht, und zu erreichen ist der Ort nur mit eigenem Transportmittel. Rund 20 000 Besucher machen sich jährlich über den 400 Kilometer langen "Viking Trail" zur "kleinen Bucht der Quallen" auf: L'Anse aux Meadows ist die "neufundlandisierte" Version von L'Anse aux Meduses.

Obwohl sich das Datum der Ankunft der Wikinger nur grob auf das Jahr 1000 festmachen läßt, wird das tausendjährige "Landfall"-Jubiläum längst vorbereitet. Die Nase vorn hat zur Zeit der US-Abenteurer W. Hodding Carter. Wenn es seine anhand von archäologischen Funden rekonstruierte "Snorri" heuer im Sommer schafft, die Reise von Grönland nach L'Anse aux Meadows zu bewältigen, wird ihr weltweites Medieninteresse sicher sein.

Bei ihrem ersten Anlauf hatte die Besatzung 1997 mit ungünstigen Winden, Lecks und einem gebrochenen Steuerruder zu kämpfen und mußte die Expedition abbrechen. Wäre die Knorre in der tückischen Davis Straße in einen Sturm geraten, hätten ihr selbst "unwikingerische" Hilfsmittel wie ein satellitengestütztes Navigationssystem und Funk wenig genützt. Das Scheitern der Mission macht die seefahrerische Leistung der Wikinger, die in ihren Nußschalen ohne technischen Firlefanz einfach ins Blaue segelten, erst so richtig bewußt.

Als "offizieller" europäischer Entdecker Neufundlands gilt der in englischen Diensten segelnde Genuese John Cabot, dessen 500-Jahr- Landfall"-Jubiläum 1997 mit der nachgestellten Fahrt seiner Karavelle "Matthew" gefeiert wurde. Was das Cabot-Jahr 1997 für ganz Neufundland bedeutet, dürfte für L'Anse aux Meadows und die Nordhalbinsel ein gut inszeniertes tausendjähriges Jubiläum der Wikinger-Ankunft leisten: Zusätzliche Besucher für eine strukturschwache Region in der ohnehin ärmsten Provinz Kanadas.

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