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Hochkulturen: Altes Zeugnis

Halb Mesoamerika kannte schon Jahrhunderte vor Christi Geburt Schriftzeichen, nur die Maya nicht - so das Fazit bisheriger archäologischer Funde: Ausgerechnet diese Hochkultur schien das Schreiben erst gelernt zu haben, als ihre Nachbarn darin längst Meister waren. Ein Steinblock aus Guatemala rückt das schiefe Bild nun gerade.
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Wäre der Stein von Rosette nicht gewesen, wer weiß, welche Vorstellungen wir heute von dem antiken Ägpyten hätten. Der Glücksfund ermöglichte es Jean-Francois Champollion jedoch, die bis dato unlesbaren Hieroglyphen zu übersetzen – denn praktischerweise fand sich derselbe Text auch in Griechisch und Demotisch auf der Tafel. Zwar musste der französische Forscher noch austüfteln, in welcher Form sich Bildzeichen, Buchstaben und Laute entsprechen. Dann jedoch hielt er einen Text in der Hand: ein Dekret des Rates ägyptischer Priester. Champillon hatte den Schlüssel gefunden, mit dem sich nun zahlreiche überlieferte Hieroglyphen entziffern ließen.

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Steinblock mit Hieroglyphen | Die bislang ältesten Schriftzeichen der Maya: In den Ruinen von San Bartolo in Guatemala stieß ein Forscherteam auf diesen hell verputzten Stein mit schwarzen Hieroglyphen. Sie belegen, dass auch die Maya zur selben Zeit wie ihre Nachbarvölker bereits eine Schrift kannten. Bislang gab es nur einige Jahrhunderte jüngere Zeugnisse.
Ganz so erfolgreich waren William Saturno, David Stuart und Boris Beltrán nicht. Doch glücklich allemal: Bei ihren Ausgrabungen der Maya-Ruinen von San Bartolo in Guatemala stießen auch sie auf Hieroglyphen: eine Abfolge von zehn übereinander angeordneten Zeichen von gut zwei Zentimetern Breite und insgesamt knapp 16 Zentimetern Höhe, mit dicken schwarzen Strichen auf die weiß verputzte Steinunterlage gezeichnet. Nur leider ohne Übersetzung.

Das ist für die Forscher aus den USA und Guatemala aber auch nur ein kleiner Wermutstropfen, denn immerhin haben sie die bisläng ältesten Maya-Hieroglyphen gefunden. Bisherige Funde stammten aus der Zeit um Christi Geburt – als Schriftzeichen in Mesoamerika schon längst weit verbreitet waren. Die neuen Überreste aber sind laut Radiokarbondatierung zweihundert bis dreihundert Jahre älter und gehören somit in die Maya-Epoche der Späten Vorklassik, als auch benachbarte Völker ihre Schriften etablierten. Die Maya waren also keine Spätzünder in Sachen Schreiben, sondern hatten ihre archäologischen Schätze nur zu gut verborgen.

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Schriftzeichen | Die zehn übereinander gezeichneten Hieroglyphen sind wahrscheinlich das Ende einer längeren Sequenz, doch der obere Teil fehlt. Sie könnte in Zusammenhang stehen mit dem Abbild des Mais-Gottes auf dem Türsturz zur Fundkammer. Die Formen erinnern an damals übliche Schriftzeichen anderer Völker, die Ähnlichkeit mit der späteren Maya-Schrift ist sehr gering.
Die Wissenschaftler entdeckten den beschrifteten Stein in einem mit bunden Wandgemälden reich dekorierten Raum, dessen erhaltener Türsturz ein farbenprächtiges Bild des Mais-Gottes ziert. Sie vermuten, dass die Hieroglyphen damit in Zusammenhang standen, doch wo sich der Stein mit den Zeichen ursprünglich befand, konnten sie nicht mehr erkennen.

Die Abfolge scheint das Ende einer längeren Sequenz zu sein, deren oberer Teil fehlt. Um die Reihe schön gleichmäßig übereinander zu stapeln, hatte sich der Schreiber einen dünnen pink-orangefarbenen Hilfsstrich gezogen. Und was er mitteilen wollte, klingt sehr nach Herausforderung: Die Zeichen sind völlig verschieden von denen späterer Maya-Schrift.

Nur das siebte Zeichen von oben konnten die Forscher eindeutig zuordnen: Es ist eine frühe Version des Zeichens für "AJAW", das in jüngeren Maya-Texten für "Adliger" oder "Herrschender" steht. Einige Zeichen sind sehr bildhaft, andere – stärker abstrakte – Formen scheinen dagegen eher Vorläufer der späteren Maya-Schriftzeichen zu sein.

Insgesamt erinnern die Hieroglyphen aber an die so genannte epi-olmekische Schrift, welche die Völker westlich von San Bartolo in dieser Zeit verwendeten. Auch die Maya wagten also wie ihre Nachbarn schon früh erste Schreibversuche – und die Ähnlichkeit besagt nichts darüber, wer nun wen und wie beeinflusst hat. Ein mittelamerikanischer Stein von Rosette wäre also sehr hilfreich. Aber wer weiß, was die Ruinen von San Bartolo noch alles bergen.
10.01.2006

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 10.01.2006

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