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Krieg in der Ukraine: »Wir können Kinder nicht von der Realität abschirmen«

Auch viele Kinder und Jugendliche belastet der Angriff Russlands auf die Ukraine. Eltern sollten deshalb unbedingt mit ihnen reden, sagt der Familienberater Torsten Andersohn: »Das Schlimmste ist, wenn Kinder Angst haben und damit allein gelassen werden.«
Vertrauensvolles Gespräch zwischen Mutter und Tochter

Der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine ist eskaliert: Russische Truppen sind einmarschiert und kontrollieren inzwischen mehrere Gebiete in der Ukraine, in einigen Städten toben schwere Kämpfe, der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat den Kriegszustand ausgerufen. Das bereitet vielen Menschen in Europa Angst und Sorgen, auch Kindern und Jugendlichen. Wie beantwortet man ihre Fragen, und lässt sich Krieg überhaupt erklären? Der Diplompsychologe und langjährige Familienberater Torsten Andersohn aus Berlin plädiert im Interview für einen offenen Umgang mit dem Thema.

»Spektrum.de«: Russland greift die Ukraine an. In den Nachrichten fiel bereits der Begriff »Dritter Weltkrieg«. Muss ich mit meinem Kind darüber sprechen?

Torsten Andersohn: Ich finde das sinnvoll, besonders wenn Sie von der Situation selbst betroffen sind. Ich sorge mich beispielsweise um die Menschen in der Ukraine, habe aber auch Angst vor dem, was dieser Konflikt für die Sicherheit und Freiheit Europas bedeutet. In mir sind also eine Menge Emotionen und all die bekommt mein Kind – oder in meinem Fall: mein Enkel – mit. Als Erwachsener muss ich deshalb die Verantwortung für diese bei mir ausgelöste Sorge übernehmen und das zur Sprache bringen.

Sie würden also nicht darauf warten, bis Ihr Kind zu Ihnen kommt und selbst fragt?

Wenn es das tut, ist das super. Aber nein, darauf würde ich nicht unbedingt warten. Denn geht es den Eltern nicht gut, etwa weil sie sich um das Weltgeschehen sorgen oder gar Verwandte in der Ukraine haben, und darüber wird nicht gesprochen, entstehen Spannungen. Diese beziehen Kinder schnell auf sich, denken, sie hätten etwas falsch gemacht, nehmen die Schuld gar auf sich und glauben, sie müssten etwas machen, damit es Mama oder Papa wieder gut geht. Diese Verantwortung dürfen wir ihnen nicht aufbürden. Und wir sollten sie mit diesen Spannungen nicht allein lassen.

Zur Person

Torsten Andersohn ist Diplompsychologe und arbeitet seit 35 Jahren in der Kinder-, Jugend- und Familienhilfe. Nachdem er fast drei Jahrzehnte lang bei einem großen Träger in Berlin beschäftigt war, berät er dort heute als freiberuflicher Kommunikationspsychologe Teams und Familien. Außerdem ist er als aufsuchender Familientherapeut tätig.

Wie lässt sich der Krieg in Worte fassen, die mein Kind versteht?

Das hängt vom Alter ab. Gerade kleine Kinder haben noch nicht die gleichen Moralvorstellungen wie Erwachsene. Sie fragen daher oft sehr naturwissenschaftlich und wollen in erster Linie verstehen. Dementsprechend ist es sinnvoll, mit den Kindern in einen Dialog zu gehen und ihnen auf ihre Fragen zu antworten. Dabei könnten Erwachsene beispielsweise sagen: »Krieg ist etwas, das das Leben kaputt macht.« Ich kann auch erklären, dass im Krieg häufig Waffen eingesetzt und Häuser kaputt gemacht werden und Eltern Angst haben, ihren Kindern könnte etwas passieren. Möglich ist auch, Krieg spielerisch zu erklären, etwa mit Bauklötzen. Die Grundhaltung sollte insgesamt die gleiche sein wie bei allen Phänomenen, die ich einem Kind erkläre: größtmögliche Offenheit, keine Vorträge, sondern ein gemeinsamer Dialog.

Emotionen bleiben also eher außen vor.

Nicht unbedingt. Zur Offenheit gehört auch Authentizität. Wenn ich als Erwachsener selbst ziemliche Angst habe, sollte ich darüber sprechen. Wie gesagt: Kinder bekommen unsere Gefühle mit. Wichtig ist allerdings, dass ich meine Angst nicht auf das Kind übertrage, sondern klarstelle: »Mir macht das Angst, du musst dir deshalb aber keine Sorgen machen. Du bist bei mir sicher.« Damit mache ich meinem Kind deutlich, dass es nicht dafür zuständig ist, sich um mich zu kümmern. Gleichzeitig zeige ich ihm, dass Gefühle mit dazugehören.

»Ich habe Angst, bei mir bist du aber sicher« – ist das nicht ambivalent?

Ein Stück weit schon. Doch auch mit Widersprüchlichkeiten müssen wir lernen umzugehen. Entscheidend ist, dass wir in Kontakt bleiben. Bin ich mir beispielsweise nicht sicher, ob mein Kind das Erklärte versteht oder aus Rücksicht auf mich seine Angst versteckt, lohnt es sich nachzufragen: Hast du das verstanden? Wie geht es dir damit? Wenn es dann sagt, dass es ihm nicht so gut geht, sich fragt, wie es mich wieder fröhlich machen oder den Menschen in der Ukraine helfen kann, können wir gemeinsam überlegen, was in der jeweiligen Situation helfen würde.

