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Am Bodensee: Mittelalterschiff in Konstanzer Kellerdecke entdeckt

Die Fachleute trauten ihren Augen nicht: Statt schlichter Bohlen stecken in einer Kellerdecke der Konstanzer Altstadt die Planken eines Schiffs. Der Bautyp entspricht dem des ältesten bekannten Schiffswracks vom Bodensee.
Eine Person betrachtet ein antikes Holzboot, das in einem modernen Museum ausgestellt ist. Das Boot ist aus dunklem Holz gefertigt und zeigt deutliche Spuren von Alterung. Es liegt auf einem Bett aus kleinen weißen Steinen. Die Umgebung ist minimalistisch gestaltet, mit Betonwänden und einer Glasbarriere, die das Exponat schützt. Ein Schild mit Informationen ist neben dem Boot platziert.
Die Überreste eines Lastsegelschiffs wurden 1991 aus dem Bodensee gehoben. Ein Exemplar ganz ähnlichen Bautyps haben Fachleute nun in der Kellerdecke eines mittelalterlichen Hauses in Konstanz entdeckt.

Kaum ein Ort ist so geschichtsträchtig wie die Konradigasse in Konstanz am Bodensee. Wand an Wand sind dort Häuser aneinandergereiht, die im Mittelalter entlang der damaligen Stadtmauer errichtet wurden. Kunstvolle Holzdecken, spezielle Spindeltreppen, verzierte Bohlenwände – in jedem der Häuser steckt eine jahrhundertealte Geschichte, die das Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg akribisch dokumentiert. Just bei diesen Arbeiten haben die Fachleute in der Konradigasse Nummer 9 nun etwas Kurioses im Keller entdeckt: Was aussieht wie eine schlichte Holzdecke, erwies sich als fast vollständiger Rumpf eines Schiffs aus dem Mittelalter.

»Als ich das erste Mal in den Keller kam, dachte ich, ich sehe nicht richtig«, berichtet Alexandra Ulisch, Unterwasserarchäologin am Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart. Nicht nur ein Stück Schiffsholz sei in der Decke verbaut worden, sondern mindestens 19 Planken aus Eichenholz lägen auf den Trägerbalken. Aus Konstanz kenne man zwar Häuser, in denen einzelne Schiffsteile als Baumaterial eingefügt sind, »aber einen fast vollständig zusammenhängenden Schiffsrumpf vor uns zu haben, das ist einmalig und völlig außergewöhnlich«, erklärt Ulisch.

Dass es sich nicht um gewöhnliches Bauholz handeln konnte, fiel den Forscherinnen und Forschern an den Holznägeln auf, die in den Bohlen stecken. Ihre Form und ihre Lage in der mehr als 25 Quadratmeter großen Holzdecke verrieten, dass auf den Deckenbohlen einst Spanten befestigt waren. »Die Spanten bilden das Gerippe eines Schiffs«, erklärt Ulisch, »und darauf liegt die Außenhaut, die aus den Planken besteht.« Von den Spanten fehlt – bis auf die Nägel – jede Spur, aber die Planken seien passgenau aufeinander zugeschnitten und lägen im selben Verbund in der Decke wie einst am Schiff. Dadurch habe sich an einigen Stellen auch die Kalfatmasse erhalten. Das ist jener Stoff, mit dem die Fugen zwischen den Planken abgedichtet wurden. Im Mittelalter konnte dieser Kitt aus Textil bestehen, das mit Pech oder Teer vermischt war. Aus einer Analyse der Masse versprechen sich die Archäologen neue Erkenntnisse über die mittelalterliche Schifffahrt am Bodensee.

Das Schiff in der Kellerdecke, so formuliert es Ulisch als vorläufiges Ergebnis, war einst wohl abgewrackt und als Baumaterial wiederverwendet worden. Bevor die Planken zu Deckenbohlen wurden, dürfte das Boot jedoch intensiv im Einsatz gewesen sein: An den Hölzern entdeckten die Fachleute mehrere geflickte Stellen.

Keller in der Konradigasse |

Ein Mitarbeiter vom Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart fotografiert die Kellerdecke in der Konradigasse 9. Aus den Bildern erstellt eine Software ein 3D-Modell der Schiffsplanken.

