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News: Alter, lähmender Bekannter

Eigentlich galt das Poliovirus als fast besiegt, und andere medizinische Ziele wurden vermehrt unter Beschuss genommen. Offenbar zu früh - der Erreger der Kinderlähmung nutzt die Nachlässigkeit seiner Gegner und versucht ein Comeback mit geborgten Waffen.

"Die Poliomyelitis war eine hoch ansteckende Virus-Erkrankung. Der Erreger verursachte Fieber, Kopfschmerzen, Müdigkeit und Erbrechen. Manchmal drang er in das Nervensystem ein, und konnte innerhalb weniger Stunden eine vollständige Lähmung der Erkrankten auslösen. Einige starben, als ihre Atemmuskulatur versagte – und etwa einer von 200 Betroffenen blieb als Spätfolge für immer gelähmt. Polioviren wurden mittlerweile ausgerottet."

So oder so ähnlich, jedenfalls aber in der Vergangenheitsform, hätte es bald in medizinischen Lehrbüchern stehen können. Nachdem die Weltgesundheitsorganisation 1988 einen weltweiten Impffeldzug gegen Polioviren, die Auslöser der Kinderlähmung, gestartet hatte, sah es lange so aus, als ob sie dabei genauso erfolgreich sein könnte wie vor Jahrzehnten bei der Ausrottung der Pocken. Der gesamte amerikanische Kontinent gilt schon seit 1994 als poliofrei, und in Europa wurde zuletzt 1999 eine Erkrankung bekannt. In Deutschland sind seit 1990 gar keine Fälle mehr gemeldet worden – die seit Anfang der sechziger Jahre durchgeführte flächendeckende Schluckimpfung gegen den Erreger der Kinderlähmung zeigte Wirkung.

Gar keine Fälle, sollte es richtig heißen, durch in Deutschland in freier Wildbahn entstandene Viren. Bis 1998 verursachte hierzulande jedoch die Impfung selbst jährlich ein bis zwei so genannte "Vakzine-assoziierte paralytische Poliomyelitis"-Erkrankungen (VAPP). Der weltweit verwendete Schluckimpfstoff enthält nämlich eine abgeschwächte, aber nicht abgetötete Form des Virus. Es kann spontan mutieren, und sehr selten entsteht dabei wieder eine für Menschen gefährliche Poliovirus-Variante.

Dies gefährdet zunächst allein die VAPP-Erkrankten, nicht aber das vielversprechend angegangene Ziel der Polio-Ausrottung. Im Körper von vorher bereits geimpften Menschen werden solche neuen Virus-Varianten genauso angegriffen und zerstört wie die ursprünglichen Polioerreger. Ausbreiten könnten sich die Viren nicht – solange alle Kontaktpersonen immunisiert sind.

Ein entscheidender Punkt, wie sich jetzt herauszustellen scheint. Auf der Karibik-Insel Hispaniola waren bis zu 20 Prozent aller Kinder nicht immunisiert, und nachdem Polio dort seit fast zwei Jahrzehnten nicht vorgekommen war, wurden in den Jahren 2000 und 2001 während einer neuen Epidemie 19 Kinder gelähmt, zwei starben. Olen Kew und seine Mitarbeiter von den US Centers for Disease Control and Prevention haben jetzt die Quelle für diesen neuen Ausbruch entdeckt: Eine vor Jahren wahrscheinlichnur nur einem Kind verabreichte Schluckimpfung, die eine gefährlich veränderte Form des abgeschwächten Poliovirus enthiehlt.

Die Forscher fanden heraus, dass der neue Virusstamm nicht nur seine krankheitserregenden Gene wiedererlangt hatte – offenbar durch spontane Mutation –, sondern auch Gene enthielt, die sonst in Polioviren gar nicht vorkommen. Sie stammen aus der Verwandtschaft des Polio-Virus, den im Darm lebenden Enteroviren. Inwieweit diese Gene den Viren eine Ausbreitung erleichtert hatten, bleibt bislang ungeklärt. Sicher ist aber, das nur Nachlässigkeiten im Impfverfahrens die Polio-Epidemie überhaupt möglich machten. Die große Anzahl nicht immunisierter Personen auf Hispaniola gab dem Virus genug Spielraum zur allmählichen Ausbildung der neuen, krankheitsauslösenden und übertragbaren Variante.

Und offenbar handelt es sich nicht um einen Einzelfall. Schon zwei andere Polio-Ausbrüche in Ägypten und den Philippinen wurden durch Schluckimpfungs-Viren ausgelöst. Die Wissenschaftler befürchten jetzt, das solche neu auftauchende Virenstämme die zunehmend geringere Impfbegeisterung in der Bevölkerung nutzen könnten – auch in den seit Jahren poliofreien Industrieländern.

In Deutschland sind zumindest impfstoffbedingte VAPP-Erkrankungen ausgeschlossen, seit 1998 der Einsatz des Schluckimpfungswirkstoffes durch eine intravenös verabreichte Impfung mit abgetöteten Viren abgelöst wurde. Der Einsatz dieses sicheren Vakzins ist aber sehr kostenintensiv, und würde besonders ärmere Länder auch vor fast unlösbare logistische Probleme stellen. Die Weltgesundheitsorganisation plant deswegen zunächst nur einen stufenweisen Rückzug von der weltweiten Schluckimpfung.

Bruce Aylward, der Leiter des WHO-Programms zur Polio-Bekämpfungs, fühlt sich durch die jüngsten Ergebnisse bestätigt: "Sie beweisen etwas, das wir schon wussten." Dem Problem würde jetzt außerdem mehr Aufmerksamkeit gewidmet – so könnte dem Comeback des längst besiegt geglaubten Krankheitserregers wohl am sinnvollsten entgegnet werden.

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