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Erdgeschichte: Als das Meer Amazonien überflutete

Zweimal wurde Amazonien vom Meer teilweise überflutet. Schuld waren die Anden, deren Aufstieg der Karibik den Weg in den Kontinent ebnete. Ein Haizahn belegt es.
Requiemhaie schwammen vor Millionen Jahren in AmazonienLaden...

Haie in Amazonien? Tatsächlich fangen Fischer auch in Amazonien immer wieder Haie in ihren Netzen: Bullenhaie, die im Süßwasser überleben und vom Atlantik weit flussaufwärts wandern können. Im Laufe der Erdgeschichte tauchten die Raubfische allerdings häufiger in der Region auf, wie ein kleiner fossiler Zahn belegt. Zusammen mit anderen marinen Fossilien beschreibt er eine geologische Epoche, während der das westliche Amazonasbecken wohl gleich zweimal von Salzwasser überflutet wurde. Das beschreiben Carlos Jaramillo vom Smithsonian Tropical Research Institute und seine Kollegen in "Science Advances". In der Zeit vor 17 bis 18 Millionen und 12 bis 16 Millionen Jahren bahnte sich die Karibik demnach den Weg vom Norden Venezuelas bis ins nordwestliche Brasilien und verwandelte das Gebiet in ein tropisches Flachwassermeer mit all seinen Lebewesen.

Neben dem Haizahn, den Überresten eines Krustentiers und zahlreichen marinen Mikroorganismen belegen dies nach Angaben der Forscher auch Pollen, die sie aus Sedimentbohrkernen gewonnen haben. Zweimal während des Miozäns wurden tropische Landpflanzen durch salztolerante Gewächse abgelöst, die ihre Spuren im Schlamm hinterlassen haben. Schuld an der Überflutung war der Aufstieg der Anden: Als das Gebirge sich hob, sank das östlich davon gelegene Amazonasbecken so stark ab, dass Meerwasser einströmen und eine gigantische Lagune bilden konnte. Diese Phasen dauerten allerdings in erdgeschichtlichem Maßstab nur kurz, denn schon nach jeweils einer Million Jahren war diese Überflutung wieder beendet und das Meer- durch Süßwasser beziehungsweise festes Land verdrängt worden. Heute entspricht die typische Vegetation in der Region zu 80 Prozent tropischen Regenwäldern, während 20 Prozent auf Feuchtgebiete inklusive Überschwemmungswälder entfallen.

Paläontologen diskutieren schon seit Längerem, wie sich das Amazonasbecken am Fuß der Anden entwickelt hat. Manche Geowissenschaftler vertreten die These, dass sich hier ein riesiger Binnensee befunden hat, in dem unter anderem eine sehr große Vielfalt an Krokodilen lebte. Vor 10,5 Millionen Jahren strömte der Amazonas auch noch von Osten nach Westen – aus dem Hochland von Guayana in Richtung Anden. Als sich die Anden ab der Zeit vor etwa 50 Millionen Jahren auffalteten, versperrten sie dem Amazonas die Pazifikmündung – und damit auch einigen Tierarten den Rückzug ins Meer: Diese ursprüngliche Fließrichtung und die Blockade erklären, warum tausende Kilometer vom Atlantik entfernt und vom Pazifik durch die Bergkette getrennt Rochen und andere ursprünglich ozeanische Fischarten im peruanischen Amazonasabschnitt schwimmen. Vorerst entwässerte der Amazonas allerdings weiterhin nach Westen, weshalb sich das Wasser am Fuß der Anden staute und mehrere riesige Seen und Sümpfe schuf. Andere Thesen diskutieren, ob der Amazonas sich einen anderen Weg nach Norden gesucht haben könnte und ob dieser Strom ebenfalls zeitweise von der Karibik überflutet wurde.

Welche sich davon nun als richtig erweist, müssen erst weitere Sedimentproben bestätigen. Wichtig ist dieses erdgeschichtliche Kapitel jedenfalls ebenso für die Erforschung der Biodiversität in diesem Gebiet – denn es gehört zu den vielfältigsten der Erde.

18/2017

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 18/2017

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