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News: Am Rande bemerkt

Wie Inseln ragen die letzten, noch intakten Lebensräume aus dem Meer einer gestörten Umwelt. Oftmals konzentrieren sich die Schutzmaßnahmen allein auf die voneinander isolierten Flächen und lassen dabei die nähere Umgebung außer acht. Doch offenbar kommt es auch entscheidend auf die Grundsubstanz an, in welche die ursprünglichen Habitatstücke mosaikartig eingebettet sind: Sind die Randgebiete in einem weitgehend naturnahen Zustand, so ist hier eine wesentlich höhere Artenvielfalt anzutreffen.
Längst ist es ein alter Hut, dass der Mensch den ursprünglichen Lebensräumen auf dem Planeten Erde sehr zusetzt und sie bereits stark gestört oder gar vernichtet hat. Und auch die letzten Bollwerke in einer zunehmend anthropogen geprägten Landschaft sind aufs Äußerste bedroht. Schon jetzt handelt es sich bei den noch weitgehend intakten Gebieten oftmals um kleinflächige und zerstückelte Überreste eines ehemals großräumigen Ökosystems. An der Frage, wie diese isolierten Bereiche am wirksamsten zu schützen sind, scheiden sich die Gemüter. Nicht selten stehen allein die gefährdeten Mosaikflächen im Brennpunkt der Schutzbestrebungen.

Doch wie sieht es mit der näheren Umgebung aus? Ist sie eher zu vernachlässigen oder kommt ihr möglicherweise eine Schlüsselfunktion zu? Nun richteten gleich zwei Forscherteams ihr Augenmerk auf diese Fragestellung und beleuchteten die Problematik mit Hilfe verschiedener Ansätze. Ivette Perfecto und John Vandemeer von der University of Michigan untersuchten den 37 Hektar umfassenden tropischen Bergwald La Montanita in Mexiko und die ihn umgebenden Kaffeeplantagen.

Im Brennpunkt ihrer Studie standen eine schattige, organisch bewirtschaftete Farm, die hauptsächlich mit einheimischen Bäumen durchsetzt ist, während auf dem anderen, sonnigen Kaffeeanbaugebiet Schädlingsbekämpfungsmittel zum Einsatz kamen. Als Indikator für die Lebensqualität auf diesen Flächen nutzten die Wissenschaftler Ameisen, die am Boden auf Futtersuche gehen. Für diesen Zweck scheinen die Tiere besonders geeignet zu sein, denn sie stellen den Großteil der tropischen Insekten.

Und die Ergebnisse fielen eindeutig aus: Während die Anzahl an verschiedenen Ameisen in dem Waldfragment mit 23 Arten und auf der biologisch bestellten Kaffeeplantage mit 16 Arten relativ hoch ausfiel, schnitt die konventionelle Fläche schlecht ab: Nur sieben Arten fühlten sich hier heimisch. Zudem unterschieden sich die beiden Anbaugebiete in einem weiteren Punkt drastisch voneinander. Je weiter der benachbarte Bergwald entfernt war, desto weniger Arten ließen sich zwar auf den Kaffeefarmen nachweisen, doch die Vielfalt an Ameisen war auf der ökologisch bewirtschafteten Fläche auch bei gut 800 Metern Abstand vom Wald noch hoch. Im Gegensatz dazu sank die Diversität auf der konventionellen Fläche schon nach 20 Metern auf ihren niedrigsten Stand ab.

Wie diese Zahlen belegen, ist es nicht nur wichtig, die zerstückelten Lebensräume mit Korridoren untereinander zu verbinden, sondern auch der naturnahen Gestaltung der unmittelbaren Umgebung kommt bei den Schutzbestrebungen offenbar eine entscheidende Bedeutung zu. Zu einer ähnlichen Erkenntnis gelangten Winsor Lowe und Douglas Bolger vom Dartmouth College. Ziel ihrer Untersuchung war es herauszufinden, wie sich die Abholzung in der Nähe von 25 Flussoberläufen auf das Vorkommen des Porphyrsalamanders (Gyrinophilus porphyriticus) auswirkt.

Da Reptilien äußerst sensibel auf veränderte Lebensbedingungen zu Wasser und zu Lande reagieren, können sie exemplarisch die ökologischen Auswirkungen der Holzgewinnung – wie die zunehmende Gefährdung durch Überschwemmungen, Erosion und Sedimentation – aufzeigen. In ihrer Analyse berücksichtigten die Forscher Faktoren wie die vergangene Zeit seit der letzten Abholzung, die Sedimentbildung im Fluss, die Anwesenheit der räuberischen Bachforelle sowie die Nähe zu anderen Salamanderpopulationen.

Und die Untersuchung brachte folgende Ergebnisse zu Tage: Jene Flüsse, die in einen anderen Wasserlauf mündeten, wiesen wesentlich mehr Salamander auf als solche, die isoliert die Landschaft durchzogen – und zwar bis zu 40 Prozent mehr. Vermutlich ermöglichen miteinander in Verbindung stehende Flüsse ein Hin- und Herwandern der Reptilien und können somit lokale Populationen in nicht mehr intakten Wasserläufen vor dem Aussterben bewahren, spekulieren die Forscher. Beide Forschungsarbeiten demonstrieren also, dass die umgebenden Randgebiete bei der Aufrechterhaltung der Artenvielfalt in einem Lebensraum offenbar eine entscheidende Rolle spielen.

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