Ein Schiff wie vom Kippenhorn bei Immenstaad

Die Form der Holznägel, der Nagellöcher und der Planken spricht für ein Schiff aus mittelalterlicher Zeit. Das legt auch die bisherige dendrochronologische Datierung nahe: Die Trägerbalken, die rechtwinklig zu den aufliegenden Planken verlaufen und nicht Teil des Schiffs waren, stammen aus dem Jahr 1244. Für eine Altersbestimmung der Schiffsteile selbst wurden bereits Proben entnommen. Die Ergebnisse erwarten die Forscher in den kommenden Wochen. Ulisch geht momentan davon aus, dass sie älter sind als die Trägerbalken. Sicher sei das aber noch nicht.

Vermutlich gehörten die Hölzer zur Boden- und Seitenbeplankung des Schiffs. Und nach allem, was die Fachleute in Konstanz derzeit sagen können, ähnelt sie einem Bautyp, der im Mittelalter als Lastkahn auf dem Bodensee segelte. Davon ist ein Exemplar besonders gut erhalten, das als das bislang älteste Segelschiffswrack am Bodensee bekannt ist: das Wrack vom Kippenhorn bei Immenstaad aus der Zeit um 1337. Archäologen haben das Schiff im Jahr 1991 geborgen und konserviert – eine Seltenheit, denn auf dem Grund des Bodensees schlummern vermutlich Hunderte gesunkene Schiffe, die allein schon wegen der aufwendigen Erhaltungsmaßnahmen nicht geborgen werden können. Das Wrack vom Kippenhorn, das heute im Archäologischen Landesmuseum Baden-Württemberg in Konstanz ausgestellt ist, gehörte zu einem mehr als 18 Meter langen Segler ohne Kiel. Das Schiff mit flachem Boden und fast senkrechten Bordwänden eignete sich gut, um auch in Ufernähe zu fahren.

Holznägel und Reparaturstelle |

In den Hölzern stecken Dübel, mit denen die Planken einst an den Spanten befestigt waren. Bei der Einlage in Form eines Schwalbenschwanzes handelt es sich um eine reparierte Stelle. Das Schiff war also ausgebessert worden.

Am Bodensee diente der Bootstyp über das gesamte Mittelalter hinweg für den Gütertransport, etwa vom 12. bis zum 15. Jahrhundert. Hatte ein Schiff ausgedient, weil sich beispielsweise Risse im Holz nicht mehr abdichten ließen, wurde es abgewrackt und zerlegt. Im Fall der Konradigasse 9 wurde es dann offenbar zur Kellerdecke umfunktioniert. Doch warum verbaut man fast ein ganzes Schiff in einem Haus? »Holz war im Mittelalter ein sehr begehrter Rohstoff«, sagt Ulisch. Als Planken verwendete man lange, dicke und stabile Hölzer. »Das ist einfach sehr gutes Bauholz.« Ob aus diesem Grund der Keller in der Konradigasse mit einem Schiffsrumpf gedeckt wurde, müssten aber noch die weiteren Forschungen zeigen.

Die Fachleute stecken mitten in ihrer Arbeit. Bisher haben sie, um die genaue Zahl der Planken und ihre Größe zu erfassen, die Decke am 11. August 2026 fotogrammetrisch erfasst. Dazu nahmen sie zahlreiche Einzelbilder auf, aus denen eine Software ein 3D-Modell erstellte. Daraus erhoffen sich die Forscher neue Erkenntnisse zur Konstruktion mittelalterlicher Schiffe. Zwar liegen auf dem Grund des Bodensees auch einige wenige mittelalterliche Wracks, doch an diese Überreste kommen Taucher nur mit Mühe heran. Das Schiff in der Konradigasse bietet demgegenüber das nahezu perfekte Forschungsmaterial.

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  • Quellen
  • Hakelberg, D., Wooden Shipbuilding on Lake Constance before 1900. In: Crumlin-Pedersen, O., Trakadas, A. (Hg.), Boats, Ships and Shipyards, 2004
  • Lohrum, B. et al., Denkmalpflege in Baden-Württemberg 2, 2017

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