Angine de Poitrine: Ein Rockduo gegen die Gleichförmigkeit

Eines der seltsamsten viralen Musikphänomene des Jahres 2026 ist das Duo »Angine de Poitrine« aus Quebec. Während sich die Musikbranche mit einer Flut von KI-Songs nach dem immer gleichen Rezept herumschlug, ging im Februar ein 27-minütiges YouTube-Video der beiden viral, das unkonventionell anmutete. Darin trugen sie schwarz-weiß gepunktete Outfits und seltsame Masken, die sie wie Außerirdische aussehen ließen. Auch ihre Musik bricht mit gängigen Normen der westlichen Popmusik.
Auf diese Weise hat das Duo allein mit diesem Video mehr als 16 Millionen Aufrufe erzielt. Sogar Google wurde darauf aufmerksam und widmete der Gruppe eine eigene Darstellung, wenn man nach ihr sucht. Physik und Neurobiologie können helfen zu erklären, warum eine Band, deren Musik sich eines ungewöhnlichen Tonmaterials bedient, so viral ging.
»Ein natürlicher Ton ist eine Mischung aus verschiedenen Schwingungen mit einer klar erkennbaren Grundschwingung«, erklärt Mark van Raamsdonk, Physikprofessor an der University of British Columbia und Amateur-Jazzmusiker. »Schwingt etwa eine Klaviersaite mit bestimmten Frequenzen, lässt sie die umgebende Luft vibrieren, die wiederum das Trommelfell in denselben Frequenzen anregt, woraufhin das Ohr diese Bewegungen in Signale für das Gehirn umwandelt.«
In der westlichen Musik besteht die überwiegende Mehrheit der Klänge aus Tönen diatonischer Tonleitern und den dazwischenliegenden Halbtönen. Stellen Sie sich eine Klaviertastatur vor: Die Töne, die beim Drücken der weißen Tasten von a bis g erklingen, bilden die diatonische Tonleiter a-Moll. Die schwarzen Tasten stellen auf diesem Weg einige dazwischen liegende Halbtöne dar. Der Abstand zwischen a und dem nächsthöheren a' beträgt eine Oktave – das höhere a' schwingt genau mit der doppelten Grundfrequenz wie a.
Das Konzept der musikalischen Intervalle, die auf Frequenzverhältnissen basieren, reicht mehr als 2500 Jahre zurück. Musikhistoriker schreiben es oft entweder dem griechischen Philosophen Pythagoras oder den alten Mesopotamiern zu. In jedem Fall erkannten die Musiker der Antike, dass eine Veränderung der Saitenlänge auch deren Schwingung beim Zupfen beeinflusste – und dies wiederum die Tonhöhe. Die Beziehung zwischen den Tönen hängt vom Verhältnis ihrer Grundfrequenzen zueinander ab.
Die westliche Musik stützt sich zudem stark auf harmonische Obertöne. Wenn man einen Ton auf einem Instrument spielt, hört man neben der Grundfrequenz noch meist mehrere höhere Frequenzen, die leiser sind als dieser Grundton. Sie verleihen einem Instrument seinen Charakter. Eine Geige beispielsweise erzeugt andere harmonische Obertöne als eine Akustikgitarre, obwohl beide Saiteninstrumente sind.
Wie die harmonischen Obertöne verschiedener Töne zueinander passen, kann darüber entscheiden, ob sie zusammen angenehm klingen oder nicht. Bei einem musikalischen Intervall, das als reine Quinte bekannt ist, schwingt die Grundfrequenz des höheren Tons genau 1,5-mal so schnell wie die des tieferen Tons. In diesem Fall überlappen sich die Obertöne der beiden auf eine Weise, die die meisten Menschen als angenehm (»konsonant«) empfinden. Das Duo Angine de Poitrine durchbricht das Prinzip der Konsonanz oft absichtlich.
