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Relikt der Türkenkriege: Altes Kamel vor Wien

Als die Türken einst gen Wien vorrückten, brachten sie auch allerlei Exotik nach Kerneuropa. Bis heute freuen sich Experten über diese Hinterlassenschaften.
Dromedar und TrampeltierLaden...

Unter dem schönen Titel "Gesunkenes Wüstenschiff in der Donau" beschreibt ein Team von Veterinären, Archäologen und Genetikern den Fund eines toten Kamels: Sie entdeckten die Skelettreste eines Tiers nahe der Donau bei Tulln in Niederösterreich. Die Knochen des männlichen Tiers – genauer eines Tulus, also eines Hybriden, welches der Romanze eines Trampeltierhengstes mit einer Dromedarstute entsprang – stammen aus dem 17. Jahrhundert, mithin der Zeit des Großen Türkenkriegs zwischen Habsburger und Osmanischem Reich. Damit bekommt der Fund vor allem historische Bedeutung. Man kennt viel ältere Kamelknochen aus Europa und vor allem aus Asien und Arabien, wo Trampeltier und Dromedar seit über 5000 Jahren als domestizierte Nutztiere gehalten werden.

Schädel des Tulln-TulusLaden...
Schädel des Tulln-Tulus | Eine Zeichnung des Schädels vom Tullner Tulu.

Das Tulln-Tulu dürfte jedenfalls im osmanischen Heer gedient haben: Dieses führte viele Kamele mit, als es einst gegen Habsburg zog und im Sommer 1683 auch in die Gegend des heutigen Tulln in Niederösterreich gelangte. Wenn die Ernährungslage des Heers kritisch wurde, hat man die mitgeführten Tiere gelegentlich geschlachtet – ein Schicksal, welches das Donau-Kamel aber wohl nicht erleiden musste, wie die fehlenden typischen Schlachtmesserschnittspuren nahelegen. Die Statur und das Ausmaß typischer Belastungsmerkmale deuten eher auf ein Reit- denn ein Transportkamel. Tulu-Hybriden waren damals verbreitet: Sie sind oft größer und belastbarer.

Das Tierskelett ist erst das zweite seiner Verwandtschaft, welches im europäischen Teil des osmanischen Einflussbereichs aufgefunden worden ist (man kennt noch ein Tier aus den Sedimenten des alten Theodosius-Hafens auf der europäischen Seite Istanbuls). Das Einzelschicksal des österreichischen Kamels muss spekulativ bleiben, die Forscher haben aber ihre Vermutungen: Vielleicht war das Tier Teil eines historisch dokumentierten Gefangenenaustauschs, bei dem die Osmanen etwa den kaiserlichen Botschafter frei ließen, als Tulln sich kampflos ergeben hatte; vielleicht blieb es auch einfach beim Abzug zurück. Jedenfalls scheinen die Einwohner das Tier in der Stadt gehalten zu haben; womöglich hat fehlende Expertise dann dazu geführt, dass es verhungerte oder erkrankte und starb. Anschließend wurde es wohl in einem Kellerloch begraben.

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