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Anstieg des Meeresspiegels: Was Venedig vor dem Untergang bewahren kann

Auch die 2022 eingeweihten Sperrwerke können Venedig nicht dauerhaft vor dem steigenden Meeresspiegel schützen. Eine Barriere um die Stadt herum, ein »Superdeich« oder ein sehr großer Umzug wären Alternativen.
Eine überflutete Piazza mit historischen Gebäuden und einem hohen Glockenturm im Hintergrund. Die Wasseroberfläche spiegelt die Architektur wider, während die Lichter in den Arkaden auf der rechten Seite leuchten. Der Himmel ist bewölkt, was eine ruhige und reflektierende Atmosphäre schafft.

Venedig nahm sein heutiges Erscheinungsbild zwischen dem 13. und 15. Jahrhundert an. Wie lange sich die Menschheit daran noch erfreuen kann, ist jedoch fraglich. Die Lagunenstadt liegt nämlich nur knapp über dem Meeresspiegel, der infolge des Klimawandels bekanntlich steigt. Immer häufiger wird Venedig überschwemmt, allein in den vergangenen 23 Jahren lagen 18-mal mindestens 60 Prozent des Stadtgebiets unter Wasser. Linderung gibt es seit 2022, als ein System aus drei Sperrwerken an den Eingängen zur Lagune installiert wurde und die Stadt seither zuverlässig vor Sturmfluten schützt. Die beweglichen Barrieren sind allerdings nur ein Zwischenschritt hin zu einem langfristigen Schutz der Stadt.

Davon ist ein internationales Autorenteam um Piero Lionello von der University of Salento im italienischen Lecce überzeugt. Bis zu einem Meeresspiegelanstieg von 1,25 Metern seien die Sperrwerke wirksam. Aber selbst, wenn die Menschheit ihren Ausstoß an Treibhausgasen stark drosselt, würde diese Schwelle bis zum Jahr 2300 überschritten. Und auch schon in diesem Jahrhundert erfordere es der Anstieg des Meeresspiegels, dass die Schleusen immer häufiger geschlossen werden, was wiederum das Ökosystem in der Lagune beeinträchtigt. Je nach Szenario rechnen die Autoren bis 2100 mit einem Anstieg von etwa 40 bis 80 Zentimetern, aber auch 1,80 Meter könnten nicht ausgeschlossen werden. Je 15, 70 oder 98 Prozent der Stadt stünden damit unter Wasser.

In einem Artikel für das Journal »Scientific Reports« stellen die Autorinnen und Autoren nun drei Strategien einander gegenüber, die die Stadt langfristig vor dem steigenden Meeresspiegel schützen könnten. Dazu gehören die Bewahrung des Zentrums von Venedig durch Deiche, die es vom Rest der Lagune trennen, die Schließung der Lagune durch einen »Superdeich« oder die Verlegung der Stadt, ihrer Bewohnerinnen und Bewohner und der historischen Sehenswürdigkeiten ins Landesinnere.

Schon bei einem Meeresspiegelanstieg von mehr als einem halben Meter könnten Deiche rund um die Stadt notwendig werden, schätzen die Autoren. Dieses Szenario würde bereits vor 2100 eintreten, wenn die Emissionen weltweit sehr hoch blieben. Alternativ könnte man die Lagune aber auch komplett schließen. Der dafür nötige Superdeich, der in einer solchen Größenordnung bislang ohne Beispiel ist, könnte die Stadt nach Darstellung der Autoren vor einem Meeresspiegelanstieg von bis zu zehn Metern schützen. Bei einem Meeresspiegelanstieg von mehr als 4,5 Metern könnte aber bereits eine Verlegung der Stadt notwendig werden. Dieser Fall würde voraussichtlich nach 2300 eintreten.

Das Autorenteam hat auch die anfallenden Kosten je Maßnahme abgeschätzt und dabei auf das Jahr 2024 referenziert. Dem bestehenden System von Sperrwerken, das etwa 6 Milliarden Euro gekostet habe, stünden dabei 0,5 bis 4,5 Milliarden für den Bau von Deichen gegenüber, die die Stadt umgeben. Der Superdeich zur Schließung der Lagune würde dagegen mehr als 30 Milliarden Euro kosten, und die Verlegung der Stadt sogar bis zu 100 Milliarden. Die Umsetzung derart großer Maßnahmen dauert den Autoren zufolge zwischen 30 und 50 Jahren. Eine frühzeitige Planung sei deswegen unerlässlich.

Anmerkung: In einer früheren Fassung stand, dass der Meeresspiegel auch bei niedrigem Treibhausgasausstoß bis 2030 mehr als 1,25 Meter steigen könnte. Richtig ist, dass das bis 2300 der Fall sein könnte. Die Textstelle wurde korrigiert. 

  • Quellen
Lionello, P. et al., Scientific Reports 10.1038/s41598–026–39108-z, 2026

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