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Ornithologie: Anpfiff

Fremdsprachenkenntnisse gelten heutzutage als A und O für Berufseinsteiger und Reisende - sie erleichtern die Kommunikation und lassen einen womöglich seltener in fremdkulturelle Fallen tappen. Auch im Tierreich kann ein entsprechendes Wissen hilfreich sein. Und Leben retten, wie ein amerikanischer Kleinvogel zeigt.
Kanadakleiber
Schlau ist, wer in der Natur nicht nur auf Artgenossen hört, sondern sein Ohr auch einmal Fremden leiht. So reagieren Grüne Meerkatzen auf den Feindalarm von Dreifarbenglanzstaren und bringen sich mit den Vögeln in Sicherheit. Unsere heimischen Eichhörnchen nutzen die Aufmerksamkeit von Eichelhähern, die sehr gewissenhaft ihre Umwelt beobachten und vor Mensch, Fuchs oder Habicht gleichermaßen warnen. Und umgekehrt profitieren Goldhelm-Hornvögel von den wachsamen Augen von Diana- und Campbell-Meerkatzen, die mit ihren Notsignalen sogar zwischen Luft- und Landräubern unterscheiden und entsprechend geeignete Selbstrettungsmaßnahmen auslösen.

Schwarzkopfmeise
Schwarzkopfmeise | Schwarzkopfmeisen verwenden unterschiedliche Rufe, um vor diversen Fressfeinden zu warnen: Kurze chick-a-dee-Abfolgen warnen vor eher unbedeutenden Räubern, lange Stakkati hingegen vor gefährlichen Jägern.
Spezifische Alarmrufe für unterschiedliche Fressfeinde sind dabei im Tierreich nichts Ungewöhnliches – gerade bei Vögeln, wie die europäische Amsel lehrt: Nähert sich eine Katze, zetert der Vogel laut mit einem harten tack, einem nasalen djück oder hohen, aneinander gereihten tix-Tönen, die mit wachsender Erregung und Alarmbereitschaft in enervierenden Klangsalven enden können. Gleichzeitig locken die aufmerksamen Revierinhaber weitere Artgenossen herbei, die gemeinsam die potenzielle Gefahr beschimpfen und so vertreiben wollen. Droht dagegen Gefahr aus der Luft durch einen wendigen Sperber, Habicht oder Falken, heißt es sicherheitshalber in Deckung gehen, was durch sehr hohes und durchdringendes ssieh angemahnt wird.

Besondere Gefahren erfordern besondere Rufe

Was Ausgestaltung und Informationsgehalt der Warnlaute angeht, schießt allerdings die nordamerikanische Schwarzkopfmeise (Poecile atricapillus) den Vogel ab: Je nach Art, aber auch Größe des potenziellen Räubers tönt es unterschiedlich aus dem Gebüsch. Kreist ein Greif am Himmel, belassen es die kleinen Verwandten unserer Kohlmeisen bei einem sachten seet – der Aufruf, im Versteck zu bleiben oder eines aufzusuchen. Haben sie jedoch einen Todfeind am Boden oder gut auszumachen auf einem Ast sitzend entdeckt, ist für diesen die Ruhe erst einmal vorbei. Die Schwarzkopfmeisen belästigen ihn mit "chick-a-dee"-Kaskaden und körperlichen Belästigungen, bis er aufgibt. Große, schwerfällige Gegner wie Uhus werden dabei mit nur wenigen wie leiseren "dee"-Silben bedacht, kleinere und folglich deutlich gefährlichere Räuber wie Käuzchen hingegen mit einem Stakkato aus bis zu 23 lauten Wiederholungen des Tons überschüttet.

Kanadakleiber
Kanadakleiber | Kanadakleiber reagieren auf die Meisenrufe und eilen ihnen zu Hilfe. Gleichzeitig erkennen sie am Ruf ihrer Verbündeten, welchen Aufwand zur Gefahrenabwehr sie betreiben müssen.
Doch damit nicht genug: Dieses Keifen lockt weitere Artgenossen sowie andere Singvögel an, die auch aktiv den Kauz angehen und ihn mittels Luftattacken, Flügelschlägen oder Schnabelhieben vergrämen möchten. Insgesamt bis zu fünfzig Spezies reagieren auf diesen Aufruf zum Mobbing, denn ein vertriebener Feind kann nicht mehr überraschend aus dem Hinterhalt angreifen. Unter diese Profiteure und Zu-Hilfe-Eilenden reiht sich auch der Kanadakleiber (Sitta canadensis), dessen Verhalten Christopher Templeton von der Universität von Washington in Seattle und Erick Greene von der Universität in Montana in Missoula nun einen neuen Einblick in die Verständigung unter Tieren gewährte.

