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Kalenderblatt: Am 23. Januar 1960 ...

... um 8.23 Uhr spürten die Männer im Inneren der kleinen Kapsel, wie das Schaukeln plötzlich aufhörte. Ihr U-Boot war vom schwankenden Schiffskran ins Wasser gelassen worden. Nun begann die "Trieste" ihre große Fahrt nach unten - in den tiefsten Abgrund der Erde.
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Ziel der wagemutigen Expedition: der Marianengraben vor der Insel Guam, rund 2000 Kilometer östlich der Philippinen. Über 20 Jahre vergingen, bis der Schweizer Physiker und Erfinder Auguste Piccard ein Unterseeboot konstruiert hatte, das dem extremen Wasserdruck in elf Kilometer Meerestiefe standzuhalten vermochte. Eine Tonne Gewicht würde dort auf die Außenhülle drücken – pro Quadratzentimeter!

Piccards "Bathyskaph" (aus dem Griechischen von bathos: Tiefe und skaphos: Schiff) bestand aus einem 18 Meter langen Ballasttank, an dessen Unterseite die runde Druckkapsel hing – zusammengeschweißt in den Essener Kruppwerken. Im Inneren bot sie mit ihren zwölf Zentimeter dicken Edelstahlwänden gerade genug Platz für zwei Mann Besatzung: Auguste Piccards Sohn Jacques und Donald Walsh, Oberleutnant bei der US Navy.

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Bathyskaph "Trieste" | Die etwa 18 Meter lange "Trieste" bewies in zahlreichen Tests ihre Tiefseetauglichkeit – hier ein Jahr vor der Rekordfahrt. Unter dem sichtbaren Ballasttank befand sich die kugelförmige Druckkapsel, die Platz für zwei Passagiere bot.
Am Morgen jenes 23. Januar 1960 ging es anfangs nur langsam, dann mit der Geschwindigkeit eines Fahrstuhls abwärts. Nach einer Stunde waren gut 700 Meter erreicht. Vor dem 15 Zentimeter dicken Glas des Bullauges nichts als stockfinsteres Schwarz. Die erste von 15 Tafeln Schokolade, die einzige Verpflegung an Bord, machte die Runde.

Bei 1280 Meter Tiefe notierte Jacques Piccard einen "kleinen, gewundenen Faden" Wasser. Ein Leck, das sich aber unter dem stetig ansteigenden Druck von selbst schloss.
"Für mich war sie ein lebendiges Geschöpf, von dem Willen beseelt, dem zupackenden Druck zu widerstehen"
(Jacques Piccard)
Bald machte sich ein neues bemerkbar. Auch dieses verschwand wieder. Piccard hatte unbedingtes Vertrauen in die Berechnungen seines Vaters, nach denen die Kapsel selbst in 20 000 Meter Tiefe nicht zerdrückt würde. "Ein totes Ding? Nein!", schrieb er später. "Für mich war sie ein lebendiges Geschöpf, von dem Willen beseelt, dem zupackenden Druck zu widerstehen."

Bei 7025 Metern brachen die Männer ihren eigenen Rekord einer früheren Fahrt. Um 11.44 Uhr war das Stahlseil über ihnen so lang, wie der Mount Everest hoch ist. Dann verstummte das Unterwassertelefon. Die Kommunikation zwischen den Männern in der Tiefe und der Mannschaft auf dem Mutterschiff, der "USS Wandank", war unmöglich geworden. Bei 9,5 Kilometer Tiefe beschlich Piccard ein bekanntes, ein mulmiges Gefühl. Der Marianengraben, so hatten es ihm die Geologen gesagt, sei hier nur etwa 1,6 Kilometer breit. Über die Meeresströmungen in dieser Tiefe wussten sie indes nicht. Was wäre, wenn die "Trieste" gegen eine Wand des Grabens stieße? "Ein Gedanke, der einen frösteln ließ!"

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Unter Druck | Donald Walsh und Jacques Piccard an Bord der "Trieste", kurz vor ihrer Tauchfahrt in den Marianengraben
Um 12.06 Uhr, bei 9875 Meter Tiefe, wurden Piccard und Walsh von einer "starken, dumpfen Explosion" aus ihrer konzentrierten Anspannung aufgeschreckt. "Sind wir auf Grund gestoßen?", fragte Walsh. "Das glaube ich nicht", antwortete Piccard. "Ohne umständliche Erörterungen" waren sich die beiden einig, dass sie weiter hinabsteigen wollten.

12.56 Uhr. Walsh schaute gebannt auf das Echolot, als er endlich rief: "Er ist da, Jacques. Es sieht aus, als hätten wir ihn gefunden!" Noch 77 Meter. "Der Boden erschien hell und klar, eine Wüste von hellzimtfarbenem Schlick." Kurz bevor das U-Boot aufsetzte, scheuchten seine Scheinwerfer einen 30 Zentimeter langen Plattfisch ins Dunkel. Er gab "in einer Sekunde die Antwort, nach der Biologen Jahrzehnte gesucht hatten": Konnten in diesen Tiefen höhere Wesen leben?

Um 13.06 Uhr nahmen die beiden im Namen der Wissenschaft und der Menschheit symbolisch Besitz von der tiefsten Stelle aller unserer Ozeane – 10 916 Meter unter dem Meeresspiegel.

20 Minuten lang machten sie allerlei Beobachtungen und Messungen, als Walsh plötzlich auf die Plexiglasabdeckung vor dem Bullauge zeigte.
"Der Boden erschien hell und klar, eine Wüste von hellzimtfarbenem Schlick"
(Donald Walsh)
Sie war von unzähligen Rissen durchzogen – und offenbar die Ursache für jenen Knall in 9875 Meter Tiefe gewesen. Auch wenn ihre Sicherheit nicht unmittelbar bedroht war, beschlossen Jacques Piccard und Donald Walsh, ihren auf 30 Minuten angelegten Aufenthalt zu verkürzen und sofort aufzusteigen.

Dreieinhalb Stunden später, um 16.56 Uhr, tauchte die "Trieste" aus dem Meer auf. Ihre beiden Passagiere waren die ersten und bis auf den heutigen Tag auch die letzten Menschen, die jemals den tiefsten Abgrund der Erde besucht haben.

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