Haben Sie ein Beispiel?

Wenn sich mein Kind um die Menschen in der Ukraine sorgt, könnten wir ein Plakat basteln, gemeinsam zur russischen Botschaft ziehen oder eine Mahnwache besuchen. Ich zeige ihm also Möglichkeiten auf, ins Handeln zu kommen und sich nicht ohnmächtig zu fühlen. Fürchtet sich ein Kind, könnte ich fragen, ob es eine Idee hat, was ihm oder ihr helfen könnte. Vielleicht braucht es eine Umarmung oder wir bauen eine Höhle, schaffen also einen sicheren Ort, wo sich das Kind aufgehoben fühlt. Angst zu haben, ist erst einmal nichts Schlimmes. Entscheidend ist, dass wir für das Gefühl Geborgenheit schaffen.

»Angst zu haben, ist erst einmal nichts Schlimmes«

Was meinen Sie mit Geborgenheit?

Zum einen das Gefühl, gesehen und verstanden zu werden. Zum anderen das Kind auf der Suche nach einem passenden Umgang zu unterstützen und zu begleiten.

Die Geborgenheit von Gefühlen findet also in der Beziehung statt.

Absolut. Das Schlimmste ist, wenn Kinder Angst haben, sich bedroht fühlen, vielleicht sogar Gewalt erleben und damit allein gelassen werden. Oder wenn vielleicht sogar nicht einmal darüber gesprochen wird. Ist das der Fall, nimmt die Seele leicht Schaden.

Was machen Eltern, die von ihren eigenen Sorgen überrannt werden oder aus ihrer Angstspirale gar nicht mehr rauskommen?

Sich Hilfe suchen, etwa bei einem Freund, einer Freundin oder der Erziehungsberatung. Wenn mein Kind eine Frage stellt und ich darauf keine Antwort weiß oder mich überfordert fühle, kann ich außerdem sagen, dass ich einen Augenblick Zeit brauche und darüber nachdenken muss. Wichtig ist nur, das Thema dann nicht fallen zu lassen, sondern später wieder anzusprechen. Mitunter braucht es für das Kind auch mal ein Korrektiv.

Was meinen Sie damit?

Als Familientherapeut habe ich mal einen sechsjährigen Jungen kennen gelernt. Er ging davon aus, dass Waffen ihn vor seiner Angst schützen. Ich habe ihm dann erklärt, dass man Angst nicht wegschießen kann, sondern dass Waffen meist zu noch mehr Angst führen. Am Ende haben wir gemeinsam überlegt, was ihm sonst noch bei Angst helfen könnte.

»Indem Eltern ihre Sichtweise mit Jugendlichen teilen und für Widerspruch Raum lassen, helfen sie ihnen, sich eine eigene Meinung zu bilden«

Wie spreche ich mit Jugendlichen über den Krieg?

Offen, erwachsen und am besten mit der Möglichkeit zur Diskussion. Gerade in der Pubertät geht es um die Ablösung von den Eltern und darum, eigene Werte zu finden und für sich eine Haltung zu entwickeln. In diesem Prozess prüfen Jugendliche auch, ob die Ansichten, die die Eltern oder andere wichtige Bezugspersonen ihnen vermittelt haben, für sie stimmig sind. Indem Eltern ihre Sichtweise mit ihnen teilen und für Widerspruch Raum lassen, helfen sie ihnen, sich eine eigene Meinung zu bilden. Dadurch können Jugendliche sich auch ein Stück weit in der Welt verorten – und das gibt Halt.

Neben der Angst gibt es auch die Wut. Wie gehe ich damit um, wenn mein 14-jähriger Sohn meint, er müsse sich jetzt bewaffnen und gegen Russland kämpfen?

Zu allererst muss ich das Gefühl ernst nehmen und darf es nicht als kindliche oder jugendliche Spinnerei abtun. Der Wunsch dahinter, nämlich andere zu beschützen, ist ja verständlich. Dann heißt es diskutieren: Was willst du da machen? Wem soll das helfen? Dabei kann ich meine Argumente auch gerne mal zuspitzen und fragen, was mein Sohn gegen Bomben und Panzer ausrichten will. Wie die Angst muss auch die Wut geborgen werden – das heißt, ich zeige meinem Kind, dass ich es verstehe und es mit seinem Ärger und seinem Frust nicht allein ist.

»Wir müssen Kinder nicht vor schwierigen Gefühlen schützen«

Wie geht man damit um, wenn Kinder und Jugendliche jetzt auf sozialen Netzwerken mit Bildern, Videos und Berichten über den Krieg überflutet werden?

Das zeigt erneut, wie notwendig ein Gespräch über die aktuelle Lage ist. Wir können Kinder und Jugendliche nicht unter einer künstlichen Glasglocke vor der Realität abschirmen. Was den Umgang anbelangt, kann ich das Kind fragen, wo es sich über den Krieg informiert, was auf Facebook und Tik Tok gezeigt wird und ob es dazu Fragen hat. Wenn ich mir Sorgen mache, dass es mit dem, was es auf seinem Bildschirm sieht, nicht umgehen kann, würde ich nachfragen, wie es ihm oder ihr damit geht.

Wir müssen also mit unseren Kindern im Gespräch bleiben.

Unbedingt. Und wir sollten uns klarmachen, dass wir sie nicht vor schwierigen Gefühlen schützen müssen. Wir dürfen sie nur nicht mit ihnen allein lassen.

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