Die beiden Wissenschaftler spielten verschiedenen Kleibern die chick-a-dees der Schwarzkopfmeisen aus versteckten Lautsprechern vor, wobei sie darauf achteten, dass die ursprünglichen Lauterzeuger nicht zugegen waren, um Einflüsse durch sichtbares Meisenverhalten auszuschließen. Erwartungsgemäß reagierten die Kanadakleiber und näherten sich den Bäumen mit den vermeintlichen Verbündeten und Kontrahenten an, um dort ihren Beitrag für erhöhte Sicherheit der Kleinvögel beizutragen.

Polyglotter Kleiber

Allerdings erkannten die Kleiber nicht nur den Alarmruf als solchen, sie unterschieden vor Ort auch gleich noch, ob es sich um eine kleine oder eher große Bedrohung handeln könnte. Zwitscherte die Warnung vor einem Virginia-Uhu – ein eher unwahrscheinlicher Singvogel-Jäger – aus dem Unterholz, reagierten sie eher zurückhaltend. Eine Zwergkauz-Botschaft stachelte sie dagegen richtig an, denn diese kleine Eulen bilden tatsächlich eine effektive Gefahr. Die dadurch angelockten Individuen flogen nicht nur in Richtung der Bedrohung wie bei der Uhu-Meldung, sondern näherten sich ihr stärker an, landeten häufiger auf dem Baum mit dem Wiedergabegerät und bewegten sich auf dem Stamm sogar oft darauf zu.

Schwarzkopfmeise
Schwarzkopfmeise | Schwarzkopfmeisen schließen sich außerhalb der Brutzeit oft mit anderen kleinen Singvögeln zu gemischten Schwärmen zusammen. Das erhöht die Sicherheit aller beteiligten Tiere.
Gleichzeitig verhielten sie sich gegenüber dem "Kauz" deutlich aggressiver, indem sie ihre Flügel vermehrt abspreizten – ein Drohsignal – und in die Beschimpfungen einstimmten. Überdies dauerte es länger, bis sie sich wieder beruhigten und zu ihrem normalen Fress- und Ruheverhalten zurückkehrten als im Falle eines anwesenden Großgreifvogels. Ein situationsgerechtes Verhalten, das nur zum Vorteil der Kleiber ist, so die Forscher. Denn indem sie die feinen Nuancen in den Alarmrufen der Meisen richtig deuten, sparen sie gerade im Winter kostbare Energie und Zeit für die Nahrungssuche, die sie bei der unspezifischen Feind-Vertreibung vergeuden müssten.

Wahrscheinlich ist dieses Verhalten erworben und nicht vererbt, da sich die Mobbing- und Warnlaute der beiden Singvögel stark unterscheiden. Womöglich spielt das Schikanieren an sich sogar die Rolle von Unterrichtseinheiten, denn es lockt eine Vielzahl an Tieren herbei, die somit Freund, Feind und entsprechende Rufe praxisnah kennenlernen. Unklar ist Templeton und seinem Kollegen zudem noch, welcher akustische Bestandteil der chick-a-dees genau den Kleibern die entsprechenden Botschaften vermittelt. Neben der Zahl der dee-Silben kommen beispielsweise noch Lautstärke oder Frequenz der Rufe in Betracht.

Neben diesen akademischen Fragen könnte das gezeigte Verhalten der Kleiber für Forscher und Naturschützer auch ganz praktische Probleme aufwerfen: Sie versuchen, mit den Warnrufen der Schwarzkopfmeisen andere Singvögel herbeizulocken, um sie zählen zu können. Die Ergebnisse zeigen aber nun, dass dazu stets der Kleinräuber-Alarm gespielt werden sollte – alles andere lockt die Tiere vielleicht kaum hinter dem Baum hervor.
20.03.2007

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 20.03.2007

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