Der einzigartige Sound von Angine de Poitrine
Stattdessen verwendet das Alien-Duo eine besondere Gitarre, die von einem der beiden, genannt Khn, gebaut wurde. Khn hat zusätzliche Bünde hinzugefügt, die es ermöglichen, Töne zu spielen, die einen engeren Abstand haben als die üblichen westlichen Halbtonschritte. Dies ist der klassischen indischen Musik nicht unähnlich, wo die Oktaven in 22 Schritte unterteilt sind statt in zwölf wie in der gängigen westlichen Musik. Fast die gesamte populäre westliche Musik basiert auf dem System dieser zwölf Halbtöne und ihrer spezifischen Obertöne. Infolgedessen hat sich unser Gehirn daran gewöhnt, und alles, was außerhalb dieses Systems liegt, klingt mitunter einfach seltsam. Das gilt besonders für Menschen, die mit dieser Zwölf-Ton-Grundlage aufgewachsen sind.
»Tatsächlich beginnt das Gehirn schon im Säuglingsalter, in den ersten Lebenswochen, Regelmäßigkeiten zu erkennen, auch wenn es noch nicht voll entwickelt ist. Das können die Sprachmuster sein, die es hört; es kann die Musik sein, die es hört«, sagt Robert Zatorre, kognitiver Neurowissenschaftler an der McGill University und Autor eines Buchs über Musikwahrnehmung. »Ihr kleines Gehirn bildet bereits Erwartungen.«
»Das Gehirn beginnt schon in den ersten Lebenswochen, Regelmäßigkeiten zu erkennen«Robert Zatorre, kognitiver Neurowissenschaftler
Das Wechselspiel von Erwartung und Überraschung nimmt eine Schlüsselrolle dabei ein, wie das menschliche Gehirn Musik verarbeitet. Eine Studie aus dem Jahr 2019 von Zatorre, seinem damaligen Doktoranden Benjamin Gold und Kollegen ergab, dass die Belohnungszentren des Gehirns am stärksten angeregt wurden, wenn sich eine erwartete musikalische Phrase plötzlich veränderte. Andere Untersuchungen haben wiederholt dasselbe Ergebnis erbracht – wir mögen ein wenig Unvorhersehbarkeit in der Musik.
»Wenn sie zu vorhersehbar ist, wird sie langweilig, und das Gehirn schaltet ab«, sagt Zatorre. »Wenn sie zu unvorhersehbar ist, wenn man völlige Zufälligkeit hört, klinkt sich das Gehirn ebenfalls aus, weil es nichts gibt, dem man folgen kann. Was man braucht, ist ein Sweetspot, an dem ein gewisses Maß an Komplexität, aber auch eine gewisse Überraschung vorhanden ist.«
Das Wecken und Enttäuschen von Erwartungen könnte helfen, die virale Verbreitung von Angine de Poitrine zu erklären. Ihre Musik ist anders, aber sie ist kein Durcheinander konkurrierender Frequenzen. Riffs und musikalische Phrasen wiederholen sich, jedoch über unterschiedliche Rhythmen hinweg. Es gibt seltsame Intervalle zwischen den Schwingungen, die für jemanden, der mit Taylor Swift, den Rolling Stones oder Jay-Z aufgewachsen ist, völlig fremd klingen könnten.
Das Gehirn der Zuhörer kann ein Muster erkennen, nur um dann einen angenehmen kleinen Schauer zu verspüren, wenn sich das Muster gerade ein Stück weit ändert oder eine ungewöhnliche Note eingestreut wird. »Das ist gewissermaßen der Punkt: Die ungewöhnlichen Elemente werden durch einige eigentlich eher traditionelle Elemente ausgeglichen, wie die Wiederholung bestimmter Phrasen«, sagt Zatorre.
Angine de Poitrine sind nicht die Ersten, die sich dieser Werkzeuge in der modernen westlichen Musikhemisphäre bedienen. So liefert die australische Band »King Gizzard & the Lizard Wizard« mit ihrem im Jahr 2017 erschienenen Album »Flying Microtonal Banana« ein Beispiel dafür, wie Mikrotöne das klangliche Vokabular westlicher Pop- und Rockmusik erweitern können. Schon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde der tschechische Musiktheoretiker Alois Hába für seine Kompositionen mit Mikrointervallen berühmt. Angine de Poitrine ist es allerdings gelungen, das Phänomen einem besonders breiten Onlinepublikum zugänglich zu machen.
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