Direkt zum Inhalt

News: Altes Mittel auf neuen Wegen

Acetylsalicylsäure, obwohl schon lange bekannt, ist doch immer noch für Überraschungen gut. Denn auch wenn das Medikament erfolgreich gegen vielerlei Schmerzen und Entzündungen hilft, wissen Forscher bisher recht wenig darüber, wie es im Körper eigentlich wirkt. Jetzt sind sie jedoch einem weiteren unerwarteten Mechanismus auf die Spur gekommen.
Schon vor 2500 Jahren behandelte Hippokrates seine Patienten mit einem bitteren Extrakt aus Weidenrinde, wenn sie an Schmerzen oder Fieber litten. Doch selbst als 1899 das Medikament Aspirin® auf den Markt kam, konnte noch niemand sagen, auf welche Weise die Acetylsalicylsäure und ihre verwandten Verbindungen Schmerzen lindern und Entzündungen hemmen. Erst in den siebziger Jahren entdeckte John Vane, dass die Substanz die Bildung von Prostaglandinen hemmt, die bei Entzündungsreaktionen normalerweise ausgeschüttet werden. Das Nobelpreiskomitee honorierte diese Entdeckung und weitere Forschungsergebnisse Vanes zur Rolle von Prostaglandinen 1982 mit dem Nobelpreis für Medizin.

Doch die gehemmte Prostaglandinproduktion konnte nicht alle Effekte des Medikaments erklären. 1994 stellten Wissenschaftler schließlich fest, dass Acetylsalicylsäure auch das Protein NF-kappa-B hemmt. Dieses Molekül aktiviert so genannte Cytokine, die wiederum andere Zellen des Immunsystems ankurbeln und so eine Entzündungsreaktion auslösen. Vincenzo Casolaro von den Johns Hopkins Medical Institutions fragte sich nun, ob womöglich auch Interleukin-4 dazugehört, das Entzündungsreaktionen fördert, indem es entsprechende Zellen aus dem Blut dazu anregt, ins Gewebe einzudringen. Doch das war nicht der Fall – tatsächlich stellte sich heraus, dass NF-kappa-B die Expression von Interleukin-4 in den Immunzellen sogar hemmt.

Nun bastelten Casolaro und sein Team die einzelnen Puzzleteile zusammen. Wenn Acetylsalicylsäure NF-Kappa-B hemmt, gleichzeitig aber NF-Kappa-B die Produktion von Interleukin-4 beeinträchtigt, dann sollte Acetylsalicylsäure eigentlich dazu führen, dass in Immunzellen mehr Interleukin-4 gebildet wird. Also gewannen die Forscher T-Zellen und kultivierten sie mit mit dem Wirkstoff. Doch zur großen Überraschung der Wissenschaftler hatte die Substanz genau den gegenteiligen Effekt: Der Gehalt an Interleukin-4 ging zurück.

Und damit nicht genug. Als die Forscher sich auf die Suche nach der Ursache machten, entdeckten sie zudem einen völlig neuen Wirkungsmechanismus des Medikaments. Denn als sie das für die Synthese von Interleukin-4 verantwortliche Gen genauer unter die Lupe nahmen, stellten sie fest, dass die Acetylsalicylsäure direkt an die DNA-Sequenz bindet, und zwar in der Promotor-Region. Hier wird die Menge reguliert, in der ein Protein hergestellt wird. Wenn Acetylsalicylsäure also auf diese Weise die Menge an zirkulierendem Interleukin-4 verringert, würde das die entzündungshemmende Wirkung der Substanz erklären. Und den verschiedenen Wirkungsweisen des Medikaments noch einen unerwarteten weiteren Mechanismus hinzufügen.

Lesermeinung

Beitrag schreiben

Wir freuen uns über Ihre Beiträge zu unseren Artikeln und wünschen Ihnen viel Spaß beim Gedankenaustausch auf unseren Seiten! Bitte beachten Sie dabei unsere Kommentarrichtlinien.

Tragen Sie bitte nur Relevantes zum Thema des jeweiligen Artikels vor, und wahren Sie einen respektvollen Umgangston. Die Redaktion behält sich vor, Leserzuschriften nicht zu veröffentlichen und Ihre Kommentare redaktionell zu bearbeiten. Die Leserzuschriften können daher leider nicht immer sofort veröffentlicht werden. Bitte geben Sie einen Namen an und Ihren Zuschriften stets eine aussagekräftige Überschrift, damit bei Onlinediskussionen andere Teilnehmer sich leichter auf Ihre Beiträge beziehen können. Ausgewählte Lesermeinungen können ohne separate Rücksprache auch in unseren gedruckten und digitalen Magazinen veröffentlicht werden. Vielen Dank!

  • Quellen
Johns Hopkins Medical Institutions

Partnerinhalte